Donnerstag, 19.09.2019

11:00 - 12:30

R3

S19-08

Aktuelle Versorgungsansätze

Moderation: V. Gerling, Dortmund

11:00
Unsichtbare Helfende bei Pflege auf Distanz: Praxiszentrierte Netzwerkkarten zum Sichtbarmachen komplexer Unterstützungsnetzwerke
S19-08-01 

A. Franke, H. Pelizäus-Hoffmeister; Ludwigsburg, Neubiberg

Vor dem Hintergrund zunehmender räumlicher Entfernungen zwischen Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen in Deutschland untersucht das Projekt „DiCa - Distance Caregiving: Pflege- und Hilfepotenziale über nationale Distanzen und internationale Grenzen hinweg“ Hinweise auf Rahmenbedingungen, die ein Gelingen von Pflege auf Distanz fördern. Hierzu wurden u.a. N=35 Interviews mit pflegenden Angehörigen (Distance Carer) in Deutschland durchgeführt. Zudem wurden Netzwerkkarten (Kahn & Antonucci 1980)eingesetzt, um zu erheben, welche Akteure aus Sicht der Distance Carer zu gelingenden Pflegearrangements beitragen.

Bei ersten Datenauswertungen in Form von Inhaltsanalysen (Mayring 2000)wurde allerdings sichtbar, dass mit der eingesetzten egozentrierten Netzwerkkarte – mit dem Distance Carer im Zentrum – die Forschungsfrage nur unzureichend beantwortet werden konnte. Ein großer Teil der Leistungen des komplexen und oftmals multi-lokalen Unterstützungsnetzwerks, die den Distance Carer nur indirekt betreffen, aber für das Pflegearrangement größte Wichtigkeit besitzen, bleiben im Verborgenen, da die Netzwerkkarte nur die Personen mit Einfluss auf den Distance Carer umfasst. Bei der Konzeption der Netzwerkkarte wurde daher ein praxeologischer Schwenk vorgenommen, der sich am Konzept Alltäglicher Lebensführung (Voß 2001) und praxistheoretischen Überlegungen orientiert (z.B. Schmidt 2012) und das Pflegearrangement ins Zentrum stellt.

Ziel dieses methodisch fokussierten Beitrags ist es, anhand der Präsentation des konkreten empirischen Vorgehens im Projekt zu zeigen, wie ein praxeologisch orientierter Blick auf den Alltag unter Einbezug praxis-zentrierter Netzwerkkarten im Prozess der Datenerhebung und -auswertung zu wichtigen Erkenntnissen führt, die ansonsten unsichtbar blieben. Das systematische Auswertungsverfahren wird erkenntnistheoretisch fundiert und hinsichtlich seiner Erträge für die qualitative Forschung diskutiert.

Mit einer praxiszentrierten Netzwerkkarte wird erkennbar, wie viele Akteure mit ihren unterschiedlichen Leistungen direkt und indirekt dazu beitragen, dass Pflege auf Distanz möglich ist. Und es wird sichtbar, dass auf den ersten Blick völlig unbedeutend erscheinende Leistungen – an unterschiedlichen Orten – dennoch einen beträchtlichen Einfluss auf das Gelingen des gesamten Pflege-Arrangements nehmen können.

11:15
Einsatz eines "Sprachenkörpers" zur Unterstützung im mehrsprachigen Pflegealltag
S19-08-02 

K. B. Karl, Y. Behrens; Bochum

„Wie kann man Pflegekräfte bei der Pflege von MigrantInnen sprachlich unterstützen? Wie erreicht man die Verbesserung der sozialen Teilhabe von MigrantInnen in Pflegeheimen?“

Mehrsprachigkeit ist mittlerweile ein auch im Pflegeheim verbreitetes Phänomen. Das Aufeinandertreffen von Sprachen und Kulturen bringt eine Bereicherung mit sich, stellt jedoch die Beteiligten zugleich vor besondere Herausforderungen. Im Pflegealltag sind zwei besonders herauszustreichen: die Schwierigkeiten, die sich für die Pflegekraft ergeben, wenn sie und die pflegebedürftige Person unterschiedliche Sprachen sprechen und die isolierende Folge für die pflegebedürftige Person, wenn sie wenig bis keine Möglichkeit hat, ihre vertraute Sprache im Alltag zu verwenden oder zu hören.

