Donnerstag, 19.09.2019

11:00 - 12:30

R002

W19-01

Kritische Perspektiven auf Care - Ethics of Care im Kontext Krankenhaus

Moderation: S. Migala, Berlin; F. Wernicke, Freiburg

Workshop des FA krit. Gerintologie

Im Zuge der demografischen Veränderungen unserer Gesellschaft gelangt besonders das Thema Pflege und mit ihm die oft kritische Organisation, Ressourcenausstattung und Wertschätzung mit der Übernahme von Pflegeaufgaben verbundener Arbeit in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit. Dies betrifft gleichermaßen die professionalisierten Pflegeberufe wie die informell Pflegenden. Berichte über menschenrechtlich bedenkliche Versorgungs- und Arbeitssituationen innerhalb der stationären (Langzeit-)Versorgung sind weithin bekannt und werden medienwirksam benannt. In ihnen offenbaren sich problematische Verschränkungen zwischen den Sorgebedarfen der in den betreffenden Einrichtungen umsorgten Personen auf der einen und den auf Rationalität und Effizienz hin ausgerichteten institutionellen Strukturen auf der anderen Seite. Die oft zeitintensive Begleitung einzelner Patienten(gruppen) wird u.a. durch Personalengpässe massiv eingeschränkt. Unter diesen Eindrücken sind die kritische Betrachtung sozialer Ungleichheitsdynamiken und die notwendige Legitimationsbedürftigkeit von oft unzumutbaren Arbeits- und Versorgungs- und somit Lebensumständen von besonderer Aktualität.

In diesem Workshop werden Konzeptionen und Verständnisweisen von Care aus theoretischer und praktischer Perspektive näher beleuchtet, die den wissenschaftlichen Diskurs in der Gerontologie und Pflege bestimmen. Gezeigt wird, dass sich der Care-Begriff als analytischer Zugang zu den benannten Problemen im Kontext von Sorgearbeit eignet.

Ergänzend werden care-ethische Überlegungen angestellt, die die Dynamiken sozialer Ungleichheit ebenso wie Aspekte der Diversität gesellschaftlicher Verhältnisse und asymmetrischer Machtverhältnisse mit einbeziehen. Ein Ansatz, der gerade mit Blick auf den Kontext Krankenhaus vielversprechend scheint. Hierauf verweist der dritte Vortrag, der verdeutlicht, mit welchen Herausforderungen die Sorge für (sich) und andere aufgrund des Personalmangels im Pflegebereich einhergeht.

In der sich anschließenden Diskussion sollen die Perspektiven aus Forschung, Theorie und Praxis zusammengebracht werden. Ziel ist es, gemeinsam mit den Teilnehmenden des Workshops Thesen zu entwickeln, die für den weiteren interdisziplinären Austausch fruchtbar gemacht werden können. Insofern gilt es, die Schnittstellen zwischen Pflegewissenschaft und Gerontologie mitzudenken und Lösungsansätze weiterzuentwickeln.

11:00
Eine kritische Perspektive zur Praxis der Pflege im Krankenhaus
W19-01-01 

J. Hertwig; Berlin

Angesichts des fortwährenden Personalmangels in der Pflege hat das Bündnis für mehr Personal in der Pflege in Berlin ein Volksbegehren auf den Weg gebracht, das u.a. ein angemessenes Verhältnis von Pflegekräften zu Personen mit Pflegebedarf fordert. Dies sollte sich an den Bedürfnissen und Bedarfen der Patienten ausrichten, die je nach Versorgungssetting und -bereich sehr heterogen sein können. Zudem fehlen Regelungen für Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen. Das vom Bundestag beschlossene Gesetz zu Personaluntergrenzen wird den Anforderungen einer qualitativ hochwertigen Pflege aus Sicht der Praxis nicht gerecht und missachtet damit die Rechte von Pflegebedürftigen und Pflegekräften.

