Donnerstag, 19.09.2019

15:30 - 17:00

R003

S19-18

Leben im höheren, hohen und sehr hohen Alter: Ergebnisse des Deutschen Alterssurveys (DEAS) und der Hochaltrigenstudie (NRW80+/D80+) zu sozialer Isolation und produktiven Tätigkeiten im Vergleich

Moderation: C. Vogel, Berlin; J. Simonson, Berlin; R. Kaspar, Köln

Der Erfolgsgeschichte einer verlängerten Lebenszeit, die das Erleben des hohen und sehr hohen Alters erwartbar werden lässt, stehen nicht selten negative Alltagserwartungen gegenüber, wie die etwa medial häufig geäußerten Befürchtungen zunehmender sozialer Isolation und abnehmender Möglichkeiten, weiterhin aktiv tätig zu sein. Wie sich im Verlauf der zweiten Lebenshälfte und in der Lebensphase des (sehr) hohen Alters die soziale Einbindung und die Übernahme von produktiven Tätigkeiten wie Sorgetätigkeiten oder Ehrenämter darstellen, ist jedoch empirisch zu untersuchen.

Befunde zur Hochaltrigkeit sind in Deutschland bislang sehr selten. Für das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen liegen mit der durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW geförderten und 2017/2018 durchgeführten repräsentativen Hochaltrigenstudie NRW80+ erste Befunde zu den Lebenssituationen von Personen ab 80 Jahren vor. Mit der Fortführung der Studie in NRW und der durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderten Ausweitung zu einer bundesweit repräsentativen Bevölkerungsbefragung der Personen im Alter von 80 und mehr Jahren (D80+) wird es künftig möglich, das Leben im höheren, hohen und sehr hohen Alter zu untersuchen. Mit dem vom BMFSFJ geförderten Deutschen Alterssurvey (DEAS), einer seit 1996 durchgeführten repräsentativen Quer- und Längsschnittbefragung von Personen in der zweiten Lebenshälfte, können Alternsverläufe in der Spanne von 40 bis 90 Jahren analysiert werden.

Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS) verweisen auf differenzielle Alternsverläufe, z.B. steigt das Einsamkeitsrisiko erst im höheren und sehr hohen Alter leicht an, und zwar für Frauen stärker als für Männer. Die große Mehrheit der älteren Menschen ist jedoch weder einsam noch sozial isoliert. Ergebnisse der Studie NRW80+ verweisen darauf, dass auch Personen über 80 Jahren in vielfältiger und sozial differenzierter Weise in Tätigkeiten für andere wie Sorgetätigkeiten und ehrenamtliches Engagement eingebunden sind.

Mit der bundesweiten Hochaltrigenstudie D80+ wird sich die Datenlage zum Leben im hohen und sehr hohen Alter deutlich verbessern. So wird es möglich sein, die zunehmende Vielfalt der Lebenssituationen, die aus den Ergebnissen des Deutschen Alterssurveys (DEAS) zum mittleren und höheren Alter belegt ist, auch im sehr hohen Alter zu untersuchen und einen differenzierten Blick auf das Leben hochaltriger Menschen zu ermöglichen.

15:30
Geschlechterunterschiede in den Risiken sozialer Isolation und Einsamkeit im Verlauf der zweiten Lebenshälfte
S19-18-01 

O. Huxhold, H. Engstler; Berlin

Hintergrund: Die bisherige Forschung zeichnet ein uneinheitliches Bild in Bezug auf Unterschiede im Ausmaß sozialer Integration und Einsamkeit zwischen Frauen und Männern im mittleren und höheren Erwachsenenalter. Einerseits investieren Frauen tendenziell stärker als Männer in soziale Beziehungen und pflegen häufigeren Kontakt zu Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten. Andererseits sind im höheren Lebensalter Risikofaktoren für soziale Isolation und Einsamkeit – wie beispielsweise einschränkende Krankheiten, Verwitwung und finanzielle Nöte – bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern. Aus diesen Gründen untersuchten wir mit den Daten des Deutschen Alterssurveys, ob und inwiefern sich Geschlechterunterschiede in Bezug auf soziale Isolation und Einsamkeit im Verlauf der zweiten Lebenshälfte (von 40 bis 90 Jahren) verändern.

Methode: Zu diesem Zweck untersuchten wir individuelle Altersverläufe von Frauen und Männern in den Risiken, sozial isoliert oder einsam zu sein, mit Hilfe von hierarchischen logistischen Regressionen. Die Analysen zum sozialen Isolationsrisiko basierten auf 19.969 Studienteilnehmenden mit 39.186 Beobachtungen. Verläufe im Einsamkeitsrisiko konnten auf der Grundlage von 16.151 Studienteilnehmenden und 31.532 Beobachtungen geschätzt werden.

Ergebnisse: Übereinstimmend mit den Erwartungen zeigte sich, dass Männer im Vergleich zu Frauen im mittleren Lebensalter einem erhöhten Isolations- und Einsamkeitsrisiko ausgesetzt sind, während Frauen aufgrund eines stärkeren Anstiegs im weiteren Alternsverlauf im späteren und hohen Erwachsenenalter größere Risiken aufweisen, sozial isoliert und einsam zu sein.

