Freitag, 20.09.2019

14:15 - 15:45

R003

S20-10

Alternsverläufe der funktionalen Gesundheit und Wege in die Pflegebedürftigkeit: Schutz- und Risikofaktoren

Moderation: S. Nowossadeck, Berlin

Die funktionale Gesundheit ist Voraussetzung für Autonomie, Lebensqualität und soziale Partizipation. Sie nimmt mit zunehmendem Alter ab, das allerdings mit einer großen Varianz der Entwicklungsverläufe von relativer Stabilität bis hin zu Pflegebedürftigkeit. Die Verläufe funktionaler Gesundheit und Faktoren des Eintritt in die Pflegebedürftigkeit sind auch Thema des vom Spitzenverband der GKV geförderten Projekts „Gesundheitsverläufe im Alter: Wege in die Pflegebedürftigkeit“ des DZA Berlin und der Charité Universitätsmedizin Berlin. Das Projekt identifiziert Faktoren, die die Verläufe funktionaler Gesundheit im mittleren und hohen Alter bis hin zur Pflegebedürftigkeit positiv oder negativ beeinflussen.

Die Analysen basieren zum einen auf Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS), einer bevölkerungsrepräsentativen Studie von Menschen ab 40 Jahren. Der DEAS erfasst seit 1996 Daten unter anderem zu Gesundheit von mittlerweile über 20.000 Personen. Zum anderen werden anonymisierte Daten von ca. 73.000 Pflegegutachten des MDK Berlin-Brandenburg mit und ohne Empfehlung für einen Pflegegrad aus dem Jahr 2017 analysiert. Erste Befunde aus dem Projekt werden in fünf Beiträgen vorgestellt:

Spuling et al. gehen der Frage nach, ob es Kohortenunterschiede in altersassoziierten funktionalen Gesundheitsverläufen gibt und wie stark diese Unterschiede auf Geschlecht, Bildung, BMI und Erkrankungen zurückzuführen sind.

Wettstein et al. untersuchen die Rolle von Schmerz für Veränderungen der funktionalen Gesundheit über einen 9-Jahreszeitraum und identifizieren Ressourcen (Copingstrategien und kognitive Fähigkeiten), die den negativen Einfluss von Schmerz auf die funktionale Gesundheit mildern.

Cengia et al. prüfen im Längsschnitt, ob sich der Zusammenhang zwischen depressiven Symptomen sowie subjektiver Gesundheit und funktionaler Gesundheit in Abhängigkeit vom Ausmaß physischer Aktivität unterschiedlich darstellt.

Nowossadeck et al. schätzen die Prävalenzen von Frailty und Pre-Frailty in der Bevölkerung als Stadien von hochfragiler funktionaler Gesundheit.

Stein et al. stellen Analysen der Pflegeerstbegutachtungen vor, um soziale Determinanten wie etwa Familienstand und Wohnsituation für den Eintritt in Pflegebedürftigkeit aufzuzeigen.

Die Befunde aller Beiträge werden im Hinblick auf ihre praktischen Implikationen und Möglichkeiten der Prävention funktionaler Gesundheitseinbußen diskutiert.

 

14:15
Welche Rolle spielen Bildung, Lebensstil und andere Gesundheitsdimensionen für Kohortentunterschiede in der funktionalen Gesundheit?
S20-10-01 

S. Spuling, M. Wettstein, A. Cengia, S. Nowossadeck, C. Tesch-Römer; Berlin

Bisherige Forschungsergebnisse kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Frage, ob später geborene Kohorten mit einer besseren funktionalen Gesundheit ins (sehr) hohe Alter kommen. Zudem ist noch nicht ausreichend untersucht, auf welche unterschiedlichen Faktoren (wie z.B. soziodemografische Faktoren, Lebensstil, andere Gesundheitsdimensionen) Kohortenunterschiede in den Verläufen funktionaler Gesundheit genau zurückzuführen sind. Das Ziel dieses Beitrags ist es daher, differenziert zu untersuchen, wie sich Alternsverläufe funktionaler Gesundheit für verschiedene Geburtsjahrgänge unterscheiden und auf welche Faktoren diese Unterschiede zurückzuführen sind.