Ziel des Vortrags ist es, die Fachöffentlichkeit zu sensibilisieren und einen partizipativen Beitrag der Praxis für die weitere Forschung zu leisten. Gezeigt werden soll, an welchen wissenschaftlich fundierten Antworten auf offene Fragen die Praxis Pflege interessiert ist.

Die Forderungen des Bündnisses werden anhand von empirischen Ergebnissen und praktischen Erfahrungen zur Personalentwicklung und steigenden Risiken des stetigen Personalabbaus der letzten Jahrzehnte erörtert. Betroffen sind sowohl die Pflegebedürftigen mit ihren An- und Zugehörigen als auch die professionell Pflegenden.

Der Anstieg der Fallzahlen im Krankenhaussektor und der Behandlungskomplexität führen zu einer Erhöhung des Arbeits- und Dokumentationsaufwandes. Eine ganzheitliche Pflege ist unter den gegebenen Bedingungen unmöglich. Auch partielle Pflegeleistungen z.B. in den Bereichen Körperpflege, Nahrungsaufnahme und Mobilisierung können oft nicht fachgerecht erbracht werden. Registriert werden z.B. eine Zunahme von Blasenkathetern oder zu lange Reaktionszeiten bei Schmerzen oder Notfällen.

Die verdeutlichten Missstände gehen folglich zu Lasten der Patienten und werfen Fragen zum Umgang mit Körperverletzungen oder unterlassener Hilfeleistung im Rahmen der gesundheitlichen Versorgung auf.

Das Bündnis ist eines von vielfältigen Initiativen der Pflege in Deutschland, die konstruktive Vorschläge zur Verbesserung der Qualität und Attraktivität der Pflege für zu Pflegende machen. Diese sollten nicht marginalisiert und mit Verweis auf die Finanzierungsproblematik mundtot gemacht werden.

Gefordert werden die Entwicklung eines Instruments zur Ermittlung des Pflegebedarfs in Krankenhäusern und Studien, die den Zusammenhang von Personalbesetzung und Patientengesundheit in den Blick nehmen.

11:30
Verständnisweisen von Führungskräften zur Frage kollektiver Verantwortung für eine gute Sorge am Lebensende – eine organisationsethische Analyse
W19-01-02 

S. Migala; Berlin

Der demographische Wandel und die damit einhergehenden individuellen und gesellschaftlichen Folgen rücken Fragen u.a. über die Generationengerechtigkeit, das Geschlechterverhältnis oder das Verhältnis von professioneller und informeller Sorge und den Umgang mit zunehmender Diversität der alternden Gesellschaft aus einer ethischen Perspektive zunehmend in den Fokus der pflegepolitischen Debatte. Vor diesem Hintergrund erscheint der Blick auf Care aus verschiedenen ethischen Denkansätzen für die Pflege besonders aufschlussreich. In einer vom BMG geförderten Studie geht es u.a. um die Frage nach der ethischen Verantwortung von Organisationen als kollektive Akteure, in denen eine diversitätssensible und gleichermaßen gelingende Versorgung gestaltet und ermöglicht werden soll.

Für die Untersuchung wurde eine interdisziplinäre Forschungsperspektive eingenommen, in der Methoden qualitativer Sozialforschung trianguliert und im Sinne einer empirisch informierten Ethik systematisch reflektiert wurden. Neben einer Sekundäranalyse episodischer Interviews mit Sterbenden und Angehörigen (n=46, mit/ohne Migrationshintergrund) und einer Diskursanalyse gesundheitspolitischer Stellungnahmen wurden Expert_inneninterviews mit Führungskräften (n=30) aus den Bereichen der Pflege und Sozialen Arbeit geführt.

