Freitag, 20.09.2019

14:15 - 15:45

R6

S20-11

Lebensqualität und Ressourcen bei Älteren mit und ohne Demenz

Moderation: A. Teti, Vechta

Seit über 30 Jahren hat sich in den Gesundheitswissenschaften der Paradigmenwandel vom phatogenetischen zum salutogenetischen Ansatz ereignet. Wenngleich heutzutage die Ressourcenorientierung, die im Rahmen dieses Wandels propagiert wurde, bereits in Gesundheitsforschung und -Versorgung jüngerer und mittlerer Lebensspannen Berücksichtigung erfährt, lässt sich dieser Ansatz nur schwer auf das Altern anwenden. Insbesondere bei der Betrachtung von Hochbetagten und Menschen mit Demenz (MmD) überwiegen weiterhin negative Altersbilder sowie defizit-orientierte Ansichten. Das Symposium „Lebensqualität und Ressourcen bei Älteren mit und ohne Demenz“ möchte zu diesem Diskurs einen Beitrag leisten und die Ressourcenorientierung in Altersforschung, Altenhilfe und Altersversorgung noch einmal in den Fokus rücken lassen. Ausgehend von den Zielen Z1 (Autonomie erhalten), Z2 (gesundheitliche Ressource stärken) und im Z11 (Versorgung von MmD) aus dem Nationalen Gesundheitsziel Gesund älter werden (BMG, 2011) wird im diesem Panel die Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe durch Einsatz von individuellen Ressourcen diskutiert.

Katherina Röse (Uni-Lübeck) geht auf dem Begriff Betätigung als Schlüssel für eine erfolgreiche Integration in Alltagstätigkeiten von MmD ein. Johannes Gräske (ASH – Berlin) widmet sich dem Thema der Integration von MmD im Bauernhofleben. Matthias Lühr (Uni-Vechta) stellt die Wirkung von ehrenamtlichem Engagement auf subjektives Wohlbefinden und Teilhabe vor. Anna Münch (Uni-München) weist Wege zur sozialen Integration durch Tagesgestaltung von Hochbetagten auf.

14:15
Betätigungsspielräume von Menschen mit Demenz
S20-11-01 

K. Röse; Lübeck

Fragestellung: Gesellschaftliche Alter(n)sbilder und Vorstellungen vom guten Alter(n) beeinflussen welche Formen von Betätigung als passend und gesellschaftlich akzeptiert und welche als unpassend gewertet werden (Laliberte Rudman 2010). Soziokulturell geteilte Perspektiven auf Alltagstätigkeiten Älterer fokussieren auf den Erhalt von Selbstständigkeit und von sinnvollen aktiven Aktivitäten. In diesem Vortrag wird der Frage nachgegangen in welcher Weise soziokulturell geteilte Perspektiven Betätigungsspielräume von Menschen mit Demenz formen und wie Veränderungen von Perspektiven die Teilhabemöglichkeiten dieses Personenkreises erweitern können.

Methode: Mittels des Forschungsansatzes der konstruktivistischen Grounded-Theory-Methodologie (Charmaz 2014), wurden in zwei Pflegeheimen verschiedene Betätigungssituationen von 14 Personen mit Demenz ethnographisch-teilnehmend beobachtet und episodische Interviews mit 19 Mitarbeiter*innen geführt. Die unterschiedlichen Datensorten wurden initial sowie fokussiert kodiert und die entwickelten Kategorien durch eine Triangulation kontrastiv aufeinander bezogen.

Ergebnisse: Betätigung von Personen mit Demenz kann jenseits von aktivem Tun konzeptualisiert werden. Die Ergebnisse der Studie zeigen fünf Dimensionen der Betätigung: Selbst tun, mitmachen, helfen und sich beteiligen (doing), Überforderungen überspielen und kreative Neuschöpfungen (doing in another way), Ankerpunkte suchen und Vertrautheit herstellen sowie Zusammensein und aufeinander Bezogensein (belonging) und Zeit verbringen, warten, dösen und träumen (being). Der Kontext und damit professionelle Perspektiven und Handlungsweisen spielen eine grundlegende Rolle für die Ermöglichung von Betätigungsspielräumen von Personen mit Demenz. Um das Spektrum von Betätigung anzuerkennen und Betätigungsspielräume von Personen mit Demenz zu erweitern, ist erforderlich flexible Normen zu nutzen und vielfältige Zwiespälte auszubalancieren.

