Donnerstag, 19.09.2019

11:00 - 12:30

R15

S19-04

Altersbilder – Neue Perspektiven für Forschung und Praxis

Moderation: A.-K. Beyer, Berlin

Zahlreiche Forschungsarbeiten zeigen, dass sich individuelle Vorstellungen vom Altern und Altsein - sogenannte Altersbilder –  im Verlauf des Lebens auf Entwicklungsprozesse auswirken und somit einen Einfluss auf erfolgreiches Altern haben. Neuere Forschungsarbeiten in diesem Bereich beschäftigen sich daher tiefergehend mit einer differenzierteren Untersuchung der Erfassung von Altersbildern, inwiefern sich Altersbilder in unterschiedlichen Gruppen unterscheiden sowie Quellen von Altersbildern und Ansatzpunkte für deren Veränderung. Das Symposium soll diese aktuellen Entwicklungen in der Altersbildforschung darstellen und offene Fragen, sowie weitere Forschungsansätze aufzeigen.

Spuling et al. untersuchten, wie Altersstereotype und Selbsteinschätzungen in unterschiedlichen Altersgruppen ausgeprägt sind. Welche konvergente und diskriminante Validität unterschiedliche Facetten subjektiven Alterns aufweisen, gingen Kessler und Kollegen nach. Notthoff et al. geben einen Überblick über gängige Messinstrumente zur Erfassung von Altersbildern sowie einen Ausblick auf neuere Methoden. Die letzten beiden Beiträge beschäftigen sich mit Einflussfaktoren auf das individuelle Älterwerden auf Basis von längsschnittlichen Daten des Deutschen Alterssurveys. Wurm und Kollegen untersuchten die Rolle von kardiovaskulären Ereignissen für Altersbilder. Blawert et al. gingen der Frage nach, inwiefern individuelle Wertvorstellungen Altersbilder über die Zeit prägen.  

11:00
Maße zur Erfassung verschiedener Facetten subjektiven Alterns – konvergente und diskriminante Validität
S19-04-01 

E.-M. Kessler, V. Klusmann, C. Bowen, A. Kornadt, S. Spuling; Berlin, Konstanz, Wien/A, Bielefeld

Wie Menschen ihr Alter(n) erleben, war in den letzten Jahren ein bedeutsamer Gegenstand gerontopsychologischer Forschung. Die in Studien häufig verwendeten Indikatoren subjektiven Alterns wurden allerdings bisher noch nicht hinreichend auf ihre konvergente und diskriminante Validität hin untersucht. In dieser Studie wurden Daten aus der 2014 Welle des Deutschen Alterssurveys (N=4295) verwendet. Untersucht wurde, inwiefern drei etablierte Maße zur Erfassung subjektiven Alterns (gefühltes Alter; generelle Einstellung gegenüber dem eigenen Altern [PGCMS]; multidimensionale altersbezogene Kognitionen [AgeCog]) unterschiedliche Messungen derselben Person ergeben, und ob sie sich jeweils von allgemeinen Dispositionen und von Wohlbefinden unterschieden. Die Korrelationen zwischen den Messinstrumenten betrugen zwischen |.61| und |.09|, wobei gefühltes Alter die geringsten Zusammenhänge mit den anderen Skalen subjektiven Alterns aufwies. Der stärkste Zusammenhang zeigte sich zwischen Optimismus und Einstellung gegenüber dem eigenen Altern. Allgemeine Dispositionen und Wohlbefinden erklärten 55 Prozent der Varianz in Bezug auf die Einstellung gegenüber dem eigenen Altern, und nur 10 Prozent der Varianz des gefühlten Alters. Die Skalen zur Erfassung multidimensionaler altersbezogener Kognitionen waren moderat mit allgemeinen Dispositionen und Wohlbefinden assoziiert. Die Befunde zeigen, dass die allgemeine Kritik am eigenständigen Stellenwert subjektiven Alterns nicht gerechtfertigt ist. Gefühltes Altern ist demnach ein für sich stehendes globales biopsychosoziales Konstrukt. Allerdings muss das ‚klassische‘ Messinstrument zur Erfassung globaler Einstellungen gegenüber dem Altern [PGCMS] wegen hohen Überlappung mit Optimismus mit Vorsicht eingesetzt werden. Multidimensionale altersbezogene Kognitionen [AgeCog Skalen] sollten zukünftig in Studien noch stärkere Berücksichtigung finden.

