Donnerstag, 19.09.2019

11:00 - 12:30

R6

S19-03

„Mehr Care statt (nur) Cure?“: Den Herausforderungen im Kontext einer fachlich und ethisch begründeten Versorgung von Menschen mit Demenz begegnen.

Moderation: C. Rott, Heidelberg; S. Wiloth, Heidelberg

Aus der derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung ergeben sich sowohl auf institutioneller, als auch auf individueller Ebene neue Herausforderungen und Anforderungen im Kontext der pflegerischen Versorgung. Zu nennen sind hier u. a. der Erhalt von Pflegequalität und Förderung der Pflegekompetenz trotz zunehmendem Mangel an Pflegefachkräften in der ambulanten und stationären Pflege, der ethisch und rechtliche Rahmen sowie die zum Tragen kommenden Altersbilder im Umgang mit Menschen mit Demenz (MmD) im Akutkrankenhaus und eine hohe körperliche, psychische und soziale Stressbelastung pflegender Angehöriger.

In dem Symposium werden anhand von fünf Beiträgen verschiedene Forschungsprojekte aus Gerontologie und Pflegewissenschaft vorgestellt, die mögliche Strategien im Umgang mit diesen Herausforderungen für eine adäquate Versorgung und Förderung der Lebensqualität von MmD beleuchten. Der erste und der zweite Beitrag nehmen dabei das Tätigkeitsfeld der stationären Langzeitpflege näher in den Fokus: Es werden einführend die positiven Ergebnisse einer umfassenden Validierung des neuen Heidelberger Instruments zur Erfassung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz – für die Qualitätssicherung in Pflegeeinrichtungen [H.I.L.DE.-QS] (Beitrag 1) und anschließend die positive und signifikante Wirksamkeit des Instruments auf die ethisch-fachliche Pflegekompetenz sowie die emotionale Befindlichkeit von MmD (Beitrag 2) vorgestellt. Der dritte Beitrag fokussiert sich auf (ethische) Problemstellungen im Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Akutversorgung von MmD. Besonders sollen hier moralische Positionen und Grundhaltungen der beteiligten Akteure kritisch reflektiert und diskutiert werden. Der vierte Beitrag zeigt Möglichkeiten und Grenzen einer Demenz-Schulung für Mitarbeitende einer Notaufnahme auf. Die Bedeutung der Förderung innovativer Pflegeformen zur Unterstützung pflegender Angehöriger von MmD wird im letzten Beitrag thematisiert. Neben der Sensibilisierung von Öffentlichkeit und Politik sollen im Rahmen eines groß angelegten Projekts neue kommunale Sorgestrukturen im Dialog zwischen verantwortlichen kommunalen und politischen Akteuren sowie pflegenden Angehörigen angestoßen werden.

11:00
Validierung des „Heidelberger Instruments zur Erfassung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz – für die Qualitätssicherung in Pflegeeinrichtungen“ (H.I.L.DE.-QS)
S19-03-01 

S. S. Wiloth, J. Schmidt, C. Fraas, A. Kruse; Heidelberg

Hintergrund und Ziel: Für die Evaluierung einer stärkeren personenzentrierten Pflege, die auf die psychosozialen Bedürfnisse und Förderung der Lebensqualität von Pflegeheimbewohnern mit Demenz ausgerichtet ist, fehlen adäquate und umfassend validierte Messverfahren. Ziel war daher die Validierung von H.I.L.DE.-QS. 

Methodik: H.I.L.DE.-QS beinhaltet eine Befragung zur Erfassung zentraler Dimensionen der Lebensqualität der Bewohner und eine passiv-teilnehmende Beobachtung zur Abbildung ihrer Emotionalität und beeinflussender Kommunikationsmuster der Pflegeperson. Die Konstrukt- und Inhaltsvalidität, Interrater-Reliabilität, Veränderungssensitivität sowie Praktikabilität wurden bei n=79 Bewohnern mit Demenz (? Pflegegrad 3,9) in n=21 stationären Pflegeeinrichtungen analysiert.