Der Vortrag setzt hier an und präsentiert eine im Pflegealltag einsetzbare Hilfestellung: den Sprachenkörper – eine postergroße Abbildung eines Menschen, auf der die einzelnen Körperteile dargestellt sind und interaktiv mit dem mehrsprachigen Pflegebedürftigen in seiner Sprache, ergänzt um die lautgerechte Umschrift und die deutsche Übersetzung benannt und beschriftet werden. So entsteht ein zweisprachiges Abbild eines Menschen, auf das die Pflegekraft zurückgreifen und unmittelbar, ohne Blättern in Vokabellisten oder zeitaufwendiges Lernen, in ihren Pflegeablauf integrieren kann. Die pflegebedürftige Person profitiert dabei während der Erstellung des Bildes, da eine Person in Interaktion mit ihr tritt und die Muttersprache aktiviert und in der längerfristigen Anwendung, da sie bei Verwendung des muttersprachlichen Wortes für die Körperteile verstanden werden kann und zugleich die Wahrscheinlichkeit wächst, dass Pflegekräfte ihrerseits die nicht deutschen Begriffe verwenden. Damit steigt die Möglichkeit, die vertraute Sprache zu hören und zu sprechen.

Der Vortrag skizziert die einzelnen Schritte von der Erstellung (1) über die Implementation (2) bis hin zur Evaluation (3) eines solchen Sprachenkörpers. Dafür werden exemplarisch zwei mehrsprachige pflegebedürftige Personen in einem deutschsprachigen Pflegeheim vorgestellt, die mit einer zweisprachigen Person den Sprachenkörper erstellt haben (1). Folgend wurde die Abbildung im Zimmer des Pflegebedürftigen aufgehängt und die Pflegekräfte über die Einsatzmöglichkeit informiert (2). Nach der so erfolgten Einführung wurde nach 4 Wochen eine Befragung unter den Beteiligten durchgeführt, um den Einsatz und die Bewertung des Sprachenkörpers zu erfahren (3).

11:40
Erprobung einer neuen, zukunftsweisenden (?) Versorgungsform für ältere Menschen: Das regionale Geriatrische Notfall-Versorgungszentrum (GeriNoVe)
S19-08-03 

J. Matuschek-Geisler, J. Steinle, B. Birnbaum, M. H.-J. Winter; Weingarten

Die Inanspruchnahme von Notaufnahmen durch ältere Menschen nimmt zu, bereits jetzt machen sie einen Anteil von 30 % aller dort behandelten Patient*innen aus [1]. Dabei ist bekannt, dass Notaufnahme- und Krankenhausbehandlungen für ältere Patient*innen Hochrisikosituationen darstellen, die u. a. mit einer Verschlechterung der Selbsthilfefähigkeit und erhöhter Mortalität einhergehen [2]. Neben Versorgungsmängeln bei medizinischen Notfällen, ist zudem auch erwiesen, dass ältere Menschen häufiger eher sozial-pflegerische bzw. therapeutische als akutmedizinische Bedarfe haben.

Auf Grundlage dieser Tatsache wurde durch den Medizin Campus Bodensee und die Stiftung Liebenau GeriNoVe als neue Versorgungsform entwickelt, die zwischen den Leistungen des SGB V und XI angesiedelt ist. Das Projekt wird von 2019 bis 2021 durch den Innovationsausschuss des G-BA gefördert.
Ältere Menschen mit einem akut sozial-pflegerisch konturierten Versorgungsbedarf können GeriNoVe niederschwellig rund um die Uhr zugewiesen werden. Ziel des über 18 Betten verfügenden Zentrums ist es, mittels Geriatrie-Checks und -Screenings die Bedarfe und Bedürfnisse der Patient*innen zu identifizieren. Auf Basis dieser Ergebnisse entwickelt das pflegerisch geleitete interdisziplinäre Team gemeinsam mit den Patient*innen ein bedarfsorientiertes, sektorenübergreifendes Versorgungsarrangement. Dadurch sollen zügige Rückführungen ins häusliche Umfeld oder Weiterleitungen in das passende Versorgungssystem ermöglicht und Fehlallokationen sowie ein Drehtüreffekt vermieden werden [3,4]. Durch den Einsatz akademischer Pflegekräfte bei der Bedarfserhebung und direkten Pflege erfolgt die Versorgung nach aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der innovative Charakter von GeriNoVe liegt somit sowohl im Leistungsspektrum als auch in der Tatsache, dass Pflege als Leitdisziplin dieser Versorgungseinheit und der Fallführung fungiert.

