Donnerstag, 19.09.2019

15:30 - 17:00

R15

S19-20

„Barriere altersbedingter Sehverlust“ - können Beratungs- und Versorgungsangebote zur Verbesserung der Lebensqualität und Selbstbestimmung Betroffener beitragen?

Moderation: L. Wolski, Freiburg; I. Himmelsbach, Freiburg

Mit der steigenden Lebenserwartung nehmen, neben demenziellen Erkrankungen, auch Sinneseinschränkungen (Hör- bzw. Sehverlust) stetig zu. Vor allem Menschen im höheren Alter (75+) erleben immer häufiger den Verlust des Sehvermögens. Die neu erworbene Sinneseinschränkung wird, auf kurze bzw. lange Sicht, von negativen Veränderungen bezüglich der Alltagskompetenz begleitet. Dies führt zwangsläufig zu einer fortwährenden Evaluation der eigenen Fähig- und Fertigkeiten. Durch den schleichenden Fortschritt des Sehverlusts und der herausfordernden Anpassung ist nicht auszuschließen, dass sich Betroffene zunehmend aus der Gesellschaft zurückziehen. Die Einschränkung schlägt sich folglich nicht nur in physischen Parametern nieder (z.B. Lebensqualität) sondern nimmt auch maßgeblichen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden (z.B. Angst bzw. Depression).

Obwohl sich in den letzten Jahren zunehmend ein Gespür für diese Entwicklung entwickelt hat, kann die Beratungs- und Versorgungslandschaft für ältere Menschen mit Sehbeeinträchtigungen längst nicht als flächendeckend beschrieben werden. Oftmals sind die Angebote zu heterogen in Bezug auf ihre Zielsetzung, Profession als auch das Angebot aufgestellt. Zudem weist das Versorgungsnetz im ländlichen Raum erhebliche Lücken auf. Auch liegen kaum psychosoziale Konzepte vor, die den psychischen Belangen ansatzweise gerecht werden. Doch nicht nur die Versorgung gerät an ihre Grenzen, sondern auch Betroffene hadern nach wie vor vorhandene Beratungsangebote aufzusuchen - nicht selten werden dabei Mobilitätsgründe als Hauptargument angeführt. Daneben besteht mangelndes Wissen bezüglich entsprechender Hilfsangebote.   

Das Symposium soll zunächst jene Möglichkeiten aufzeigen, die dem Einzelnen zur Verfügung stehen um ein autonomes Leben (trotz Sinneseinschränkung) führen zu können. Neben der individuellen Wahrnehmung, welche Barrieren nach wie vor bestehen, werden Beratungskonzepte vorgestellt die zur Verbesserung der Versorgung (und Teilhabe), vor allem im ländlichen Raum, beitragen sollen. Zusätzlich wird der Frage nachgegangen, was die Erwartungen und Anforderungen der Betroffenen für die Vernetzung und Entwicklung unterschiedlicher Disziplinen bedeutet.  

15:30
"Ich hatte ja keine Ahnung, was kommen kann“ Versorgung mit medizinischen Leistungen, hilfsmittelbezogenen und psychosozialen Beratungsangeboten in Deutschland aus Sicht von Betroffenen mit altersabhängiger Makuladegeneration (AMD)
S19-20-01 

A. Thier; Brandenburg

Fragestellung: Ziel dieser Studie ist es, herauszufinden, wie AMD- Betroffene ihre Versorgung mit medizinischen Leistungen, hilfsmittelbezogenen und psychosozialen Beratungsangeboten einschätzen.

Methode: Die Datenerhebung erfolgte mithilfe narrativer, semi-strukturierter Interviews. Es wurde eine „Purposive-Sampling-Strategie“ eingesetzt, um aus der Studienpopulation mit AMD- Betroffenen eine Stichprobe zu bilden, die sich durch eine Vielzahl verschiedener lebensweltlicher Erfahrungen AMD-Betroffener auszeichnet. Die Datenanalyse folgte den Prinzipien der „Grounded Theory“.