Um die Alternsverläufe funktionaler Gesundheit für verschiedene Geburtsjahrgänge (1930-39 /1940-49/1950-59 Geborene) zu analysieren, wurden Daten aus fünf Wellen (2002, 2008, 2011, 2014, 2017) des Deutschen Alterssurveys genutzt. Die Stichprobe bestand aus insgesamt 10.677 Personen (43-87 Jahre), die mindestens einmal am Survey teilgenommen haben. Als Analysemethode wurden Dual-Change Score Modelle gewählt, bei der in Bezug auf Ausgangsniveau (Intercept) und Ausmaß der altersassoziierten Veränderung (Slope) schrittweise für ausgewählte soziodemografische Variablen (Geschlecht, Bildung), Lebensstilfaktoren (BMI, körperliche Aktivität, Tabakkonsum) und andere Gesundheitsdimensionen (körperliche, subjektive, mentale Gesundheit) kontrolliert wurde.

Die Ergebnisse konnten signifikante Unterschiede zwischen den Geburtsjahrgängen zeigen: die altersassoziierte Abnahme der funktionalen Gesundheit war weniger stark bei später Geborenen ausgeprägt im Vergleich zu früher Geborenen. Besonders bei Kontrolle von Bildung und anderer Gesundheitsdimensionen fielen die Kohortenunterschiede in den Alternsverläufen funktionaler Gesundheit geringer aus. Trotzdem blieben Unterschiede zwischen den Geburtsjahrgängen auch bei  Berücksichtigung aller Kontrollvariablen weiterhin signifikant.

Unsere Befunde legen nahe, dass später geborene Kohorten eine geringere altersassoziierte Abnahme der funktionalen Gesundheit erfahren. Dieser positive Kohortentrend kann nicht vollständig durch Kohortenunterschiede in Bildung, Lebensstil und anderer Gesundheitsdimensionen erklärt werden. Weitere Erklärungsfaktoren für die Kohorteneffekte in funktionaler Gesundheit sollten daher im Rahmen künftiger Forschung identifiziert werden.

14:30
Der Zusammenhang zwischen Schmerz und Veränderungen der funktionalen Gesundheit im mittleren und höheren Erwachsenenalter
S20-10-02 

M. Wettstein, S. Spuling, A. Cengia, S. Nowossadeck, J. Tesarz; Berlin, Heidelberg

Personen im mittleren und höheren Erwachsenenalter, die unter Schmerzen leiden, haben ein erhöhtes Risiko für Einbußen der funktionalen Gesundheit sowie für stärkere Gesundheitsrückgänge mit zunehmendem Alter. Allerdings ist wenig darüber bekannt, ob individuelle Ressourcen die negative Wirkung von Schmerz auf die funktionale Gesundheit abschwächen können.

In dieser Studie wurde untersucht, ob kognitive Fähigkeiten sowie akkomodative Copingstrategien den Zusammenhang von Schmerz mit funktionaler Gesundheit moderieren. Verwendet wurden Daten des Deutschen Alterssurveys. Die Stichprobe bestand aus 4609 Personen (mittleres Alter 62.19 Jahre, Range 40-89 Jahre), die bis zu viermal am Alterssurvey teilnahmen (2008, 2011, 2014 und 2017). Funktionale Gesundheit wurde mit der Skala „Körperliche Funktionsfähigkeit“ des SF-36 erfasst. Mit einem einzelnen Item wurde die Schmerzintensität gemessen. Kognitive Fähigkeiten wurden mit dem Zahlen-Zeichen-Test gemessen, und eine modifizierte Skala zur Erfassung der flexiblen Zielanpassung wurde für die Messung akkomodativer Copingstrategien verwendet.

Auf Grundlage längsschnittlicher Multilevel-Regressionsmodelle zeigte sich (bei Kontrolle von Geschlecht, Zahl chronischer Erkrankungen und Bildung), dass Personen mit mehr bzw. stärkeren Schmerzen ein niedrigeres Ausgangsniveau sowie einen stärkeren Rückgang hinsichtlich ihrer funktionalen Gesundheit aufwiesen, während Personen mit höheren kognitiven Fähigkeiten ein höheres Ausgangsniveau sowie einen geringeren Rückgang in ihrer funktionalen Gesundheit zeigten. Darüber hinaus waren die Interaktionseffekte von Schmerz mit kognitiven Fähigkeiten und flexibler Zielanpassung signifikant: Der negative Zusammenhang von Schmerz mit dem Ausgangsniveau funktionaler Gesundheit war geringer für Personen, die bessere kognitive Fähigkeiten hatten und mehr flexible Zielanpassung berichteten.