11:15
Die Messung von Altersbildern: Überblick über Methoden des Selbstberichts und innovative Erweiterungen
S19-04-02 

N. Notthoff, A.-K. Beyer, A. Blawert, M. Gabrian, V. Klusmann; Leipzig, Berlin, Nürnberg, Heidelberg, Konstanz

Altersbilder sind Konzeptionen des Alters und Alterns sowie älterer Menschen, die in Kognition, Affekt und Verhalten repräsentiert sind. Dabei können sie sich sowohl auf andere Personen als auch auf das eigene Selbst beziehen. Klassische Methoden zur Messung von Altersbildern scheinen die multidimensionalen, multidirektionalen und sehr individuellen Erfahrungen des Alters und Alterns sowie deren Form- und Veränderbarkeit nur teilweise zu adressieren. In diesem Projekt wurden existierende, auf Selbstbericht basierende Methoden zur Erfassung von Altersbildern untersucht. Sie wurden anhand von acht Dimensionen entsprechend einschlägiger Konzeptualisierungen kategorisiert: Grad der Bewusstheit, Ökosystem, Manifestationsebene(n), Komplexität, Prozessperspektive, Gewinn-Verlust-Balance, Zeitreferenz und Stabilität. Insgesamt wurden 96 Messinstrumente in die Untersuchung eingeschlossen. Es zeigte sich, dass die existierenden Instrumente stark auf die kognitive Dimension fokussieren. Affektive und verhaltensbezogene Aspekte von Altersbildern erfahren hingegen weniger Beachtung. Eine Betrachtung von Altersbildern unter einer Lebensspannenperspektive würde von einer stärkeren Berücksichtigung von Entwicklungsprozessen und Veränderungsdynamiken profitieren. Abschließend werden in diesem Beitrag innovative Erweiterungen, beispielsweise Alternativen zum Selbstbericht, vorgestellt und diskutiert.

11:30
Veränderung individueller Altersbilder in der zweiten Lebenshälfte: Welche Rolle spielen kardiovaskuläre Ereignisse?
S19-04-03 

S. Wurm, M. Wiest, J. Wolff, A.-K. Beyer, S. Spuling; Nürnberg, Berlin

Fragestellung: Während die Rolle des subjektiven Alterserlebens für Gesundheit und Langlebigkeit gut belegt ist, haben wenige Studien den umgekehrten Effekt von Krankheiten auf die Veränderung des Alterserlebens untersucht. Schwere Krankheitsereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall erinnern Menschen verstärkt an die Endlichkeit des Lebens. Zugleich gehen solche Ereignisse oftmals mit längerfristigen Konsequenzen wie körperlichen Einschränkungen, Medikamenteneinnahme oder Ängsten einher. Die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit kann auch positive Veränderungen hervorrufen, wie die Forschung zu posttraumatischem Wachstum nahelegt. Einschneidende Ereignisse führen einer Reihe von Studien zufolge zu höherer Wertschätzung des Lebens, veränderten Prioritäten sowie dem Erkennen eigener Stärken und neuer Möglichkeiten. Die vorliegende Studie untersucht, wie sich über einen Zeitraum von drei Jahren das Alterserleben von Menschen mit vs. ohne kardiovaskulärem Ereignis (KVE) verändert.

