Donnerstag, 19.09.2019

13:30 - 15:00

R6

S19-11

Mentale Gesundheit: Versorgung psychischer und neurologischer Erkrankungen älterer Menschen

Moderation: P. Gellert, Berlin

Gesundheitliche Versorgung in einer alternden Gesellschaft umfasst viele Bereiche von Prävention, über Zugänge zu Versorgung, bis hin zu pflegerischer und medizinischer Inanspruchnahme. Vulnerable Gruppen älterer Menschen sind dabei so heterogen, wie die methodischen Ansätze, die deren Versorgungsbedingungen beleuchten. Das Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin stellt exemplarisch an den vier psychischen bzw. neurologischen Indikationen Depression, dementielle Erkrankungen, Schmerz und Schlaganfall das Spektrum der gerontologischen Versorgungsforschung dar, wobei die methodischen Zugänge repräsentative Befragungen, Primärerhebungen, Interventionsstudien, aber auch die Analyse von Routinedaten umfassen.

Der erste Beitrag gibt einen kurzen Überblick und wendet sich der psychotherapeutischen Inanspruchnahme bei psychischen Belastungen über die Lebensspanne und im Alter, sowie der Rolle der hausärztlichen Versorgung zu. Der zweite Beitrag betrachtet das Schmerzgeschehen und die Angemessenheit der Schmerzversorgung von pflegebedürftigen älteren Menschen, die ambulant in der eigenen Häuslichkeit versorgt werden. Beitrag drei stellt die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Versorgung von dementiell erkrankten Menschen und ihren Angehörigen anhand der Ergebnisse zweier Studien im ambulanten Bereich sowie in Pflegeeinrichtungen vor. Der vierte Beitrag präsentiert Ergebnisse basierend auf Routinedaten der GKV und geht der Frage nach, inwiefern therapeutische Leitlinien in der post-stationären Versorgung von Betroffenen mit Schlaganfall umgesetzt werden. Schließlich widmet sich der fünfte Beitrag der Bedeutung von psychischen und neurologischen Erkrankungen für den Eintritt in Pflegebedürftigkeit. Anschließend werden die Beiträge von der Institutsdirektorin diskutiert.

13:30
Psychotherapeutische und hausärztliche Versorgung bei psychischen Problemen über die Lebensspanne und im Alter: Ergebnisse eines Populationsbasierten Surveys
S19-11-01 

P. Gellert, Berlin; A.-K. Beyer, Berlin; A. Kuhlmey, Berlin; S. Schnitzer, Berlin

13:45
Versorgung von schmerzbetroffenen älteren Pflegebedürftigen
S19-11-02 

D. Dräger, Berlin; A. Budnick, Berlin; A. Wenzel, Berlin; J. Schneider, Berlin; R. Kreutz, Berlin

Titelstellung: 3,4 Mio. Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig, davon werden 2,59 Mio. zu Hause versorgt. 81% der Pflegebedürftigen sind 65 Jahre (Stat. BA 2018). Chronischer Schmerz ist ein bekanntes Phänomen in dieser Altersgruppe und ist mit negativen Folgen für die psychische und physische Gesundheit verbunden. International wird eine Prävalenzrate von bis zu 50% für ambulant Versorgte (≥ 60 Jahre) mit chronischen Schmerzen angegeben (Larsson etal. 2017) und nationale bei auskunftsfähigen Pflegebedürftigen (18- 90 Jahre) von knapp 70% (Leiske et al. 2015). Detaillierte Informationen zum Schmerzgeschehen sowie zum Schmerzmanagement lagen bisher für Deutschland nicht vor.

Methode: Die präsentierten Ergebnisse basieren auf einer Studie (ACHE) bei 355 älteren ambulant versorgten Pflegebedürftigen (≥65 Jahre) in Berlin. In einer Primärdatenerhebung wurden neben der komplexen Erfassung des Schmerzgeschehens (BPI/ BESD) in der Zielgruppe (mit/ohne kognitive Einschränkungen) Faktoren der pflegerischen und ärztlichen Gesundheitsversorgung analysiert und auf deren Angemessenheit (PMASD/Pflegestandard DNQP) überprüft.

Ergebnisse: Angaben zur Schmerzintensität zeigen einen durchschnittlichen Schmerz von M=5.34 (SD±2,0) (Range 0 – 10) bei Auskunftsfähigen (n=225). Ausgeprägte Schmerzfolgen insbesondere im Bereich allgemeiner Aktivitäten und des Gehvermögens aber auch starke Beeinträchtigungen der Stimmung und der Lebensfreude konnten ermittelt werden.

Bei 61,7 % der nicht-auskunftsfähigen Pflegebedürftigen (n=81) wurden schmerzbezogene Verhaltensweisen festgestellt. Der mittlere BESD-Score lag bei M=2,8 (SD±2,5) (Range 0 – 10).

Das pharmakologische Schmerzmanagement weist erhebliche Defizite auf und die Angemessenheit der Schmerzmedikation wird nur für <20% der Pflegebedürftigen erreicht.

