Donnerstag, 19.09.2019

15:30 - 17:00

R111

Gemeinwesenorientierte Konzepte und Methoden

Moderation: S. Kümpers, Fulda

15:30
Religiöse Migrantengemeinden als Kooperationspartner von Altenhilfe und Seniorenarbeit in Nordrhein-Westfalen (ReMigAS NRW)
S19-22-01 

M. Breuer, J. Herrlein; Paderborn

Der Beitrag analysiert Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation zwischen Wohlfahrtsverbänden und Migrantenselbstorganisationen hinsichtlich der Versorgung älterer Menschen mit Migrationshintergrund. Aus demographischen Gründen wird der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, die Pflege und Betreuung im Alter benötigen, in den kommenden Jahren kontinuierlich steigen. Bislang werden professionelle Pflegedienste von ihnen auch aufgrund von sprachlichen, kulturellen, sozialen und religiösen Barrieren nur unterdurchschnittlich genutzt. Nach Hirschman (2004) und Baumann (2015) agieren religiöse Migrantengemeinden (z. B. Moschee-, Kirchengemeinden) häufig als Brücke zwischen Zuwandernden und der Mehrheitsbevölkerung. Sie könnten daher wichtige Partner sein, um Zugänge für ältere MigrantInnen zu professioneller Pflege zu verbessern. Um dieser These nachzugehen, wurden Leitfadeninterviews und Gruppendiskussionen mit VertreterInnen solcher Gemeinden sowie von Kommunen und Wohlfahrtsverbänden geführt. Die Daten wurden mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl Migrantenselbstorganisationen als auch Wohlfahrtsverbände und Kommunen die Unterstützung älterer Menschen mit Migrationshintergrund als wichtige Aufgabe wahrnehmen. Auf Seiten der Migrantengemeinden lassen sich dafür nicht nur religiöse, sondern auch soziale Beweggründe identifizieren: Die Organisationen bemühen sich zunehmend darum, soziale Dienstleistungen für ihre Mitglieder anzubieten. Für die Wohlfahrtsverbände wiederum stellen MigrantInnen eine vielversprechende und bisher noch unterrepräsentierte KundInnengruppe dar. Etablierte Pflegeeinrichtungen und ihre Träger zeigen sich vielfach offen, die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit vielfältigen religiösen Hintergründen zu berücksichtigen. Bei allen Beteiligten lassen sich also Eigeninteressen erkennen, die Erwartungen älterer Menschen mit Migrationshintergrund zu berücksichtigen. Kooperationsbeziehungen erscheinen jedenfalls nicht primär durch religiöse oder konfessionelle Barrieren erschwert. Der Vortrag schließt mit einer Typologie der Kooperationsinteressen für die untersuchten Organisationen.

15:50
Konzeption und Evaluation des intergenerationellen Begegnungsprogramms „Geteilte Lebensgeschichten“
S19-22-03 

D. Kranz, N. Thomas, J. Hofer; Trier

In Altenheimen der Region Trier wurde in 12 Kleingruppen (jeweils 5 junge und 5 alte Menschen) über 10 Sitzungen hinweg das neukonzipierte intergenerationelle Begegnungsprogramm „Geteilte Lebensgeschichten“ durchgeführt. Altenheimbewohner*innen und Schüler*innen tauschten sich auf der Grundlage ihrer Lebensgeschichten über existentielle Fragen des Lebens aus (z.B. Was gibt meinem Leben Sinn und Halt? Wie gehe ich mit Höhen und Tiefen um? Was plane ich für die Zukunft?). Die Themenauswahl wurden aus dem „Life Story Interview“ (McAdams) übernommen. Die einzelnen Sitzungen wurden auf den Dimensionen Wissenserwerb und Wohlbefinden evaluiert (nach Bales' Interaktions-Prozess-Analyse). Vor und nach dem Begegnungsprogramm wurden mittels semantischen Differentials Altersstereotype („der junge Mensch“/„der alte Mensch“) erhoben. Es kann gezeigt werden, dass die Sicht auf die jeweils andere Generation nach der Programmdurchführung positiver war als vorher. Dies kann – bei jungen und alten Teilnehmer*innen gleichermaßen – auf den wahrgenommenen Wissenserwerb, weniger hingegen auf das subjektive Wohlbefinden während der einzelnen Sitzungen zurückgeführt werden. Auf beiden Dimensionen wurde das Training als gut bis sehr gut bewertet – bezüglich Wohlbefinden etwas positiver als bezüglich Wissenserwerb, von den alten Teilnehmer*innen etwas positiver als von den jungen. Auf dieser Evaluation aufbauend wird diskutiert, welchen Stellenwert Begegnungsproamme wie „Geteilte Lebensgeschichten“ in einer intergenerationell orientierten Jugend- bzw. Altenarbeit haben (könnten).