Schlussfolgerung: Die Analyse zeigt erstmalig für die Deutschland mit Hilfe einer repräsentativen Stichprobe Geschlechtsunterschiede in längsschnittlichen Altersveränderungen in Isolations- und Einsamkeitsrisiken im Verlauf der zweiten Lebenshälfte. Das Ausmaß der Unterschiede ist jedoch in jedem Lebensalter relativ gering. Interventionsmaßnahmen zur Bekämpfung und Prävention von sozialer Isolation und Einsamkeit im Alter sollten sich demnach an beide Geschlechter richten.

15:50
Zusammenhänge zwischen sozialer Netzwerkgröße, Einsamkeit und Gesundheit: Befunde aus dem Deutschen Alterssurvey (DEAS) und der Hochaltrigenstudie NRW80+
S19-18-02 

W. Schmitz; Köln

Hintergrund: Es ist zu erwarten, dass sich die Größe des sozialen Netzwerks mit steigendem Alter verändert. Insbesondere Personen im hohen Alter sind häufiger mit Lebensereignissen (z.B. Verwitwung, Einzug in ein Pflegeheim) sowie auch mit Gesundheitseinschränkungen konfrontiert, welche sich auf die Größe des sozialen Netzwerks auswirken sowie Einsamkeitsgefühle begünstigen können. So ist insbesondere in der Hochaltrigkeit mit einem kleineren sozialen Netzwerk und höheren Einsamkeitsgefühlen zu rechnen. Zudem wird mit Bildungs- und Geschlechtsunterschieden im hohen Alter gerechnet. Bisherige Befunde zeigen, dass vor allem Männer und niedrig gebildete Personen ein eher kleineres soziales Netzwerk besitzen, während sich Frauen und niedrig gebildete Personen eher einsam fühlen.

Methode: Die Querschnittsdaten aus dem DEAS (2014) und NRW80+ (2017) werden durch deskriptive und multivariate Analysen miteinander verglichen. Soziale Netzwerkgröße und Einsamkeitsgefühle werden durch verschiedene Gesundheitsoutcomes sowie Geschlecht und Bildung erklärt.

Ergebnisse: Hochaltrige haben ein kleineres Netzwerk im Vergleich zu Personen mittleren und höheren Alters. In der Hochaltrigkeit sowie im mittleren bis höheren Alter hängt die kognitive Gesundheit positiv mit der Netzwerkgröße zusammen. Die Verwitwung sowie das Wohnen in Pflegeheimen sind in der Hochaltrigkeit negativ mit der Netzwerkgröße assoziiert. Frauen im mittleren bis höheren Alter haben ein größeres Netzwerk. In der Hochaltrigkeit ist das Einsamkeitsgefühl durch die Depression und Verwitwung erklärbar. Im mittleren bis höheren Alter haben weibliche, depressive, multimorbide und funktional beeinträchtigte Personen ein höheres Einsamkeitsempfinden. Insgesamt sind keine Bildungszusammenhänge zu finden.

Schlussfolgerung: Sowohl im mittleren, höheren als auch im sehr hohen Alter haben kognitiv gesündere Personen ein größeres Netzwerk. Anders als im mittleren bis höheren Alter, scheint die Netzwerkgröße bei Hochaltrigen eher durch Lebensereignisse wie die Verwitwung und den Einzug ins Pflegeheim bestimmt zu sein. Das Einsamkeitsgefühl unterscheidet sich lediglich im mittleren bis höheren Alter nach Geschlecht und verschiedenen Gesundheitsoutcomes. Geschlechterunterschiede beim Einsamkeitsempfinden scheinen in der Hochaltrigkeit zu verschwinden. Hier fühlen sich insbesondere verwitwete und depressive Personen einsam.

16:10
Sorgetätigkeiten, Ehrenamt und Erwerbsarbeit im Verlauf der zweiten Lebenshälfte – Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS)
S19-18-03 

C. Vogel, D. Klaus; Berlin

Unbezahlte Familienarbeit wie die instrumentelle und pflegerische Unterstützung von Angehörigen wird häufiger von Frauen erbracht als von Männern. Männern sind hingegen sowohl häufiger erwerbstätig als auch häufiger ehrenamtlich engagiert, was eher einer traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung entspricht. Wir untersuchen, in welchen Phasen des Lebenslaufs Menschen am wahrscheinlichsten Unterstützung von Angehörigen übernehmen und ob bzw. wenn ja, wie sich die Unterstützungsverläufe für Frauen und Männer unterscheiden. Betrachtet wird der gesamte Verlauf über die zweite Lebenshälfte, vom Alter 40 Jahre bis zum Alter 90 Jahre. Die Verläufe werden gesondert untersucht für die Betreuung von Enkelkindern als auch für die Unterstützung von Personen, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes Unterstützung benötigen. Darüber hinaus betrachten wir Erwerbs- und Ehrenamtsverläufe.