Präsentiert werden Ergebnisse der Expert_inneninterviews, die im Sinne des thematischen Kodierens fallvergleichend zur Entwicklung einer Typologie von Positionierungen und Überzeugungen analysiert wurden. Hinsichtlich der Bedeutungen von Verantwortung für eine diversitätssensible Sorge, die die Führungskräfte verdeutlichen, zeigt sich durchgehend eine eigene Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Ebenso besteht eine gemeinsame Überzeugung darin, dass die Ökonomisierung zu einem bestimmenden Element der Sorge auf individueller und kollektiver Ebene geworden ist. Unterschiede zeigen sich zwischen einer ablehnenden und mittragenden Positionierung gegenüber der Ökonomisierung. Die damit einhergehenden Handlungsorientierungen, die in unterschiedlichem Maß auf Schadensbegrenzung und Optimierung der Ressourcenverwertung zielen, werden aus einer care-ethischen Perspektive diskutiert. Festzuhalten ist, dass moralische Dimensionen pflegerischen Handelns stärker zur Sprache gebracht werden müssen: sei es, dass Beziehungsarbeit geleistet werden kann, der Wert einer Dienstübergabe wiederentdeckt oder ethische Fallbesprechungen nicht an zentrale Ethik-Kommissionen delegiert werden.

12:00
Zwischen Cure und Care – Was stationäre Versorgung mit gutem Leben zu tun hat
W19-01-03 

F. Wernicke; Freiburg

Als zentrale Einheit der Gesundheitsversorgung sehen sich Krankenhäuser mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Zunehmende Konzernierung, eine ausgeprägte Effizienzorientierung, Standortreduktionen und vor allem die Verringerung eingesetzten und qualifizierten Personals erschweren die Versorgung und beeinträchtigen deren Qualität. Dies gilt für die dort versorgten ebenso wie für die in den Einrichtungen arbeitenden Menschen. Insbesondere vulnerable Personen(gruppen) – Menschen mit Pflegebedarf, Behinderung und Demenz – laufen unter den bezeichneten Umständen Gefahr, in ihren Rechtsansprüchen auf ein würdevolles, unversehrtes und selbstbestimmtes Leben beschnitten zu werden. Berichte über Gewalt, Fehl- und Zwangsbehandlungen sowie Vernachlässigung sind öffentlich bekannt und spiegeln sich auch in empirischen Untersuchungen zum Thema.

Neben ihrer Rolle als Versorgungseinrichtungen fungieren Krankenhäuser in gleicher Weise als Orte der Sorge. Der Sorge-/ Care-Begriff weitet den Blick auf Pflegetätigkeiten und fügt diesen Aspekte der Beziehungshaftigkeit sowie der allzeitigen und gegenseitigen Verwiesenheit des Menschen aufeinander hinzu und sensibilisiert für Machtungleichheiten. Die darin begründete Sensibilität für ethisch-moralische Spannungsfelder findet ihre Formulierung in care- und organisationsethischen Debatten. In der Praxis sollen die hohen Systemansprüche auf Teilhabe, Selbstbestimmung und Schutz auf der einen und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie zumutbarer Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite durch den Einsatz komplexer Kontrollinstrumente realisiert werden. Deren mangelnde Wirksamkeit und Reichweite drückt sich neben der systematischen Fehlversorgung vulnerabler Patienten(gruppen) auch in dem tendenziell rückläufigen öffentlichen Vertrauen in die stationäre (Langzeit-)Versorgung aus.

Der Beitrag verfolgt das Ziel, theoretische Perspektiven der Care- und Organisationsethik am Beispiel der geschilderten Problemstellung zu reflektieren und um empirische Daten zum Thema zu ergänzen. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Parameter zur Bemessung einer als gut zu interpretierenden pflegerischen Versorgung heranzuziehen sind. Zudem wirbt er für eine erweiterte, an den Rechten von Pflegeempfänger_innen und -leistenden orientierte Sichtweise auf die pflegerische Versorgung im Krankenhaus. Der Beitrag soll überdies der Generierung der für die Workshop-Diskussion notwendigen Arbeitsthesen dienen.

Diskutantin: J. Heusinger, Magdeburg

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