16:10
Förderung freiwilligen Engagements bei älteren Menschen in Berlin & Hong Kong: Ergebnisse zweier randomisiert kontrollierter Studien
S19-22-04 

L. M. Warner, D. Jiang, A. M.-L. Chong, T. Li, J. Wolff, S. Wurm, K. Chou; Berlin, Hong Kong/HK, Nürnberg

Fragestellung: Obwohl freiwilliges Engagement mit Vorteilen für ältere Menschen in Verbindung steht – z. B. weniger psychische und physische Erkrankungen, mehr körperliche Aktivität und soziale Integration – zählen die hier vorgestellten randomisiert kontrollierten Studien (RCTs) zu den ersten Interventionen zur Steigerung freiwilligen Engagements im Alter. Die sozialkognitiven Interventionen wurden auf Grundlage theoriebasierter (Health Action Process Approach, Sozial-kognitive Theorie) gesundheitspsychologischer Verhaltensänderungstechniken entwickelt.

Methodik: Zwei RCTs mit älteren Menschen aus Berlin (n = 280, Alter 64+) und Hong Kong (n = 384, Alter 60+) verglichen eine einzige 4-stündige (Berlin) bzw. 4 wöchentliche 1-stündige (Hong Kong) face-to-face Gruppeninterventionssitzungen zur Förderung freiwilligen Engagements gegen jeweils eine parallel aufgebaute aktive Kontrollgruppe mit gleicher Länge und gleichen Verhaltensänderungstechniken, die jedoch auf die Steigerung körperlicher Aktivität abzielte. Selbstberichte des wöchentlichen freiwilligen Engagements in Minuten wurden zur Baseline und bis zu 6 Monate nach der Intervention erfasst (Berlin: Baseline, 2 & 6 Wochen; Hong Kong: Baseline, 6 Wochen, 3 & 6 Monate). Zur Testung der Interventionseffekte wurden latente Veränderungsmodelle (unter Kontrolle von Alter, Geschlecht, Bildung, Gesundheit) berechnet. In Hong Kong wurden Mediatoren des Interventionseffekts getestet (Handlungsergebniserwartungen, Selbstwirksamkeit, Intention, Planung, Selbstbeobachtung des Engagements).

Ergebnisse: Im Berliner RCT zeigte sich von 2 zu 6 Wochen nach der Intervention ein Anstieg im freiwilligen Engagement, der signifikant auf die Gruppenzugehörigkeit zurückging (β = -.23, p = 0.02). Im RCT in Hong Kong waren die Veränderungen im Engagement von Baseline zu 6 Wochen sowie zu 3 und 6 Monaten auf die Gruppenzugehörigkeit zurückführbar (β = .29, p < .001; β = .11, p = .05; β = .24, p < .001). Zudem zeigten sich indirekte Effekte der Intervention über höhere Selbstwirksamkeit, Intention und Planung in Hong Kong.

Zusammenfassung: Verhaltensänderungstechniken basierend auf gesundheitspsychologischen Theorien fördern freiwilliges Engagement bei älteren Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Als Mechanismen spielen verbesserte Selbstwirksamkeit, Intention und Planung eine Rolle. Vier wöchentliche Interventionen wirkten dabei nachhaltiger, als eine einmalige Interventionssitzung.

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