Ergebnisse: Erwartungsgemäß zeigten sich schwache bis moderate Spearman-Korrelationen zwischen Subskalen eines etablierten Instruments zur Erfassung der Lebensqualität bei Demenz und den H.I.L.DE-QS Skalen aus dem Befragungsteil (rs=.36-.58, p≤.02), die auf eine ausreichende Konstruktvalidität hinweisen. Die Expertenratings weisen auf das Potenzial von H.I.L.DE.-QS hin, die Reflexion der Pflegetätigkeit zu fördern und einen Beitrag für die Planung individueller Interventionen zu leisten. Auf eine gute Interrater-Reliabilität und damit auch Objektivität weisen ausreichende bis beachtliche Cohen’s Kappa-Koeffizienten für den Beobachtungsteil hin (κ=.29-.76, p≤.001). Dieser erwies sich auch als veränderungssensitiv, da mittels t-Tests für gepaarte Stichproben signifikante Effekte bezüglich der Emotionalität der Bewohner (p≤.02) und Kommunikationsmuster der Pflegepersonen (p≤.002) mit teilweise deutlichen Effektstärken (Standardized Response Mean=0.2-0.7) nach Anwendung von H.I.L.DE.-QS identifiziert werden konnten. Die Überprüfung der Praktikabilität ergab eine sehr gute Ausschöpfungsquote (87,3-100%) und eine adäquate Anwendungsdauer der Befragung (22,8±15,2 Min.) und Beobachtung (29,2±17,2 Min.). Die Ergebnisse eines Praktikabilitätsfragebogens und die inhaltsanalytische Auswertung von Fokusgruppen heben eine angemessene Praxistauglichkeit für den Pflegekontext hervor. Eine Implementierung ist mehrheitlich erwünscht.

Schlussfolgerung: H.I.L.DE.-QS weist ausreichende bis gute psychometrische Testkriterien auf und eignet sich daher zur Überprüfung der Realisierung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs im Rahmen des internen Qualitätsmanagements stationärer Pflegeeinrichtungen.

11:15
Die Wirksamkeit des „Heidelberger Instruments zur Erfassung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz – für die Qualitätssicherung in Pflegeeinrichtungen“ (H.I.L.DE.-QS)
S19-03-02 

 Schmidt, S. S. Wiloth, A. Kruse; Heidelberg

Hintergrund: Zur Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz in der stationären Langzeitpflege kommen Maßnahmen, die verschiedene Komponenten der Pflegekompetenz von Pflegekräften identifizieren und verbessern können, eine immer größere Bedeutung zu. Ziel war daher die Überprüfung der Effektivität von H.I.L.DE.-QS auf die Förderung der Kommunikationskompetenz Pflegender und die Emotionalität von Pflegeheimbewohnern mit Demenz.

Methode: In n=21 stationären Altenpflegeeinrichtungen wurden während der Morgenpflege die Kommunikationsmuster der Pflegepersonen und die emotionalen Ausdrucksformen bei n=79 Bewohnern (Ø Pflegegrad 3,9) mittels passiv-teilnehmender Beobachtung durch H.I.L.DE.-QS im Längsschnitt (U1 und U2) erfasst. Die Datenerhebung erfolgte durch n=50 geschulte Pflegefachkräfte. Nach U1 wurde ein Reflexionsgespräch mit der beobachteten Pflegekraft und eine auf den Ergebnissen der Beobachtung basierende Fallbesprechung zur Planung von Interventionen durchgeführt. Für die Analyse der Effektivität von H.I.L.DE.-QS wurden Mittelwertvergleiche anhand von t-Tests für gepaarte Stichproben (Zeiteffekte) mit anschließender Effektgrößenberechnung (Pearson Korrelationskoeffizient) durchgeführt.

Ergebnisse: Zu U2 konnte eine signifikante Zunahme der Anzahl positiver Kommunikationsmuster der Pflegepersonen sowohl auf der Beziehungs- (p<.001), als auch Handlungsebene (p<.001) und eine Abnahme der negativen Verhaltensweisen ebenfalls auf beiden Ebenen (p≤.002) identifiziert werden. Die Bewohner wiesen eine signifikant geringere Anzahl negativer Emotionen (p<.001), eine höhere Anzahl positiver Emotionen (p≤.009) und eine signifikant geringere emotionale Variabilität (p=.023) auf. Es lagen mehrheitlich starke Effekte (r=0.5) vor. Diese können vermutlich u. a. auf die Förderung der Selbstreflexion der Pflegepersonen und auf die in den Fallbesprechungen geplanten Interventionen, die auf den Beobachtungsergebnissen basierten, zurückgeführt werden.