Das im Expertenstandard bei chronischen Schmerzen geforderte systematische Assessment wurde in den letzten vier Wochen lediglich bei 52% der Befragten durchgeführt. Zudem zeigt die Überprüfung der Pflegedokumentation hinsichtlich der Erfassung schmerzrelevanter Parameter umfangreiche Lücken.

Schlussfolgerung: Insgesamt geben die Ergebnisse Hinweise auf dringend notwendige pflegerische, therapeutische und pharmakologische Maßnahmen zur Optimierung des Schmerzmanagements für ambulant versorgte ältere pflegebedürftige Menschen.

14:00
Informations- und Kommunikationstechnologien in der Versorgung von Menschen mit Demenz
S19-11-03 

J. Nordheim, Berlin; J. O´Sullivan, Berlin; S. Lech, Berlin; J.-N. Voigt-Antons, Berlin; P. Gellert, Berlin; A. Kuhlmey, Berlin

Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) können einen wertvollen Beitrag zur Versorgung von Menschen mit Demenz (MmD) und ihrer Angehörigen leisten. Vorgestellt werden aktuelle Forschungsprojekte der Autoren zum Einsatz von IKT im Bereich non-pharmakologischer Therapien, Krankheitsmanagement und leitliniengerechte Versorgung.

PflegeTab-Studie: In 10 Berliner Pflegeheimen wurde eine cRCT-Studie mit N=166 Bewohnern mit Demenz (53–100 J; 74% Frauen; MMST: M=14.1) über 8 Wochen durchgeführt. In der Interventionsgruppe fanden regelmäßige tabletgestützte Aktivierungen mit einer speziell entwickelten Anwendung statt, in der Kontrollgruppe wurden im selben Zeitraum Einzelaktivierungen ohne Tablet durchgeführt. Zielkriterien wie Apathie, Lebensqualität und neuropsychiatrische Symptome wurden vor und nach der Interventionsphase in beiden Gruppen erfasst. Zusätzlich wurden Zustandsbewertungen vor und nach jeder Aktivierung erhoben.

Die Ergebnisse waren inkonsistent über teilnehmende Pflegeheime. Insgesamt zeigten sich in keiner Gruppe Änderungen hinsichtlich des primären Zielkriteriums Apathie. Subanalysen erbrachten einen Interaktionseffekt (Zeit*Gruppe) in einem Heimpaar. Die Lebensqualität verbesserte sich im Vorher-Nachher-Vergleich in beiden Gruppen.

DemTab-Studie: Im ersten Schritt wurde eine Anforderungsanalyse zur Entwicklung eines tabletgestützten Behandlungsansatzes im hausärztlichen Versorgungsalltag von MmD durchgeführt. Die Ergebnisse wurden systematisch in der Interventionsentwicklung berücksichtigt. Die aktuelle Studienphase umfasst eine cRCT-Studie, die in 20 Hausarztpraxen und den Haushalten von deren Patienten (N=204) und ihren Angehörigen durchgeführt wird. Klinische Endpunkte werden zur Baseline und nach 9 Monaten sowie kontinuierlich über Tabletdaten erhoben.

Es werden Ergebnisse der Anforderungsanalyse und ihre Implikationen für die entwickelte Anwendung vorgestellt. Das Studiendesign von DemTab sowie erste Baseline-Daten werden präsentiert.

Der Einsatz von IKT in der Versorgung von MmD birgt sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Für einen erfolgreichen Einsatz ist sowohl eine funktionierende technische Infrastruktur als auch unterstützende Begleitung erforderlich. Die PflegeTab Studie zeigte, dass IKT eine hilfreiche Ergänzung bei der Umsetzung non-pharmakologischer Therapien im Pflegeheim sein kann. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden bei der Konzeption der DemTab-Studie aufgegriffen und für das ambulante Setting angepasst.

14:15
Leitlinienorientierung in der post-stationären Schlaganfallversorgung. Eine Analyse von Routinedaten gesetzlicher Krankenkassen
S19-11-04 

D. Schindel, Berlin; L. Mandl, Berlin; J. Deutschbein, Berlin; J. Frick, Berlin; L. Schenk, Berlin

Fragestellung: Wie werden therapeutische Leitlinien in der post-stationären Versorgung von Patient*innen mit Schlaganfall umgesetzt? Können Routinedaten gesetzlicher Krankenversicherungen genutzt werden um vulnerable Patientengruppen zu identifizieren, deren Versorgung weniger häufig leitlinienorientiert erfolgt?

Methode: Systematische Recherche von therapeutischen Leitlinien zur Rehabilitation von Sprach- und Sprechstörungen, sowie Gang- und Mobilitätsstörungen, Lähmungen und Inkontinenz nach Schlaganfall. Extraktion und Ableitung von Parametern, deren Umsetzung in der Versorgung anhand von Abrechnungsdaten gesetzlicher Krankenkassen messbar sind. Deskriptive Analyse für definierte Subgruppen. Datengrundlage bilden die Abrechnungsdaten von Patient*innen mit Schlaganfallereignis im Jahr 2014 von vier in der Region Berlin tätigen Krankenkassen (n=6.900).