Ergebnisse: Die interviewten AMD- Betroffenen waren zwischen 72 und 87 Jahren alt. Bevor die Betroffenen mit AMD diagnostiziert wurden, war AMD den Betroffenen nicht bekannt und an einer bislang nicht zu heilenden Krankheit erkrankt zu sein, deren Folge Blindheit sein kann, machte vielen der Betroffenen Angst. Betroffene beklagten fehlende Informationen zur AMD und deren Behandlung. Hilfsmittelbezogene und psychosoziale Beratungsangebote und deren Nutzen im Alltag waren den meisten Betroffenen nicht bekannt. Die Therapie mit Anti- VEGF Injektionen gibt vielen Betroffenen mit neovaskulärer AMD Hoffnung, war aber gleichzeitig mit einer zeitlichen, psychologischen und körperlichen Belastung für die Betroffenen verbunden. Die verbrachte Zeit in Kliniken und Praxen, das Warten auf Termine, die Anzahl der Untersuchungen und Injektionen, Kommunikationsprobleme mit dem medizinischen Personal, Informationsdefizite, die Injektionen selbst und deren Nebenwirkungen waren für die älteren Betroffenen oft schwerwiegend und nervenaufreibend.

Schlussfolgerung: Es müssen neue Strategien entwickelt werden, um zum einen den AMD- Betroffenen den Zugang zu Informationen über AMD zu erleichtern und zum anderen den zeitlichen Rahmen der medizinischen Behandlung, wie z.B. Wartezeiten in den Praxen oder der Klinik, zu optimieren.  

16:00
Erlebte Barrieren und Ressourcen bei der Alltagsbewältigung mit einer Sehbehinderung im Alter
S19-20-02 

A. Seifert; Zürich/CH

Mit der Zunahme des Anteils älterer Menschen in der Bevölkerung steigt auch die Zahl jener Personen, die im Alter neu mit einer Sehbeeinträchtigung konfrontiert sind. Die damit verbundenen Krankheitsbilder werden in den nächsten Jahren sowohl medizinisch als auch gesellschaftlich an Bedeutung gewinnen. Aber wie bewältigen ältere Menschen mit einer Sehbehinderung ihr Alltagsleben, welche Einschränkungen erleben sie und welche Ressourcen setzen sie ein?

Grundlage der Analysen ist die COVIAGE-Studie aus der Schweiz (N = 1.299, Alter 70-98). In dieser Studie (CATI-Befragung) konnten sowohl Personen mit einer Sehbehinderung als auch Personen ohne eine Sehbehinderung zu ihrer Lebenssituation und den eingesetzten Ressourcen befragt werden. Von den 1299 befragten Personen konnten 110 Personen (8.5%) als im Alter sehbehindert identifiziert werden; 35% der betroffenen Personen gaben auch eine zusätzliche Hörbeeinträchtigung an.

Es zeigte sich, dass die Seheinbußen direkten oder indirekten Einfluss auf das psychische Wohlbefinden und die Alltagsbewältigung haben und auch Umweltfaktoren wie soziale Kontakte beeinflussen. Es wurde zudem deutlich, dass Personen, welche sich proaktiv und frühzeitig mit den Beeinträchtigungen auseinandersetzen und informelle sowie formelle Unterstützungsangebote und Hilfsmittel annehmen, ihren Alltag besser bewältigen können. Jedoch, zeigt die Befragung auch, dass nur 2 der 110 sehbeeinträchtigten Personen bereits eine sehspezifische Beratungsstelle genutzt haben und Hilfsmittel nur zum Teil eingesetzt werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Alltag mit einer Sinnesbeeinträchtigung mit tagtäglichen Einschränkungen und Neubewertungen der eigenen Lebensqualität verbunden ist. Durch die Nutzung persönlicher, sozialer, medizinischer und technischer Ressourcen können Betroffene allerdings auch trotz einer Sehbeeinträchtigung ein selbstbestimmtes und gutes Leben im Alter führen. Dennoch, zeigen die Ergebnisse auch, dass Versorgungslücken bestehen und teilweise auch Hemmnisse bestehende Beratungsangebote zu nutzen, hier sollte es noch mehr ein Verschmelzen von Angebot und Nachfolge erfolgen. Hierbei könnte eine niederschwellige Überweisungslogik von Hausarzt zu Ophthalmologie zu psychosozialen Beratungsangeboten hilfreich sein.