Auf Basis der Daten des Deutschen Alterssurveys (erste Erhebung 1996, aktuellste Ehrhebung 2017) schätzen wir logistische Panelregressionen, um die Verläufe für Frauen und für Männer vergleichend zu analysieren. In die Analysen gehen Informationen von über 20.000 Befragten mit fast 40.000 Beobachtungen ein.

Die Unterstützungsverläufe für Frauen und Männer unterscheiden sich erheblich. Frauen übernehmen nicht nur häufiger Sorgetätigkeiten, sondern sie beginnen früher im Lebenslauf damit, Sorgetätigkeiten für andere auszuüben. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit für Frauen auch höher, Erwerbstätigkeit und die Unterstützung von Familienangehörigen über einen längeren Zeitraum zu vereinbaren als für Männer. Wenn Männer Sorgetätigkeiten wie die Betreuung von Enkelkindern übernehmen, dann tun sie dies vermehrt erst nach dem Austritt aus der Erwerbsarbeit. 

Unterstützungsleistungen werden nach wie vor häufiger von Frauen geleistet als von Männern, dies hat auch Konsequenzen in anderen Lebensbereichen wie der Ausübung von Erwerbsarbeit und der Ausübung von Ehrenämtern. Dabei ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht nur auf die Familienphase begrenzt, in der eigene Kinder betreut werden, sondern sie spiegelt sich auch in späteren Lebensphasen bei der Betreuung von Enkelkindern und bei der Übernahme von Unterstützungsleistungen etwa für pflegebedürftige Eltern oder pflegebedürftige Partnerinnen und Partner wieder. Es ist anzunehmen, dass die längere Dauer der Übernahme von Unterstützungsleistungen bei Frauen zu einer Kumulation sozialer Ungleichheit im Lebenslauf beiträgt.

16:30
„Sorge für und um andere Menschen“ im hohen Alter: Befunde der Hochaltrigenstudie NRW80+
S19-18-04 

L. Geithner; Köln

Hintergrund: Das „vierte Alter“ wird im Gegensatz zum „dritten Alter“ vor allem mit Verletzlichkeit, funktionellen Verlusten und der Abhängigkeit von der Hilfe anderer assoziiert. Hinzu kommt, dass sich soziale Netzwerke sowie der Aktionsradius verkleinern. Möglichkeiten der Teilhabe nehmen damit deutlich ab. Insbesondere für das hohe Alter wird jedoch angenommen, dass die Übernahme von Verantwortung für andere Menschen ein wesentliches Element eines guten Lebens ist. Die Erfahrung etwas geben zu können und damit das Erleben von Gegenseitigkeit, erhöhen Sinnerleben und Zufriedenheit. Besonders Formen der „Sorge um Andere“ wie z.B. Generativität können im hohen Alter an Bedeutung gewinnen (Kruse 2016; 2017).

Methode: Dies soll auf Grundlage der Querschnittsdaten aus NRW80+ mit Fokus auf die „Sorge für und um andere Menschen“ überprüft werden. Vier Themenbereiche werden dabei genauer betrachtet: ehrenamtliches Engagement, Pflegetätigkeit, gegebene soziale Unterstützung sowie Generativität. Über Regressionsanalysen wird untersucht, welche Personengruppen diese Sorgeformen häufiger ausüben und welche Zusammenhänge mit allgemeiner Zufriedenheit und der Wertschätzung des eigenen Lebens bestehen. Es wird überprüft, wie sich der Zusammenhang zwischen Sorge und Wohlbefinden zwischen Gruppen mit unterschiedlicher gesundheitlicher Einschränkung verändert.

Ergebnisse: Die Analysen zeigen, dass alle Sorgeformen bis auf private Pflegetätigkeiten in einem positiven Zusammenhang mit allgemeiner Zufriedenheit und der Wertschätzung des eigenen Lebens stehen. Im hohen Alter üben Männer häufiger Pflegetätigkeiten aus als Frauen. Ebenso geben sie häufiger soziale Unterstützung. In den höheren Altersgruppen nimmt die Ausübung der verschiedenen Sorgeformen erwartungsgemäß ab. Erste Ergebnisse zeigen, dass Generativität für Personen mit stärkeren gesundheitlichen Beeinträchtigung wichtiger für die Wertschätzung des eigenen Lebens und die Zufriedenheit ist.

Schlussfolgerungen: Die betrachteten Sorgetätigkeiten nehmen einen unterschiedlichen Stellenwert für das Wohlbefinden im hohen Alter ein. Sie können Sinnerleben und Zufriedenheit steigern. Bei abnehmender Gesundheit gewinnen Formen der Sorge an Bedeutung, die eine innere Beschäftigung mit der Lebenssituation anderer Menschen darstellen.

Symposium: Leben im höheren, hohen und sehr hohen Alter: Ergebnisse des Deutschen Alterssurveys und der Hochaltrigenstudie zu sozialer Isolation und produktiven Tätigkeiten im Vergleich

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