Freitag, 20.09.2019

14:15 - 15:45

R111

S20-14

Pflegende Angehörige als Zielgruppe für Prävention und Gesundheitsförderung

Moderation: H. Wiegelmann, Köln; C. Pälmke, Berlin

Pflegende Angehörige stellen aufgrund vielfältiger Belastungen eine Zielgruppe für Angebote der Gesundheitsförderung dar. Durch die Übernahme häuslicher Versorgungstätigkeiten erhöht sich bei pflegenden Angehörigen die Wahrscheinlichkeit gesundheitsbezogener Probleme. So konnten Studien aufzeigen, dass aufgrund der alltäglichen Belastungen bspw. das Risiko an einer Depression zu erkranken ansteigt. Darüber hinaus trägt die häusliche Pflege vermehrt zu einer Reduzierung der Lebensqualität pflegender Angehöriger bei und erschwert die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Dabei jedoch allgemein von „den“ pflegenden Angehörigen zu sprechen greift insgesamt zu kurz, weswegen eine Differenzierung und bedarfsgerechte Unterstützung und Versorgung sinnvoll ist.  

Das Symposium widmet sich vor diesem Hintergrund dem Thema der Gesundheitsförderung pflegender Angehöriger aus verschiedenen Perspektiven. So stellt der erste Beitrag Ergebnisse einer systematischen Literaturanalyse von Interventionen zur Gesundheitsförderung und deren Effekten auf pflegende Angehörige im Kontext der häuslichen Versorgung bei Demenz vor (Forschungsprojekt "PfADe"). Im Mittelpunkt des zweiten Beitrags wiederum steht die spezielle Zielgruppe entfernt lebender pflegender Angehöriger bzw. die Pflege auf Distanz. Vorgestellt werden Ergebnisse einer qualitativen Bedarfsanalyse, die im Rahmen des Forschungsprojekts "AniTa – Angehörige im (Aus-)Tausch" durchgeführt wurde. Der dritte Beitrag untersucht, inwiefern Wechselwirkungen der Differenzkategorien sozioökonomischer Status (SÖS), Geschlecht, Ethnizität sowie Erwerbsstatus für die Pflegebewältigung relevant sind. Ergebnis der intersektionalen Analyse (Forschungsprojekt "PflegeIntersek") ist eine Typologie mit fünf Pflegebewältigungstypen, von denen drei „eher gelingend“ und zwei „eher prekär“ sind. Im vierten Beitrag werden die Themen Gesundheit und Gesundheitsvorstellungen aus Sicht von pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz adressiert sowie individuell für notwendig empfundene Gesundheitsdeterminanten auf der Verhaltens- sowie der Verhältnisebene aufgezeigt. Dem liegen problemzentrierte Leitfadeninterviews mit pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz zugrunde.

Im Anschluss an die vier Beiträge werden die vorgestellten Studien zusammenfassend aus der Perspektive der Selbsthilfe und Interessensvertretung pflegender Angehöriger (Vertreter des Vereins "wir pflegen") diskutiert.

14:15
Gesundheitsförderung für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz: Ergebnisse eines systematischen Reviews
S20-14-01 

H. Wiegelmann, L. Schirra-Weirich, L.-M. Verhaert, W. Brannath, F. Arzideh , K. Wolf-Ostermann; Bremen, Köln

Hintergrund: Durch die Übernahme der häuslichen Versorgung erhöht sich bei pflegenden Angehörigen (pA) von Menschen mit Demenz (MmD) die Wahrscheinlichkeit psychischer Probleme. So steigt z.B. aufgrund der alltäglichen Belastungen das Risiko an einer Depression zu erkranken. Darüber hinaus kommt es bei pA vermehrt zu einer Reduzierung der Lebensqualität und verminderten Chancen am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Aufgrund der gesundheitlichen Risiken, die aus der Pflegeverantwortung resultieren können, ist es von Bedeutung existierendes Wissen zu qualitativ hochwertigen Interventionen im Bereich der Förderung der mentalen Gesundheit von pA von MmD systematisch zusammenzutragen. Ziel der vorliegenden Studie war daher, einen systematischen Review zu Inhalten und Effekten von Interventionsprogrammen zur Verbesserung der mentalen Gesundheit von pA von MmD durchzuführen.

Methode: Systematischer Review auf Basis elektronischer Datenbanken (PubMed, Scopus, PsycInfo, CINAHL). Es wurden nur qualitativ hochwertige randomisiert-kontrollierte Studien eingeschlossen. Abstracts mussten in englischer oder deutscher Sprache vorliegen. Die Artikel mussten zwischen 2009-2018 publiziert sein und Effekte im Hinblick auf Zielparamater mentaler Gesundheit analysieren.

Ergebnisse: Insgesamt wurden 48 Publikationen zu 45 Studien in die Analysen eingeschlossen. Der weitaus größte Teil der Interventionen basiert entweder auf kognitiven Therapien/kognitiven Verhaltenstherapien oder auf Ansätzen der Vermittlung von Wissen zu Demenzen bzw. Fähigkeiten im Umgang mit Demenzen. Zwei Drittel der Publikationen fokussieren pA als Zielgruppe der Interventionen, bei jeder vierten Studie werden dyadische Konzepte angeboten. Die Ergebnisse bzgl. der Effekte fallen gemischt aus. Der Beitrag wird die Studien bzgl. Inhalten und Effekten zusammenfassend darstellen.