Schlussfolgerung: Es ist gelungen, die positive Wirksamkeit eines innovativen Beobachtungsinstruments auf die ethisch-fachliche Pflegekompetenz (Kommunikationsmuster der Pflegepersonen) sowie auf die emotionale Befindlichkeit und das subjektives Erleben der Bewohner als zentrale Dimensionen von Lebensqualität nachzuweisen. Einer flächendeckenden Implementierung des Instruments kommt daher eine große Bedeutung zu.

11:30
Moralische Positionen von Ärzten und Pflegekräften in der Akutversorgung zur Anwendung freiheitseinschränkender Maßnahmen bei Menschen mit Demenz
S19-03-03 

S. Ritzi; Heidelberg

Hintergrund und Ziel: Der Umgang mit freiheitseinschränkenden Maßnahmen (feM) bei geriatrischen Patienten in der Akutversorgung birgt medizinische, pflegefachliche und ethische Herausforderungen. Besonders bei Menschen mit Demenz, die häufig von feM wie z.B. Fixiergurten, Bettgittern und sedierenden Medikamenten betroffen sind, ergeben sich spezifische ethische Spannungsfelder, die sowohl den Pflegedienst als auch die Ärzteschaft in deren moralischen Positionen und Wertungen betreffen. Das empirisch-ethisch angelegte Promotionsprojekt, das in diesem Vortrag vorgestellt werden soll, zielt in seiner zweifachen Fragestellung auf Sein und Sollen dieser Positionen ab: Welche moralischen Positionen vertreten Ärzte und Pflegekräfte in der Akutversorgung bzgl. der Anwendung von feM bei Menschen mit Demenz und welche moralischen Positionen sollen hier richtungsweisend sein?

Methodik: Im Rahmen einer Mixed-Methods-Studie werden durch halbstrukturierte Experteninterviews mit ausgewählten beteiligten Akteuren und eine inhaltlich darauf aufbauende Fragebogenerhebung, deren implizite oder explizite ethische Grundüberzeugungen bzgl. Menschen mit Demenz sowie feM ermittelt. Dabei sollen auch rechtliche, fachliche und ökonomische Interessen ethisch hinterfragt werden. Die empirischen Ergebnisse gilt es anhand klassischer ethischer Positionen zu systematisieren und normativ zu bewerten. Grundlegend soll dabei die Pflichtethik Immanuel Kants sein, die mit der in der Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs adressierten Würde des Menschen Eingang in das Grundgesetz fand.

Erwartete Ergebnisse: Basierend auf den empirischen Daten können wesentliche moralische Positionen der Akteure zu Tage gefördert und mit dem Einsatz von feM in Beziehung gesetzt werden.

Schlussfolgerung: Durch das Projekt werden moralische Positionen und ethische Kategorien, die bei dem Umgang mit feM wirksam sind, offengelegt und bewertet, um zu einer reflektierteren und ganzheitlicheren Versorgungspraxis zu gelangen.

11:45
Sensibilisierung durch Bildung: Demenz-Schulung von pflegerischem Personal in der Notaufnahme
S19-03-04 

J. Schneider, B. Teichmann, A. Kruse; Heidelberg

Fragestellung: In vielen Fällen findet der Erstkontakt des Patienten mit Demenz mit pflegerischem und ärztlichem Personal im Krankenhaus in der Notaufnahme statt. Der Aufenthalt in der Notaufnahme, die dortige Betreuung, Behandlung und Diagnostik kann richtungsweisend für den weiteren Behandlungsweg und den kognitiven Status des Patienten sein. Die Studie untersucht, ob eine Demenz-Schulung zu einer Sensibilisierung der Mitarbeiter führt und diese die Einstellung gegenüber Menschen mit Demenz (MmD) positiv beeinflusst.

Methodik: Es wurde ein Mixed-Methods-Studiendesign verwendet; ein Fragebogen wurde vor und 3 Monate nach der Schulung eingesetzt. Dieser beinhaltete unter anderem die deutsche Version der Dementia Attitudes Scale - Teil A. Qualitative Daten wurden in einer teilnehmenden Notaufnahme in Form von Interviews vor der Schulung (Prä) erhoben. Eine quantitative Follow-Up Untersuchung, Post-Interviews sowie eine Auswertung von Patienten Routinedaten wird durchgeführt.

