Donnerstag, 19.09.2019

13:30 - 15:00

R110

S19-15

Berufliche und nachberufliche Teilhabe?

Moderation: L. Amrhein, Dortmund

13:30
Betriebliches Kompetenzmanagement für Ältere – Teilhabechance oder Diskriminierungspotential?
S19-15-01 

L. Naegele; Vechta

Vor dem Hintergrund demografischer Alterungsprozesse sowie dynamisierter Arbeitswelten rücken ältere Arbeitnehmer*innen zunehmend ins Zentrum des Interesses von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Diese Entwicklungen werfen, neben Fragen nach alter(n)sgerechten Arbeitswelten, insbesondere Fragen nach der Teilhabechance von älteren Mitarbeiter*innen an Maßnahmen des betrieblichen Qualifikations- und Kompetenzmanagements auf. So ist festzustellen, dass ein erfolgreiches „Durchaltern im Erwerbsleben“ nicht nur bedingt ist durch ein „gesundes Altern“, sondern zunehmend auch von der Notwendigkeit die Kompetenzen von (älteren) Mitarbeiter*innen stetig, d.h. ein Erwerbsleben lang, an neue Kompetenzanforderungen anzupassen.

Es bleibt jedoch zu eruieren inwieweit ältere Arbeitnehmer*innen überhaupt als Zielgruppe betrieblichen Kompetenzmanagements (BKM) in den Blick genommen werden oder ob ihnen die Teilhabe an etwaigen Maßnahmen in den Betrieben systematisch verwehrt bleibt. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Betriebsgrößengruppe der klein- und mittelständigen Betriebe (KMU), deren BKM auf Grund fehlender personeller und finanzieller Ressourcen oftmals deutliche Entwicklungsbedarfe aufzeigt. Auch ist von Interesse welche Abwägungsprozesse KMU vornehmen bzw. welche Altersbilder hier wirken, wenn es um die Entscheidung geht in das „lebenslange Lernen“ von älteren Arbeitnehmer*innen zu investieren. Die hier vorgestellte Forschungsarbeit nähert sich diesen Fragestellungen basierend auf 15 Betriebsfallstudien die im Handwerkssektor in Deutschland, die mit Hilfe der empirischen Typenbildung nach Kelle und Kluge ausgewertet wurden.  

Im Ergebnis konnten fünf distinkte Typen identifiziert werden, die wie folgt benannt wurden: (1) „der Vorreiter“, (2) „der Gewissenhafte“, (3) „der Spezialist“, (4) „der Fremdbestimmte“ sowie (5) „der Resignierte“. Diese unterschieden sich nicht nur mit Blick auf die Ausgestaltung des betrieblichen Kompetenzmanagements, sondern vor allem in Bezug auf den herausgearbeiteten Stellenwert den die Personengruppe der älteren Beschäftigten in den Betrieben einnehmen. Auch zeigte sich, dass das identifizierte Diskriminierungspotential deutlich von betriebsstrukturellen Charakteristiken sowie den tradierten Handlungs- und Führungsweisen des Handwerks beeinflusst werden.

13:50
Implizite und explizite Messung von arbeitsplatzbezogenen Alterseinstellungen und Altersstereotypen
S19-15-02 