Unsere Befunde legen nahe, dass Schmerz mit niedrigerer funktionaler Gesundheit und ungünstigeren Gesundheitsverläufen verbunden ist, während kognitive Fähigkeiten eine Ressource für den Erhalt funktionaler Gesundheit darstellen. Zudem mildern kognitive Fähigkeiten und akkomodative Copingstrategien den negativen Zusammenhang zwischen Schmerz und funktionaler Gesundheit ab.

14:45
Das Zusammenspiel von körperlicher Aktivität, subjektiver Gesundheit und depressiven Symptomen als Prädiktoren für die Entwicklung funktionaler Gesundheit.
S20-10-03 

A. Cengia, S. Spuling, M. Wettstein, S. Nowossadeck; Berlin

Vergangene Forschung konnte zeigen, dass sowohl subjektive Gesundheit als auch depressive Symptome mit funktionaler Gesundheit und ihrer Entwicklung mit zunehmendem Alter zusammenhängen. Eine gute subjektive Gesundheit und eine geringere Anzahl depressiver Symptome sind beide Schutzfaktoren für die funktionale Gesundheit. Eine Möglichkeit, diese beiden Faktoren zu beeinflussen, besteht durch körperliche Aktivität, genauer gesagt durch die Abschwächung ihres Einflusses auf die funktionale Gesundheit. Diese Studie untersucht deshalb die Wechselwirkungen subjektiver Gesundheit und depressiver Symptoms mit körperlicher Aktivität  als Prädiktoren des  altersassoziierten Verlaufs der funktionalen Gesundheit.

Für die statistische Analyse wurden Längsschnittdaten des Deutschen Alterssurvey verwendet, einer bundesweit repräsentativen Studie mit Probanden ab 40 Jahren (n = 11.601). Alle verwendeten Variablen wurden zu mindestens drei Erhebungszeitpunkten erfasst. Zur Untersuchung von längsschnittlichen Moderationseffekten wurden Latent-Change-Score-Modelle verwendet.

Sowohl für die subjektive Gesundheit als auch für depressive Symptome konnte eine Interaktion mit körperlicher Aktivität über die Zeit festgestellt werden. Genauer: der positive Einfluss von subjektiver Gesundheit auf funktionale Gesundheit wird durch körperliche Aktivität verstärkt, der negative Einfluss von depressiven Symptomen auf funktionale Gesundheit wird durch körperliche Aktivität abgepuffert.

Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass eine Steigerung der körperlichen Aktivität, etwa auf Grundlage von Interventionen, den negativen Effekt bestimmter Risikofaktoren auf die funktionale Gesundheit abschwächen können.

15:00
Frailty und Pre-Frailty als Indikatoren fragiler funktionaler Gesundheit
S20-10-04 

S. Nowossadeck, A. Cengia, S. Spuling, M. Wettstein; Berlin

Der Indikator funktionale Gesundheit bildet die Folgen ab, die die körperliche und kognitive Gesundheit auf die Fähigkeit haben, Alltagstätigkeiten selbständig auszuführen. Im höheren Alter sind für einige Menschen die körperlichen und funktionalen Einbußen so stark, dass sie in ein Stadium besonderer gesundheitlicher Fragilität kommen, das als  Frailty bzw. die Vorstufe dazu als Pre-Frailty bezeichnet wird und das ein erhöhtes Risiko für Pflegebedürftigkeit und Mortalität bedeutet.

Für Frailty und Pre-Frailty gibt es keine standardisierten Definitionen, sie wurden bisher unterschiedlich phänotypisch beschrieben und operationalisiert. Der hier verwendete Indikator wurde am Konzept von Fried und Kollegen (2001) ausgerichtet und beruht ausschließlich auf Selbstberichten von Befragten. Der Indikator umfasst Angaben zu unbeabsichtigtem Gewichtsverlust, Depressivität, geringer körperlicher Aktivität, eingeschränkter Mobilität sowie reduzierter Greifkraft. Analysiert wurden Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS) 2014 mit einer Stichprobe von über 4.200 Personen im Alter zwischen 40 und 85 Jahren. Der Beitrag gleicht den Indikator mit Befunden der DEGS-Studie (2008/11) des Robert-Koch-Instituts ab und schätzt die Verbreitung von Frailty und Pre-Frailty in der Bevölkerung.