Ergebnisse: Aus der Gesamtstichprobe (N=60) arbeiten 44 Teilnehmer in Bereichen der Notaufnahme. Davon sind 97,7% (n=43) weiblich und 63,6% (n=28) arbeiten als Gesundheits- und Krankenpfleger-/in. An der Post-Testung nahmen aus der Notaufnahme 24 Personen teil. Aus diesen machten 20 Personen Angaben zur Wahrnehmungsveränderung gegenüber MmD: 12 (60%) gaben eine Veränderung zum positiven an, 6 (30%) gaben keine Veränderung an und 2 (10%) sind sich unsicher. Die Teilnehmer (n=23) weisen eine statistisch nicht signifikante Verbesserung ihrer Einstellung gegenüber MmD nach der Post-Testung auf (M=0.121, SD=0.468, p=0.229).

Zusammenfassung: Die Notaufnahme weist im Gegensatz zu klassischen Krankenhausstationen besondere Strukturen auf. Die Wahrnehmung der dort arbeitenden Mitarbeiter wurde durch die Schulung positiv beeinflusst, jedoch konnte keine signifikante Verbesserung der Einstellung nachgewiesen werden.

09:56
Pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz eine Stimme geben: Das Town Hall Projekt
S19-03-05 

B. Kramer, S. S. Wiloth, A. Kruse; Heidelberg

Hintergrund: Vor dem Hintergrund des Anstiegs der Anzahl von Menschen mit Demenz (MmD) und der gleichzeitigen Abnahme familiärer Pflegeressourcen ist zu fragen, inwieweit es in den Kommunen gelingen kann, die Selbstorganisations- und Sorgefähigkeit der pflegendenden Angehörigen (PA) zu stärken. Ziel des Projekts ist es, eine öffentliche Auseinandersetzung mit der gesundheitsbezogenen, emotionalen und sozialen Situation PA anzustoßen. Dabei soll für die Frage sensibilisiert werden, wie Kommunalbehörden, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, Kranken- und Pflegeversicherungen, Kirchen, Vereine und Bürgerinnen und Bürger einen Beitrag zur Initiierung innovativer Pflegeformen und zu einem Wandel in der kommunalen Sozialpolitik leisten können. Zugleich möchte das Projekt PA von MmD das erforderliche Mitspracherecht einräumen, auch mit dem Ziel potenzielle Effekte der öffentlichen Diskussion auf die subjektiv wahrgenommene Lebenssituation PA zu untersuchen.

Methode: Deutschlandweit werden N=30 moderierte, öffentliche Town Hall Meetings (TH) durchgeführt. Basierend auf der Fishbowl Methode diskutieren jeweils N=15 PA sowie kommunale Entscheidungsträger und Stakeholder (je N=10). Die leitfadengestützten Meetings werden aufgezeichnet, theoriengeleitet transkribiert und mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Im Längsschnitt (T0=1-2 Tage vor TH, T1=1-2 Tage nach TH, T2=4 Wochen nach TH und T3=12 Wochen nach TH) werden gesundheitsbezogene, emotionale und soziale Belastungen, Dimensionen des subjektiven Wohlbefindens und der Resilienz sowie die subjektive Wahrnehmung von Ressourcen und Unterstützungsangeboten mittels standardisierter und validierter Skalen in Interviews mit den PA erfasst. Ergänzend wird erhoben, inwieweit sich nach den TH aus Sicht der Studienteilnehmer neue Unterstützungsformen entwickeln.

Ergebnisse: Basierend auf den empirischen Daten gelangt man zu einem vertiefenden Verständnis 1) von personen- und umweltbezogenen Potenzialen für die Bewältigung von Belastungen bei der Pflege von MmD, 2) der Möglichkeiten und Grenzen von kommunalen Sorgestrukturen zur Förderung der Lebenssituation PA und 3) der Möglichkeiten und Grenzen von TH für die Entwicklung innovativer Pflegeformen.

Schlussfolgerung: Das Projekt sensibilisiert die Öffentlichkeit und Politik für die Lebenssituationen PA und für die Notwendigkeit neuer Pflegeformen etwa im Kontext sorgender Gemeinschaften.

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