Schlussfolgerung: Personen mit Demenz durchbrechen mit der Kreativität ihrer Betätigung soziokulturell geteilte Vorstellungen und machen diese in besonderer Weise sichtbar. Ein Verständnis von Betätigung, welches auf sinnvolles eigenständiges Tun fokussiert, begrenzt die Betätigungsspielräume von Personen mit Demenz. Um Teilhabemöglichkeiten dieses Personenkreises zu erweitern, ist es erforderlich Grenzen normativer Vorstellungen mit Hilfe flexibler Normen variabel zu verschieben und gewohnte Perspektiven kritisch zu hinterfragen.

14:35
Menschen mit Demenz auf dem Bauernhof – Ein Ansatz zur Verbesserung der Inklusion?
S20-11-02 

J. Gräske, K. Nisius, D. Renaud; Berlin, Saarbrücken

Hintergrund: Die stetig steigende Anzahl an Menschen mit Demenz stellt eine Herausforderung für die soziale und gesundheitliche Versorgung dar. Insbesondere da traditionelle Versorgungsformen nicht auf die komplexen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz ausgerichtet sind. Daher fühlen sich Bewohner häufiger einsam und isoliert. Eine alternative Betreuungsform ist die Versorgung auf dem Bauernhof. Die Versorgung ist dabei auf eine naturnahe Betreuung mit möglichst vielen verschiedenen Berufs- und Personengruppen abgestimmt. Unklar ist bislang, wie viele solche Versorgungsangebote es deutschlandweit gibt und welche Spezifika diese hinsichtlich der Inklusion aufweisen.

Methodik: Im Rahmen einer Querschnittserhebung (2018) wurde erstmalig der tatsächliche Ist-Bestandes in den einzelnen Bundesländern erfasst. Durch die fehlende Registrierungspflicht ist es notwendig, anhand von eigenen Erhebungen zuverlässige Schätzungen zu generieren. Die Datenerhebung erfolgte über Aufsichtsbehörden, Pflegestützpunkte, Landesinitiativen, Pflegekassen etc. Neben dem Ort des Angebotes wurde  die Versorgungsform erfasst (stationär, ambulant, Tagespflege etc.). Zusätzlich wurde erfragt, welcher Inklusionsansatz (bspw. Inklusion von Schulklassen) verfolgt wird.

Ergebnisse: Es konnten 34 Bauernhöfe mit Angeboten für Menschen mit Demenz identifiziert werden. Die Bundesländer mit den meisten Höfen sind Schleswig-Holstein (n = 12), Bayern (n = 8) und Nordrhein-Westfalen (n = 5). In n = 5 Flächenländern sowie allen n = 3 Stadtstaaten gibt es keine entsprechenden Bauernhöfe. 50 % (n = 17) der identifizierten Höfe nahmen an der anschließenden Befragung teil. Die häufigsten Angebote sind niedrigschwellige Betreuung (n = 9) sowie eine vollstationäre Versorgung (n = 4) angeboten. Die Beschäftigungsangebote sind Kontakt zu Tieren (n = 15), Anbau (n = 4) sowie Ernte (n = 11) von Obst und Gemüse. Darüber hinaus haben die Menschen mit Demenz Kontakt zu anderen Personengruppen wie Landwirte, ehrenamtlich Engagierte, Besucher oder Schulklassen.

Diskussion: Die identifizierten Höfe sind regional ungleich verteilt. Innerhalb dieser Versorgungsform werden Beschäftigungsangebote zu Steigerung der sozialen Inklusion genutzt. Weitere Studien insbesondere zu möglichen Effekten dieser Versorgungsform auf die Menschen mit Demenz hinsichtlich des Gefühls der Einsamkeit und Isolation sind notwendig.

14:55
Fördern nichtpolitische und politische Freiwilligenarbeit psychosoziale Ressourcen und subjektives Wohlbefinden von älteren Erwachsenen in Deutschland?
S20-11-03 

M. Lühr, M. Pavlova, M. Luhmann; Vechta, Bochum

Fragestellung: Da Freiwilligenarbeit ältere Erwachsene in soziale Strukturen einbettet und ältere freiwillig Engagierte von einer hohen intrinsischen Motivation zur Freiwilligenarbeit berichten, wird allgemein angenommen, dass Freiwilligenarbeit zu einem stärkeren subjektiven Wohlbefinden älterer Erwachsener beiträgt. Bisherige Forschung bestätigt diese Annahme grundsätzlich, stammt aber größtenteils aus den USA und weist methodische Schwächen auf. Wir haben danach gefragt, ob ein Effekt von Freiwilligenarbeit auf subjektives Wohlbefinden in einer großen deutschen längsschnittlichen Stichprobe bestätigt wird und ob dieser Effekt über einen Zugewinn an personalen (Kontrolle über das eigene Leben, Möglichkeit der Beeinflussung sozialer Verhältnisse) und sozialen (weniger Einsamkeit, keine soziale Isolation) Ressourcen vermittelt wird. Außerdem haben wir untersucht, ob die Art der Freiwilligenarbeit (nichtpolitisch gegenüber politisch) das Wohlbefinden unterschiedlich beeinflusst.