16:30
AugenBus - Mobile sozialmedizinische Beratung Sehbehinderter in Südbaden
S19-20-03 

I. Himmelsbach, L. Wolski, T. Neß; Freiburg

Hintergrund: Epidemiologisch weisen die Prävalenzraten bezüglich alterskorrelierter Augenerkrankungen auf eine stetige Zunahme bei älteren Personen hin (z.B. AMD). Häufig gehen damit nicht nur Veränderungen in der Alltagskompetenz einher sondern es treten auch negative Auswirkungen respektive des psychischen Wohlbefindens auf (z.B. Depressivität). Folglich stellt sich die Frage nach einer angemessenen Versorgung von älteren Menschen hinsichtlich des Umgangs mit diesen Herausforderungen. Das Modellprojekt AugenBus, welches von mehreren Kooperationspartnern (Klinik für Augenheilkunde) ausgerichtet wurde, versuchte durch eine augenärztliche und sozialberaterische Versorgung, im ländlichen Raum, dieser Herausforderung gerecht zu werden.

Methode: Über einen Zeitraum von drei Jahren (2016-2018) wurde mittels eines mobilen Kleinbusses Daten, in unterschiedlichen Orten im Schwarzwald, erhoben. Ratsuchende hatten die Möglichkeit die folgenden Angebote wahrzunehmen: augenärztliche Diagnostik, Sehhilfen- und Hilfsmittelberatung sowie eine Sozialberatung. Die Evaluation erfolgte in einem Prä-Post-Design in Form einer standardisierten mündlichen Befragung. Die erste (T1/n=114) erfolgte durch das AugenBus-Team vor Ort, die zweite (T2/n=118) telefonisch etwa 3-4 Mon. nach dem Ortstermin. Der eingesetzte Fragebogen enthielt Skalen zu Themen, wie z.B. Erwartungen an das und Zufriedenheit mit dem Beratungsangebot, Zukunftsperspektive, affektives Wohlbefinden, Lebensqualität etc.

Ergebnisse: 72% der Interviewten waren weiblich - der Altersdurchschnitt lag bei ca.78 Jahren (R=50-97J., MD=79J.).Das Beratungsangebot wurde von allen TN positiv angenommen. Dabei hat sich herausgestellt, dass vor allem Personen mit einem starken Sehverlust profitieren. In Bezug auf die Autonomie erhofften Betroffene diese so lange wie möglich aufrechterhalten zu können. Daneben wurde auch deutlich, dass ein großes Interesse an Hilfsmitteln besteht.

Diskussion: In den Zielvariablen bezüglich einer selbständigen Lebensführung und der Lebensqualität konnten durch den AugenBus keine signifikanten Verbesserungen nachgewiesen, lediglich Stabilität bzw. im Hinblick auf Alltagsaktivitäten gar Verschlechterungen abgebildet werden.

Schlussfolgerungen: Insgesamt sollten für Interventionen mehrere Termine zur Verfügung stehen bzw. die Umsetzung der Nutzung weiterer Hilfsmittel fortlaufend begleitet werden. Daneben wäre es sinnvoll das Angebot des AugenBus um einen psychosozialen Baustein zu ergänzen.

Diskutantin: S. Lauber-Pohle, Marburg

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