Frailty tritt vor allem im höheren Alter auf: Von den 65- bis 79-Jährigen sind etwa 4%, bei den ab 80-Jährigen etwa 14% von Frailty betroffen. Eine ähnliche Altersverteilung zeigt die Pre-Frailty: Knapp 30% der 65- bis 79-Jährigen und bereits 42% der ab 80-Jährigen zeigen Symptome von Pre-Frailty. Bei Frauen sind Frailty und Pre-Frailty häufiger zu beobachten als bei Männern. Außerdem zeigt sich ein starker Bildungsgradient – niedrig Gebildete sind häufiger frail oder pre-frail als Menschen mit höherer Bildung. Die Ergebnisse des DEAS zu Frailty/Pre-Frailty liegen in  einer vergleichbaren Größenordnung wie die Befunde der DEGS-Studie.

Die Befunde der Studie zeigen, dass auch Selbstberichte aus einem Befragungssurvey ohne die von Fried und Kollegen (2001) genutzten Funktionstests die Stadien Frailty und Pre-Frailty abbilden können und zu Prävalenzschätzungen führen, die anderen Studienergebnissen ähneln. Weitere Analysen zu Einflussfaktoren auf die Verläufe dieser Stadien fragiler funktionaler Gesundheit können dazu beitragen, Präventionspotenziale für Menschen in der zweiten Lebenshälfte aufzudecken und damit ein längeres Leben in Selbständigkeit zu ermöglichen. 

15:15
Determinanten für Pflegebedarf - Analysen von Erstbegutachtungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK)
S20-10-05 

T. Stein, S. Blüher, P. Bach, S. Schnitzer, A. Kuhlmey; Berlin

Zielstellung: Das Auftreten chronischer und akuter Erkrankungen spielt eine wichtige Rolle für den Verlust von Selbstständigkeit im höheren Alter. Eine Beschränkung auf Morbiditäten für die Entstehung von Pflegebedarf greift indes zu kurz. Auch (psycho-)soziale Faktoren wie Partnerschaft, soziale Unterstützung und Wohnsituation müssen hier in Betracht gezogen werden. Davon ausgehend zeigt diese Studie typische Kumulationspunkte von Risiko- und Ressourcenkonstellationen auf, die häufig den Eintritt in Pflegebedürftigkeit bedingen. Fokus der Analysen sind soziodemographische und soziale Determinanten im Zusammenwirken mit physischen und psychischen Einschränkungen.

Methode: Grundlage für die Analysen sind anonymisierte Daten aus Pflege-Erstbegutachtungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) für Berlin und Brandenburg des Jahres 2017 (N = 72.680). Neben deskriptiven Analysen wird im Besonderen das Verfahren des Text Minings ange-wendet. Dies ermöglicht, Bedeutungsstrukturen aus schwach strukturierten Narrativen herauszu-filtern und eine Identifizierung und Analyse sozialer Determinanten bei Entstehung von Pflegebedarf vorzunehmen.

Ergebnisse: Bei Betrachtung aller Antragsteller*innen (ab 50 Jahren) sind als Erstdiagnose zumeist nicht näher bezeichnete Demenz (6.7% an allen Einstufungsempfehlungen), Polyarthrose (4.9%), Herzinsuffizienz (4.8%), Hirninfarkt (4.2%) und sonstige chronische obstruktive Lungenkrankheit (4.2%) mit der Empfehlung auf Einstufung in einen Pflegegrad assoziiert. Diese indizieren in Kombination mit sozialen Determinanten einen Zusammenhang mit der Feststellung der Pflegebedürftigkeit - so zeigt sich bspw. bei den häufigsten Erstdiagnosen, dass das Fehlen einer Partnerschaft deutlich häufiger zu einer Empfehlung für die Einstufung in Pflegegrad 4 und 5 führt als dies bei Vorliegen einer Partnerschaft der Fall ist.

Schlussfolgerung: Die Daten untermauern, dass neben der Bedeutung von Morbiditäten auch soziale Determinanten und damit einhergehend spezifische Risiko- und Ressourcenkonstellationen bei der Empfehlung auf Einstufung in einen Pflegegrad eine wichtige Rolle spielen. Wirkungszusammenhänge physischer, psychischer und sozialer Einflussfaktoren im Sinne von Konstellationen für die Entstehung von Pflegebedarf sind dabei noch unzureichend analysiert. Die Daten des MDK bieten die Chance, entsprechende Konstellationen abzubilden und vor dem Hintergrund präventiver Bemühungen zu diskutieren.

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