V. Kleissner, G. Jahn; Chemnitz

Negative Altersstereotype am Arbeitsplatz können zu Diskriminierung und eingeschränkter Produktivität führen. Bisherige Studien haben Altersstereotype und Alterseinstellungen vor allem mit expliziten Methoden gemessen. Die rein explizite Erhebung ist jedoch kritisch, da sie von sozialer Erwünschtheit oder der eingeschränkten Fähigkeit zur Selbstbeobachtung beeinflusst werden kann. Wir berichten Ergebnisse einer Studie zu arbeitsplatzbezogenen evaluativen Alterseinstellungen und Altersstereotypen, die an drei Stichproben erhoben wurden: an Studierenden (n = 50), SeniorInnen (n = 53) und Arbeitskräften (n = 93). Ziel der Studie waren die Gegenüberstellung und Verbesserung der impliziten und expliziten Messung von Einstellungen gegenüber Altersgruppen. Als implizite Messmethode wurde der Implizite Assoziationstest eingesetzt. Unabhängig von der Stichprobe, dem Alter und der Versuchsbedingung (neutrale oder altersassoziierte Stimuli) zeigte sich eine stabile, moderate implizit gemessene Bevorzugung von jüngeren vor älteren Arbeitskräften. Explizit konnte keine klare allgemeine Alterspräferenz bestätigt werden. In einer differenzierteren expliziten Messung waren jedoch in allen drei Stichproben stabile Einschätzungen erkennbar: Jüngere Arbeitskräfte wurden als leistungsfähiger und anpassungsfähiger gesehen, während ältere Arbeitskräfte als kompetenter, zuverlässiger und wärmer eingeschätzt wurden. Die Korrelationen zwischen dem Impliziten Assoziationstest und den expliziten Maßen waren niedrig. Das Bild aus den expliziten Messungen ist also differenzierter, jedoch hätte die alleinige Berücksichtigung der expliziten Methoden zu einer verzerrten, positiveren Gesamtbewertung der Altersstereotype am Arbeitsplatz geführt. Folglich ist es sinnvoll, sowohl implizite als auch explizite Methoden anzuwenden, um Ageism am Arbeitsplatz zu untersuchen.

14:10
Teilnahme und Engagement im Freiwilligenbereich von älteren Personen mit niedriger Bildung. Befunde aus dem aktuellen Freiwilligensurvey
S19-15-03 

F. Micheel; Wiesbaden

Fragestellung: Die Einbindung benachteiligter Gruppen mit dem Ziel einer stärkeren Autonomie im öffentlichen Raum ist eine alter(n)spolitische Aufgabe, die vor dem Hintergrund der demografischen Alterung an Bedeutung gewinnen wird. Untersuchungen zeigen, dass der Zugang zur sozialen Teilhabe im Freiwilligenbereich (als Teil des öffentlichen Raumes) für Niedriggebildete im hohen Erwachsenenalter mit Hürden verbunden ist. Differenzierte quantitative Analysen mit Blick auf den Aktivitätsgrad in diesem Bereich sind jedoch rar. Der Beitrag legt den Fokus auf diese soziale Gruppe und untersucht die Verteilung von "konsumtiver" Teilnahme, "produktivem" Engagement und keiner Aktivität im Freiwilligenbereich. Welche Faktoren sind bei der Beschreibung dieser Typen auffällig?

Daten/Methoden: Die Analysen basieren auf der aktuellen Welle des Freiwilligensurveys aus dem Jahr 2014. Das relevante Sample umfasst Personen im Alter von 50 Jahren oder älter mit formal niedriger Bildung (N = 946). Die abhängige Variable ist eine aktivitätsbezogene Typologie im Freiwilligenbereich mit drei Ausprägungen: "Aktiv und engagiert", "Aktiv, aber nicht engagiert" sowie "Nicht aktiv oder engagiert". Als erklärende Faktoren werden persönliche Merkmale (religiöse Verbundenheit, Selbstwirksamkeit), individuelle Ressourcen (Gesundheit, wahrgenommene Einkommenssituation) sowie kontextbezogene (z.B. soziale Integration) und demographische Merkmale hinzugezogen und in ein multinomiales Regressionsmodell integriert.

Ergebnisse: Zwischen den Nichtaktiven und den aktiven, aber nicht engagierten Personen sind nur wenige Unterscheide auffällig (in Bezug auf religiöse Verbundenheit und soziale Integration). Beim Vergleich zwischen aktiven, aber nicht engagierten und engagierten Personen zeigen die vorgefundenen Muster deutlich mehr auffällige Unterschiede (hinsichtlich Alter, Wohnort, gesundheitlichen Einschränkungen, religiöser Verbundenheit, Selbstwirksamkeit, wahrgenommenem sozialen Zusammenhalt).

Diskussion: Aus den differenzierten Analysen zur Teilhabe im Freiwilligenbereich lässt sich vorläufig schließen, dass für ältere Niedriggebildete eine Aktivität ohne Engagement eher niedrigschwellig ist, wohingegen die Hürde von einer reinen Teilnahme zum aktiven Engagement deutlich höher liegt. Zur Stärkung der aktiven Gestaltung im Freiwilligenbereich sind für die betrachteten Personen weiterhin strukturelle Veränderungen notwendig, aber auch Interventionen auf individueller Ebene denkbar.

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