Freitag, 20.09.2019

09:30 - 11:00

R003

W20-02

Partizipation und Diversität als Herausforderungen für gerontologische Forschung und Praxis im Handlungsfeld Altenpflege

Moderation: S. Kümpers, Fulda; E. Olbermann, Dortmund

Die Care-Debatte in Deutschland ist hinsichtlich der Frage der Sorge und Fürsorge füreinander als grundsätzlicher Dimension des Menschseins und der dafür gesellschaftlich gestalteten Bedingungen virulent. Im gerontologischen Bereich geht es dabei insbesondere um eine menschenwürdige Sorge für ältere Menschen. Die professionelle Altenpflege sieht sich dabei mit vielfältigen Problemen, zusammengefasst als ‚Pflegenotstand‘, konfrontiert: u.a. mit dem Fachkräftemangel und seinen Folgen sowie dem schlechten Image der Pflegeheime als ‚last resort‘ und als entindividualisierende Institutionen. Gleichzeitig beschäftigen aktuelle Diskussionen um ein würdiges Altern heutiger Generationen Älterer sowohl Pflegeanbieter als auch die dort Beschäftigten. In dem Workshop wollen wir einen Blick darauf werfen, wie zwei aktuelle gesellschaftspolitische Themen – das der gesellschaftlichen Partizipation auch eingeschränkter bzw. pflegebedürftiger Personen und das des Umgangs mit und des Nutzens von Diversität – sich im Feld der Altenpflege entfalten.

Dazu werden Ergebnisse von zwei Forschungsarbeiten vorgestellt, die sich vorrangig auf je eines dieser Themen beziehen:

Marilena von Köppen stellt den Ansatz partizipativer Forschung im Pflegeheim mit dem Ziel der Entwicklung von Selbst- und Mitbestimmungsprozessen von Bewohner*innen und Mitarbeitenden vor. Sie diskutiert die eher schwierigen Erfahrungen mit Partizipationsprozessen in Auseinandersetzung mit Positionen der Care Ethik.

Eva Maria Löffler arbeitet heraus, wie das professionelle Handeln von Altenpflegerinnen durch ihre (berufliche) Sozialisation in unterschiedlichen Herkunftsländern geprägt wird. Die Erkenntnisse darüber, wie sich sozialisationsbedingte Vorstellungen in Handlungslogiken wiederfinden und sich in biografischen Themen verstetigen, werfen die Frage auf, was das für das professionelle Handeln in zunehmend von Diversität geprägten Teams in der Altenpflege bedeutet.

Gemeinsam mit den am Workshop Teilnehmenden sollen die Verbindungslinien beider Themen entwickelt und Implikationen für zukünftige Forschung und Praxis erörtert werden.

09:30
Partnerschaftliche Forschungsbeziehungen unter schwierigen Bedingungen: Kann Participatory Action Research von der Care Ethik lernen?
W20-02-01 

M. von Köppen; Fulda

Seit Anfang 2017 untersucht und gestaltet das partizipativ angelegte Forschungsprojekt PaStA (Partizipation in der stationären Altenhilfe) - zusammen mit Bewohner*innen, Pflege- und Betreuungskräften, Angehörigen und Ehrenamtlichen - Beteiligungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten in Pflegeheimen.

Dabei stellt der ethische und methodologische Kernanspruch partizipativer Forschung - akademisch und lebensweltliche Expert*innen bestimmen partnerschaftlich den Forschungsprozess – die Forschenden vor große Herausforderungen. In beiden bisher untersuchten Häusern besteht wenig Freiraum, das eigene Tun kritisch zu reflektieren; die Entwicklung von Utopien für eine bessere Lebens- und Arbeitswelt wird durch Zeitnot und Erschöpfung behindert; bestimmte Führungsstile wirken sich lähmend auf das Personal und die Bewohner*innen aus; die eigenen biographischen Erfahrungen mit Beteiligung oder eben auch Nicht-Beteiligung können schwer überwindbare Grenzen darstellen; körperliche und kognitive Einschränkungen fordern alle Energie. Das Resultat sind deutliche Unterschiede zwischen den Beteiligten, was die Macht innerhalb und die ownership über das Projekt anbelangt. Kommt partizipative Forschung hier also an eine Grenze?

Die seit den 1980er Jahren unter dem Stichwort ethics of care diskutierten Ansätze gehen davon aus, dass Machtunterschiede in vielen Beziehungen real und nicht auflösbar sind. Care Ethiker*innen erkennen daher grundlegend an, dass es Beziehungen gibt, die Care - also ein „Sorgen“ -  erforderlich machen. Aus dieser Akzeptanz folgert Tronto, dass die konkrete Gestaltung dieser Beziehungen von bestimmten ethischen Elementen geleitet werden muss: attentiveness, responsibility, competence und responsiveness.

Der Beitrag wird zeigen, dass diese elements of an ethic of care auch für die partizipative Forschung fruchtbar sein und dabei helfen können, den Anspruch von Partnerschaftlichkeit immer wieder neu einzulösen, auch wenn Machtasymetrien bestehen (bleiben). 

10:00
Das ist das Gute, dass jeder a weng verschieden pflegt
W20-02-02 

E. M. Löffler; Kassel

Eine globalisierte Arbeitswelt und verstärkte Migrationsbewegungen führen auch in sozialen Berufen zur Zusammenarbeit von Fachkräften unterschiedlicher Herkunft. Im Berufsfeld der Pflege ist deshalb seit langem nicht nur die Diversität der Pflegebedürftigen, sondern auch die der Fachkräfte groß. Zudem ist gerade die Pflege gekennzeichnet durch politische Bestrebungen, zukünftige Personalbedarfe durch die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland zu decken.

Damit verbundene Chancen und Herausforderungen rücken zunehmend in den Fokus der Forschung. Zahlreiche nationale und internationale Studien beschäftigen sich mit multikulturellen Teams und (der Zusammenarbeit von) Fachkräften verschiedener Herkunftsländer. In ihrem Fokus stehen vor allem ungenutzte (Qualifikations-)Potentiale, Sprachbarrieren und kulturell bedingte Differenzen im Berufs- und Pflegeverständnis.

Eine eigene Studie betrachtet diese zunehmende Diversität im Gegensatz zu kulturalistischen Zugängen aus der Perspektive der beruflichen Sozialisation (Heinz 1995). Mithilfe qualitativer Interviews geht sie der Frage nach, wie das berufliche Handeln von Altenpflegerinnen durch ihre (berufliche) Sozialisation in unterschiedlichen Ländern geprägt wird. Es werden sozialisationsbedingte Handlungslogiken und biografische Themen herausgearbeitet, die das professionelle Handeln bestimmen und offensichtlich auch bei der Migration in ein anderes Land gültig bleiben.

„Es hat ja nit jeder Mitarbeiter dasselbe Wissen und das ist das Gute, dass jeder a weng verschieden pflegt.“, argumentiert eine der befragten Altenpflegerinnen. In diesem Sinne stellt der Beitrag zur Diskussion, was diese Diversität für die berufliche Praxis bedeutet.

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