Methodik: Wir haben Längsschnittdaten des Deutschen Sozioökonomischen Panels (SOEP) genutzt (1985-2016) und Regressionsanalysen in der Altersgruppe der 65-75-Jährigen gerechnet. Dabei haben wir auf Mehrebenenmodelle zurückgegriffen, die eine getrennte Analyse von Veränderung innerhalb einer Person und Unterschieden zwischen den Personen erlauben.

Ergebnisse: Häufigere nichtpolitische Freiwilligenarbeit ging mit einer höheren Lebenszufriedenheit zum gleichen Messzeitpunkt einher. Dieser Zusammenhang ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass ältere Personen mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben und weniger Einsamkeit zu den Zeitpunkten berichteten, an denen sie sich häufiger freiwillig engagierten. Häufigere politische Freiwilligenarbeit war mit einer geringeren Lebenszufriedenheit zum gleichen Messzeitpunkt assoziiert. Dieser Zusammenhang wurde teilweise über ein erhöhtes Gefühl der Einsamkeit zu diesen Messzeitpunkten vermittelt.

Zusammenfassung: Ältere Erwachsene könnten von nichtpolitischer Freiwilligenarbeit profitieren, weil mit der gemeinsamen freiwilligen Arbeit für das Wohlergehen anderer soziale und altruistische Motivationen befriedigt werden. Politische Freiwilligenarbeit könnte nachteilhaft für das Wohlergehen älterer Erwachsener sein, weil der Konflikt, der politische Kontroversen oft begleitet, den Bedürfnissen nach angenehmen Erlebnissen und harmonischen Beziehungen entgegensteht.

15:15
„Jeden Moment könnte ich tot umfallen.“ – Endlichkeitsbezogenes Handeln im Alltag hochaltriger Menschen
S20-11-04 

A. Münch; München

In den modernen Gesellschaften sind ältere Menschen widersprüchlichen Zeitsignalen ausgesetzt. Auf der einen Seite steht ihnen mit dem Wegfall der Erwerbsarbeit im Ruhestand deutlich mehr Alltagszeit zur Verfügung. Auf der anderen Seite markiert der Eintritt in die dritte Lebensphase (Kohli 1985) aber auch eine biografische Zäsur, an deren Schluss die eigene Endlichkeit auf die zunehmende Verknappung der verbleibenden Lebenszeit verweist. In einem Forschungsprojekt zur Zeitgestaltung im Alter beschäftigen wir uns daher mit der Frage, welche Bedeutung diese paradoxe Zeiterfahrung im Alter für die Subjekte hat. Die methodische Umsetzung unseres Forschungsvorhabens erfolgt mithilfe problemzentrierter Interviews mit Ruheständler*innen im Alter von 60 bis 95 Jahren, die in Orientierung an den Prinzipien der Grounded Theory ausgewertet werden.
In der ersten Welle von Interviews verwiesen die Selbsterzählungen der Befragten auf einen deutlichen Zusammenhang von Alltagszeit und Lebenszeit, der sich insbesondere darüber zeigt, dass die unterschiedlichen Varianten der Zeitgestaltung im Ruhestandsalltag über das Wissen um die eigene Endlichkeit legitimiert werden. Dabei lässt sich vor allem im ersten Jahrzehnt des Ruhestandes eine generelle Tendenz zur Logik des Nachholens spezifischer Tätigkeiten erkennen, für die in der mittleren Lebensphase nicht ausreichend Zeit blieb. Diese Logik verblasst allerdings mit steigendem Lebensalter der Befragten und stattdessen wird das Handeln zunehmend auf die unmittelbare Gegenwart fokussiert und die alterskorrelierten Verluste relevanter Anderer prägen das endlichkeitsbezogene Handeln der Hochaltrigen in verstärktem Maße. Um mehr darüber zu erfahren, wird aktuell eine zweite Welle von Interviews mit Fokus auf Personen im Alter von 80 Jahren und älter erhoben. Und auch wenn der Prozess der Theoriegenese für diese Altersgruppe noch relativ weit am Anfang steht, so verweisen die theoretischen Beobachtungen aus der bereits vorhandenen Empirie doch bereits auf die besondere Bedeutung biografisch aufgeschichteten Endlichkeitswissens aus dem sozialen Umfeld auf das eigene Endlichkeitshandeln und die damit verknüpfte subjektive Deutung der individuellen Lebensqualität im hohen Alter, die sich zuweilen sehr stark von den Deutungen der jungen Alten (u.a. van Dyk/ Lessenich 2009) unterscheidet.

Diskutantin: L. Naegele, Vechta

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