Methodik: Basierend auf gepoolten Daten von 3 Wellen des Deutschen Alterssurveys (2008, 2011, 2014, Altersrange: 40-95 Jahre) wurde die Veränderung von subjektivem Alterserleben anhand des subjektiven Alters sowie zweier Skalen zur Sicht auf das eigene Älterwerden im Zeitraum von drei Jahren untersucht. Mit Hilfe des propensity-score-matching-Ansatzes wurden Personen ohne KVE zu Personen mit einem solchen Ereignis zugeordnet (insgesamt n = 403), um zwei  hinsichtlich Gruppengröße und zentraler soziodemographischer Kriterien (Alter, Geschlecht, Bildung, Region) ähnliche Gruppen vergleichen zu können. Die Datenanalyse erfolgte mit Hilfe eines latenten Veränderungsmodells.

Ergebnisse: Über die Zeit hinweg veränderte sich in beiden Gruppen das Alterserleben. Beide Gruppen fühlten sich im Mittel älter und verbanden das Älterwerden mit mehr körperlichen Verlusten und mehr persönlichen Gewinnen. Für Personen, die ein KVE hatten, waren diese Veränderungen in allen drei Indikatoren negativer als für jene ohne KVE: sie fühlten sich älter und zeigten eine stärkere Zunahme der Assoziation mit körperlichen Verlusten und eine geringere Zunahme der Assoziation mit persönlichen Gewinnen.

Zusammenfassung: Die Ergebnisse zeigen, dass ein KVE dazu beiträgt, wie sich das Alterserleben verändert. Zusammen mit Forschung zur Rolle von Alterserleben für die Gesundheit legen die Befunde nahe, dass die Förderung positiverer Altersbilder ein Ansatzpunkt sein könnte, Abwärtsspiralen abzuschwächen.

11:45
Zur Rolle von Wertvorstellungen für die Sicht auf das eigene Älterwerden
S19-04-04 

A. Blawert, J. Wirth, S. Wurm; Nürnberg

Fragestellung: Individuelle Altersbilder tragen wesentlich mit dazu bei, wie Menschen älter werden, und stellen deshalb eine wichtige Ressource dar. Bislang ist jedoch noch wenig darüber bekannt, welche Faktoren beeinflussen, inwieweit Personen ihr eigenes Älterwerden mit Gewinnen und / bzw. Verlusten verbinden. Erste Studien betonen neben der Bedeutung von Altersstereotypen die Rolle der Persönlichkeit für die Sicht auf das eigene Älterwerden. Wir untersuchten daher, ob über Altersstereotype und soziodemographische Faktoren hinaus auch individuelle Wertvorstellungen dazu beitragen, dass sich Altersbilder verändern.

Methodik: Mithilfe multipler Regressionsanalysen wurden Daten des Deutschen Alterssurvey von 2008 (T1) und 2011 (T2) analysiert (n = 6.089, Alter zu T1:  40 – 93 Jahre). Die Wertvorstellungen Offenheit für Wandel, Bewahrung (Tradition, Sicherheit), Selbsterhöhung (Macht, Leistung) und Selbstüberwindung (Wohlergehen aller Menschen und der Natur) wurden mit der 21-Item-Version des Personal Values Questionnaire (Schwartz 2007) erfasst. Die Wahrnehmung des eigenen Älterwerdens sowie Altersstereotype wurde anhand von bereichsspezifischen Skalen zur Erfassung von Altersbildern gemessen. Erfasst wurden gewinn- und verlustorientierte Altersbilder (Agecog-Skalen, Steverink et al., 2001; Wurm et al., 2007).

Ergebnisse: Personen, denen die Werte Offenheit (b = .055, SE = .016, p < .001) und Selbstüberwindung (b = .036, SE = .017, p < .05) wichtig waren sowie jene, für die der Wert Bewahrung (b = -.059, SE = .015, p < .001) weniger wichtig war, hatten zu T2 ein stärker gewinnorientiertes Altersbild. Eine hohe Bedeutung des Wertes Selbsterhöhung (b = .037, SE = .013, p < .01) und eine geringe Bedeutung des Wertes Selbstüberwindung (b = -.041, SE = .017, p < .05) gingen mit einem stärker verlustorientierten Altersbild zu T2 einher.