Ergebnisse: In den selektierten Leitlinien findet sich eine geringe Zahl für die Überprüfung mit Abrechnungsdaten geeigneter Empfehlungen. Im Bereich der Sprachstörungen wurden 4, im Bereich der Gangstörungen, Lähmung und Inkontinenz 3 geeignete Prüfparameter identifiziert. Knapp 10% der Patient*innen erhalten trotz diagnostiziertem logopädischen Therapiebedarf keine weitere ambulante Versorgung, wobei die Anteile für Frauen und ältere Patient*innen noch darüber liegen. Nach Krankenhausentlassung erfolgt die Aufnahme der Rehabilitation im Durchschnitt innerhalb von 6 Tagen. Männer, jüngere Patient*innen und weniger schwer Betroffene weisen eine geringere Versorgungskontinuität auf. Die mittlere Dauer zwischen zwei Therapiesitzungen betrug ca. 5 Tage und widerspricht damit der empfohlenen hochfrequenteren Therapie von 2 bis 3 Sitzungen pro Woche. Knapp 18% der Patient*innen mit diagnostiziertem physio- und ergotherapeutischen Versorgungsbedarf erhalten keine ambulante Therapie.

Schlussfolgerung: Leitlinien zur Rehabilitation der definierten Störungsbilder weisen eine geringe Anzahl konkreter Empfehlungen aus. Eine Überprüfung der Versorgung mithilfe von Routinedaten ist daher nur bedingt möglich. Die beobachteten Ergebnisse sind ohne Berücksichtigung der Limitationen der Datenquelle nicht sinnvoll interpretierbar. Eine Betrachtung des objektiven Versorgungsgeschehens lässt die Angemessenheit der Maßnahmen für einzelne Patienten sowie deren Präferenzen unberücksichtigt. Der den Leitlinien inhärente Mangel an Evidenz sowie die Ursachen geringer Leitlinienorientierung sollten Inhalt künftiger Forschung sein.

14:30
Psychische und neurologische Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit
S19-11-05 

S. Blüher, Berlin; T. Stein, Berlin

Zielstellung: Das Auftreten psychischer und neurologischer Krankheitsbilder spielt eine bedeutsame Rolle für den Verlust von Selbstständigkeit im höheren Lebensalter. So ist die Diagnose insbesondere demenzieller Erkrankungen und Parkinson stark assoziiert mit der Einstufung in einen Pflegegrad. Unter anderem ausgehend von diesen beiden Erkrankungen sollen in der vorliegenden Studie typische Kumulationspunkte von Risiko- und Ressourcenkonstellationen aufgezeigt werden, die häufig den Eintritt in Pflegebedürftigkeit nach sich ziehen. Fokus der Analysen sind soziodemographische und soziale Determinanten im Zusammenwirken mit physischen und psychischen Einschränkungen.

Methode: Grundlage für die Analysen sind anonymisierte Daten aus den Pflege-Erstbegutachtungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) für Berlin und Brandenburg aus dem Jahr 2017 (N = 72.680). Neben der deskriptiven Analyse wird im Besonderen das Verfahren des Text Minings angewendet. So ist es möglich, Bedeutungsstrukturen aus schwach strukturierten Narrativen herauszufiltern; dieses Verfahren dient der Identifizierung und Analyse sozialer Determinanten bei der Entstehung von Pflegebedarf.

Ergebnisse: Bei Vorliegen einer nicht näher bezeichneten Demenz (ICD-10 Code F03) zeigen die Daten Empfehlungen auf Ersteinstufung in die Pflegegrade 2 und 3 zu einem Anteil von mehr als 75%. Bei Parkinson (G20) ist dieser Wert mit 72% ähnlich. Bei der Demenz erfolgt die häufigste Empfehlung im Alter 80 - 84 (32%), gefolgt von 85 - 89 (25%) und 75 - 79 Jahren (20%); in jeder dieser Altersgruppen am häufigsten in Pflegegrad 2 (für alle ca. 40%) und Pflegegrad 3 (ca. 35%). Bei der Parkinson-Erkrankung ist die Empfehlung für einen Pflegegrad besonders bedeutsam in den Altersgruppen 75 - 79 (34%) und 80 - 84 Jahren (28%). Bei beiden Altersgruppen erfolgt dies am häufigsten für Pflegegrad 2 (je ca. 50%).

Schlussfolgerung: Die Daten untermauern zum einen die Bedeutung psychischer und neurologischer Einschränkungen für den Eintritt in Pflegebedürftigkeit, andererseits sind die Wirkungs-zusammenhänge physischer, psychischer und sozialer Einflussfaktoren im Sinne von Konstellationen für die Entstehung von Pflegebedarf noch unzureichend analysiert. Die Daten des MDK bieten die Möglichkeit, entsprechende Risiko- und Ressourcenkonstellationen abzubilden und vor dem Hintergrund präventiver Bemühungen zu diskutieren.

Diskutantin: A. Kuhlmey, Berlin

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