Die Begleitforschung folgt einem Mixed-Methods-Ansatz. Zentral sind dabei Fragen nach der Patient*innenzufriedenheit, der subjektiven Lebensqualität und der anschließenden Versorgungssituation. Zudem werden Mitarbeitende zu ihrer Einschätzung von und ihren Erfahrungen mit GeriNoVe sowie der aus der pflegerischen Leitungsaufgabe resultierenden neuen Arbeitsteilung befragt. Neben Primärdatenanalysen werden auch GKV-Routinedaten von GeriNoVe-Patient*innen analysiert und mit einer entsprechenden Vergleichsgruppe ohne GeriNoVe-Versorgung verglichen.

[Literatur bei Verfasser]

12:00
Digitale Kommunikationsanreize aus der angewandten Demenzforschung: Kohortenspezifische Filmclips zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Menschen mit Demenz und Angehörigen bzw. Fachkräften
S19-08-04 

C. Leopold, T. Sollfrank, S. Pohlmann; München

Untersuchen belegen, dass Kommunikationshürden ein zentrales Problem bei der Versorgung von Menschen mit Demenz (MmD) darstellen. Speziell wenn die gewohnte verbale Kommunikation kaum noch möglich ist, verzweifeln Angehörige und Fachkräfte und suchen oftmals vergeblich nach Alternativen. Ziel des vorliegenden Projekts ist es, passgenaue digitale Kommunikationsmittel zu entwickeln und ihre quantitativen und qualitativen Auswirkungen auf die Kommunikation bei Angehörigen und Fachkräften mit MmD zu evaluieren.
Methode. Insgesamt wurden 9 demenzsensible Filmclips produziert und fortlaufend im Feld validiert. Aufgenommen wurden Alltagssituationen, die sich zeitlich in den 1950er oder 1960er Jahren verankern lassen und kohortenspezifische Materialen und Themen aufgreifen. Angezielt wurden auf diese Weise möglichst resistente Gedächtnisinseln. Zudem orientieren sich Geschwindigkeit, Länge; Requisitenanzahl, Fokussierung, Schnitt an den Wahrnehmungsbeschränkungen einer Demenz. Dramaturgische Eigenschaften wurden zudem variiert (Einzelperson/Dyade/Kleingruppe; ohne/mit Ton bzw. Musik). Zur Evaluation der kommunikativen Auswirkungen des gemeinsamen Betrachtens eines oder mehrerer Filmclips wurden diese entsprechend den eigenen Wünschen eingesetzt. Zur Evaluation füllten Fachkräfte und Angehöhrige bei jeder Interaktion einen 23-Items-Beobachtungsbogen aus. In den Einrichtungen wurden zusätzlich halb-standardisierte Beobachtungen durch externe Untersucherinnen und Untersucher durchgeführt.
Ergebnisse. Teilgenommen haben 13 Einrichtungen und 20 Angehörige. Diese füllten zusammen 44 Beobachtungsbögen aus. An 26 Terminen wurde teilnehmend beobachtet. Die erkrankten Personen wiesen eine mittlere bis schwere Demenz auf. Die Ergebnisse belegen eine hohe Akzeptanz der Filme bei Fachkräften, Angehörigen und MmD. Die Filme initiieren Kommunikation bei den Betroffenen, teils durch kritische Realitätsprüfung, teils durch Austausch über eigene, damalige Aktivitäten und verbessern die Beziehungsebene der beteiligten Akteure.
Fazit. Kohortenspezifische Filmclips erzeugen selbst bei stark in ihrer Kommunikation eingeschränkten MmD neue Interaktionsanlässe und setzen brach liegende Ressourcen frei. Sie entlasten Fachkräfte und Angehörige in ihrem Kommunikationsverhalten mit Betroffenen und lassen ein Zusammenwirken auf Augehöhe erkennen. Die Filme aktivieren teilweise neue Kommunikationsformen. Derzeit werden weitere Erhebungen durchgeführt, um die Robustheit der Daten zu überprüfen.

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