Zusammenfassung: Diese Studie untersucht erstmals die Rolle von Wertvorstellungen für die Veränderung von Altersbildern. Deutlich wird, dass die Werte Offenheit und Selbstüberwindung über Altersstereotype hinaus zur Wahrnehmung von mehr Gewinnen und weniger Verlusten beitragen, wohingegen Selbstüberhöhung und Bewahrung mit der Wahrnehmung von mehr altersassoziierten Verlusten und weniger Gewinnen einhergehen. Diese Befunde tragen zum besseren Verständnis von Altersbildern bei und legen nahe, dass ein vielversprechender Ansatz ist, in Altersbilder-Interventionen die Werte der Teilnehmer mit zu adressieren.

10:07
Junge Menschen fühlen sich weise, ältere Menschen energetisch : Ein Vergleich von Altersstereotypen und Selbsteinschätzungen über die Lebensspanne
S19-04-05 

S. Spuling, C. Bowen, A. E. Kornadt, M. Wiest; Berlin, Wien/A, Bielefeld

Der vorliegende Beitrag untersucht das Zusammenspiel von Alter, Selbsteinschätzungen und Altersstereotypen über die Lebensspanne. Dazu wurden Daten aus der ersten Welle der MIDUS-Studie (N=6.325, Alter 20-75 Jahre) verwendet, um zu analysieren, inwieweit Menschen in ihren späten 20er, späten 40er und späten 60er Jahren der Meinung sind, dass positive stereotype "junge" und „alte“ Merkmale jeweils auf sich selbst,  Gleichaltrige und andere Altersgruppen zutreffen. Die Ergebnisse bestätigten die Existenz von Altersstereotypen dahingehend, dass eine auf einer Faktorenanalyse beruhende Konstellation von eher "jungen" Merkmalen (gesund, energetisch, wissbegierig) als beschreibender für jüngere Erwachsene, während eine Konstellation von eher "alten" Merkmalen (weise, fürsorglich, ruhig, sachkundig, generativ) als beschreibender für ältere Erwachsene angesehen wurde. Die Selbsteinschätzungen waren insgesamt jedoch sehr positiv und weitgehend konsistent über die drei untersuchten Altersgruppen hinweg. Als Gruppe sahen sich jüngere Erwachsene selbst zudem mit genauso vielen positiven "jungen" Merkmalen, gleichzeitig jedoch mit mehr positiven "alten" Merkmalen behaftet im Vergleich zu Gleichaltrige (das heißt im Durschnitt genauso energetisch, aber etwas weiser als Gleichaltrige). Im Gegensatz dazu sahen sich ältere Erwachsene als Gruppe selbst mit mehr positiven "jungen" Merkmalen und gleichzeitig mit weniger positiven "alten" Merkmalen behaftet im Vergleich zu Gleichaltrigen (das heißt im Durchschnitt energetischer, aber etwas weniger weise als Gleichaltrige). Zusammengenommen unterstreichen die Ergebnisse die Stabilität von Selbsteinschätzungen über die Lebensspanne und deuten darauf hin, dass Erwachsene aller Altersgruppen eine bemerkenswerte Fähigkeit haben, sich selbst in einem positiven Licht zu sehen – und das trotz des Vorhandenseins von Altersstereotypen. Die Ergebnisse deuten darüber hinaus darauf hin, dass die Tendenz, negative Altersstereotypen als Bezugsrahmen für eher schmeichelhafte Selbsteinschätzungen zu verwenden, die Auswirkungen der Internalisierung negativer Altersstereotype im Hinblick darauf, wie sich ältere Erwachsene selbst sehen, zu überwiegen scheint. Unsere Ergebnisse ergänzen damit bestehende Arbeiten über das Zusammenspiel von Alter, Selbsteinschätzungen und Altersstereotypen über die gesamte Lebensspanne, die sich bisher überwiegend auf negative Altersstereotype sowie auf Menschen in der zweiten Lebenshälfte konzentriert haben.

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