Freitag, 20.09.2019

09:30 - 11:00

R002

S20-01

Caring Communities: vom vielversprechenden Konzept zur nachhaltigen Umsetzung

Moderation: H. Kaspar, Zürich/CH; U. Otto, Zürich/CH

Im Kontext von immer größer werdenden Lücken in der häuslichen Gesundheitsversorgung wird das Konzept der Sorgenden Gemeinschaften oder Caring Communities mit steigender Aufmerksamkeit beachtet. Der Ansatz vereint grosse Erwartungen, gerade in Bezug auf Versorgung und Teilhabe im Alter. Gleichzeitig sollen Sorgende Gemeinschaften aber auch steigende Kosten und abnehmende Ressourcen im Gesundheitssektor ausbalancieren, Quartiere wiederbeleben und die Generationenkluft überbrücken.

Dieses Symposium ist von erkundendem Charakter. Wir wollen gemeinsam darüber nachdenken, was Caring Communities anstoßen, was sie tatsächlich zu leisten vermögen und wo ihre Grenzen liegen. Gerade weil der Ansatz verschiedene – z.T. widersprüchliche – Versprechen bereithält, ist es wichtig, genau und kritisch zu beleuchten, mit welchen Ideen und Hoffnungen Initiativen Sorgender Gemeinschaften starten und welche sich tatsächlich wie realisieren.

Als ein zentrales Kriterium Sorgender Gemeinschaften gilt die Schaffung und Stärkung solidarischer Räume, Netzwerke, Strukturen und Prozessen, die Menschen darin unterstützen, ihr Leben mit krankheits-, behinderungs- oder altersbedingten Einschränkungen gut zu leben (Wegleitner, Heimerl, and Kellehear 2016). In diesem Symposium spitzen wir die Frage zu: Inwiefern gelingt es Initiativen Sorgender Gemeinschaften, nicht nur die Versorgung im Alter zu verbessern, sondern auch die soziale Teilhabe älterer Menschen wirksam zu fördern? Welche Bedingungen müssen hierfür gegeben sein, resp. geschaffen werden? Wenn Gemeinschaften sich bilden – wer profitiert davon? Und wer gehört dazu, und wer (warum) nicht?

Anlass für diese Überlegungen sind in allen Beiträgen ethnografische Beobachtungen in konkreten Umsetzungsprojekten. Die Beiträge beleuchten diese Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen theoretischen Bezügen.

09:30
Zeitvorsorge und Caring Communities: Bezüge und Bruchlinien
S20-01-01 

A. Schürch; Zürich/CH

Hintergrund: Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der Zeitgutschrift-Systeme in der Schweiz stark entwickelt. Manche sehen in der organisierten Form der Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften ein vielversprechendes Modell zur Lösung einer sich anbahnenden Versorgungskrise. Andere warnen vor einer Aushöhlung der ehrenamtlichen Tätigkeit oder kritisieren die fehlende Einlösegarantie. Zeitvorsorge kann aber insbesondere als Ermöglichungsstruktur für gemeinschaftliche Sorge und damit als Element zur Entwicklung von Caring Communities verstanden werden.

Fragestellung: Der Beitrag diskutiert, inwiefern das Modell der Zeitvorsorge das Potenzial hat, soziale Teilhabe zu fördern. Dabei werden neben organisationskulturellen oder strukturellen Elementen insbesondere auch die bei einer Zeitvorsorgeorganisation vorgefundenen sozialen Handlungspraxen in den Blick gerückt.

Methodik: Der Vortrag basiert auf einer ethnografischen Untersuchung bei der Schweizer Zeitvorsorge-Genossenschaft KISS Obwalden.

Ergebnisse: Zeitvorsorge-Genossenschaften müssen sich in einem etablierten Markt von Betreuungs- und Hilfeleistungen neu positionieren und stehen deshalb unter Legitimationsdruck. Die damit verbundenen Anpassungsleistungen (z.B. Standardisierung des Angebots, hierarchisierende Organisationsstruktur) stehen dem Anspruch, Selbstverwirklichung und Partizipation zu ermöglichen, teilweise diametral entgegen. Die bei KISS Obwalden verfolgte konsequente Orientierung am Bottom-up-Prinzip und dessen Integration in die alltägliche Handlungspraxis erweist sich als anforderungsreich, ist damit doch auch eine permanente organisationale Weiterentwicklung mit offenem Ausgang verknüpft.

Generalisierte Reziprozität und der zeitliche Aufschub zwischen Geben und Nehmen charakterisieren die Tauschhandlung in einem Zeitvorsorge-Modell. Die Zeitvorsorge unterscheidet sich hierdurch von anderen Tauschformen wie dem Kauf oder rein karitativem Engagement. Das Anrecht zum Empfang der Gegengabe bleibt über einen langen Zeithorizont bestehen, was gleichzeitig gemeinschaftsbildend ist. Die Praxis zeigt zudem, dass Zeitgutschriften nicht nur das Geben, sondern auch das Annehmen von Unterstützung erleichtern können.

Insgesamt erscheint es plausibel, die Zeitvorsorge als Experimentier- und Lernfeld zu verstehen und Erfahrungen im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung von Caring Communities zu nutzen.

10:00
Caring Communities und Reallabore: Was kann partizipative Forschung für Caring Communities (nicht) leisten?
S20-01-02 

K. van Holten, K. Pelzelmayer; Zürich/CH

Der Beitrag reflektiert das Potential des „gemeinsamen Lernens und Experimentierens“ im Reallabor (Living Lab) mit besonders vulnerablen Gruppen mit Ziel der Verbesserung der sozialen Teilhabe und der sozial nachhaltigen Re-Konfiguration von Sorgearbeit.

Auch bei umfassendem Unterstützungsbedarf möchten Menschen zu Hause versorgt werden und am täglichen Leben ihres sozialen Umfeldes teilhaben. Um dies zu ermöglichen, braucht es innovative Lösungen, die gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt wurden und welche die häusliche Sorgearbeit auf mehrere Schultern verteilen, zum Beispiel durch nachbarschaftliche Netzwerke oder neu vernetzte Unterstützungsangebote.

Im Rahmen des Schweizerischen Nationalen Forschungsprogrammes 74 “Smarter Health Care” begibt sich das Forschungsprojekt „Caring Community Living Labs“ auf die Suche nach neuen, lokal verankerten und nachhaltigen Lösungen für die häusliche Pflege und Betreuung von Menschen mit umfassendem Unterstützungsbedarf. Das Projekt kombiniert dabei das Konzept der Caring Communities mit dem Ansatz der Reallabore: Caring Community Living Labs (CareComLabs) sollen als Instrument der sozio-technologischen Innovation zu einer sozial nachhaltigeren häuslichen Pflege für Menschen mit umfassendem Unterstützungsbedarf genutzt werden.

Das Projekt verfolgt einen praktischen sowie einen normativen gesellschaftlichen Transformations-prozess. Konkrete Ziele sind: a) Die Lücken in der Langzeitversorgung zu schließen und die Situation von Menschen mit umfassendem Versorgungsbedarf zu verbessern b) Die Verantwortung für Sorgearbeit als eine zentrale gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu etablieren und damit die soziale Teilhabe von älteren Menschen zu verbessern.

Basierend auf ersten Erfahrungen in der Initiierung von drei Caring Community Living Labs in drei Schweizer Gemeinden reflektiert der Beitrag die Frage nach der sozial-transformativen Gestaltungskraft des „gemeinsamen Lernens und Experimentierens“ im Reallabor mit besonders vulnerablen Gruppen wie zum Beispiel älteren Menschen.

Wir fragen konkret:

  • Welche Wege ins Feld sind zentral, um auch wirklich alle für die Fragestellung und Zielsetzung des Projekts relevanten Gruppen zu integrieren?
  • Welche Hürden bestehen bei der Integration von Personen in besonders vulnerablen Situationen?
10:30
Co-Design von Community-Technologien im ländlichen Raum
S20-01-03 

C. Müller, D. Struzek, M. Dickel; Siegen

Die Auswirkungen des demografischen Wandels im ländlichen Raum sind zunehmend spürbar. Das Konzept der "Sorgenden Gemeinschaften" positioniert Sorgebeziehungen in ein Netzwerk von Akteuren, die einer lokalen Gemeinschaft angehören. So können z.B. in ländlichen Gebieten Kirchengemeinden und andere ländliche Verbände starke soziale Netzwerke und damit Ansatzpunkte für Überlegungen und Aktionen zur Entwicklung ländlicher sozialer Gemeinschaften bieten.

Digitale Medien können dabei eine wichtige Rolle einnehmen, in dem sie bestehende Gemeinschaften stützen oder auch erweitern. Die Art und Weise, wie digitale Instrumente in Multi-Stakeholder-Settings eingesetzt und von den lokalen Akteursgruppen co-produziert werden können, steht jedoch vor großen Herausforderungen. Beispielsweise können Erfahrungen mit und Interesse an digitalen Medien ganz unterschiedlich gelagert sein, Altersbilder und Technikleitbilder können im Widerspruch zueinanderstehen; Die Förderung von Motivation zur Projektmitarbeit und der Erwerb digitaler Kompetenzen stellen somit wichtige, und bisher nur wenig diskutierte, Arbeitsinhalte von partizipativen IT-Designprojekten in intergenerationellen Settings dar.

Wir stellen die gemeinsame Erforschung und Umsetzung von einfachen marktgängigen "off-the-shelf"- Anwendungen vor, die als Werkzeuge für Motivation und Sinnstiftung sowie für den Aufbau eines gemeinsamen gedanklichen Möglichkeitsraums in Multi-Stakeholder-Settings in ländlichen Gemeinschaften dienen können. Beispielhaft stellen wir den Einsatz einer Kirchenkamera vor, die es Menschen ermöglicht, den sonntäglichen Gottesdienst im Nachbarort zu besuchen sowie die Zusammenarbeit mit älteren BürgerInnen zur Ausgestaltung der Inhalte eines Informations- und Unterhaltungsdisplays in einem Dorfladen.

Zurück