Fazit: Die analysierten Interventionsstudien sind bezüglich ihrer Inhalte wenig differenziert. Darüber hinaus fokussieren sie oftmals die pA als Zielgruppe, statt ganzheitlicher die Dyaden aus pA und MmD in den Blick zu nehmen. Die Ergebnisse und auch die Schlussfolgerungen der untersuchten Interventionen scheinen hinsichtlich wichtiger persönlicher und sozialer Differenzmerkmale von pA und MmD kaum detailliert. Es gilt die Frage zu diskutieren, ob bisherige Interventionen zur Gesundheitsförderung ausreichend differenziert auf spezifische Subgruppen von pA eingehen.

14:35
Sorgende Angehörige als Adressat_innen einer vorbeugenden Pflegepolitik. Eine intersektionale Analyse
S20-14-02 

D. Auth, S. Leiber, S. Leitner; Bielefeld, Essen, Köln

Im Fokus der Studie stehen sorgende Angehörige, die sich um Pflegebedürftige mit hohem Hilfebedarf kümmern. Es geht also um die adäquate „gute“ Versorgung von Pflegebedürftigen und die gleichzeitige Teilhabe der Angehörigen im Sinne einer gelingenden Pflegebewältigung. Die Pflegenden werden im Hinblick auf Wechselwirkungen zwischen den Differenzkategorien sozioökonomischer Status, Geschlecht, Ethnizität sowie Erwerbsstatus untersucht, und es wird nach Unterschieden in der Pflegebewältigung gefragt. Kernergebnis der Studie ist eine Typologie mit fünf Pflegebewältigungstypen, die grundlegend zwischen einer eher ‚gelingenden‘ und einer eher ‚prekären‘ Pflegebewältigung unterscheidet. Die einzelnen Typen unterscheiden sich dabei jeweils in der Art, wie Differenzkategorien der sorgenden Angehörigen zusammenwirken. Entgegen der Ausgangserwartung hat sich der SÖS dabei nicht als alles dominierende Kategorie erwiesen. Sozioökonomische Faktoren, wie Einkommen der pflegebedürftigen und der Pflegeperson sowie der Bildungsgrad der Pflegeperson, sind für die Bewältigung von Pflegesituationen zwar relevant. Diese können aber sowohl etwa durch persönliche Abhängigkeitsverhältnisse überlagert als auch durch informelle familiäre Unterstützungsressourcen kompensiert werden.
Eine vorbeugende Sozialpolitik sollte, so das Ergebnis der Studie, die Selbstsorgeorientierung sorgender Angehöriger fördernd in den Blick nehmen, ein Selbstsorgehandeln mit einer wohnortnahen, bedarfsorientierten und differenzsensiblen Pflegeinfrastruktur unterstützen sowie bestehende soziale Ungleichheitslagen aus dem Zusammenwirken des SÖS, dem Erwerbsstatus und dem Geschlecht im Zugang zu Beratungs- und Unterstützungsdienstleistungen abbauen.
Im Hinblick auf die ebenfalls untersuchten Bedarfe sorgender Angehöriger zeigten sich typenspezifische Unterschiede, aber auch übergreifende Bedarfe, die für alle Typen gelten. Dazu zählen eine bessere Wegweisung und Information zur Überwindung von Hürden bei der Pflegeorganisation, Zugang zur Pflegeinfrastruktur und adäquatem Wohnraum, ‚Überwindung von Fremdheit‘ bei der Inanspruchnahme außerfamiliärer Unterstützungsleistungen, Hilfen bei Übergängen und Entscheidungen im Pflegeprozess sowie Unterstützung in der Lebensbewältigung nach dem Tod der pflegebedürftigen Person.
Typenübergreifend ist im Rahmen einer vorbeugenden Sozialpolitik zudem eine frühzeitige zugehende professionelle Pflegebegleitung aus einer Hand im Sinne eines Case-Managements zu empfehlen.

14:55
AniTa – ein Ansatz zur Entlastung von entfernt lebenden pflegenden Angehörigen
S20-14-03 

K. Woock, N. Mindermann, L. Völtzer, S. Busch; Hamburg

Hintergrund/Fragestellung: Pflegende Angehörige werden gerne als „größter Pflegedienst der Nation“ bezeichnet – die Pflege einer nahestehenden Person „vor Ort“ ist jedoch nicht allen Angehörigen möglich. Etwas mehr als die Hälfte aller erwachsenen Kinder leben mehr als zwei Stunden Fahrzeit von ihren Eltern entfernt. Im Falle aufkommender Pflegebedürftigkeit sieht sich diese spezielle Gruppe pflegender Angehöriger daher mit den besonderen Herausforderungen der „Betreuung und Pflege auf Distanz“ konfrontiert, über die in Deutschland bisher nur wenig bekannt ist. Zielgruppengerechte Unterstützungsangebote fehlen entsprechend.

Projektbeschreibung/Methodik: Im Rahmen des vom GKV-Spitzenverband bis Mitte 2020 geförderten Modellvorhabens „AniTa – Angehörige im (Aus-)Tausch“ ist die Entwicklung und Erprobung einer onlinebasierten Tauschbörse zur Vernetzung der Betroffenen mit der Perspektive, Fürsorge und Unterstützung für ihre Verwandten oder Bekannten zu „tauschen“. Dafür erfolgte u.a. eine Analyse der  Bedarfe und Lebensumstände entfernt lebender Angehöriger auf der Basis qualitativer Interviews. Die Interviews (n=7) wurden mittels strukturgebender Kategorienbildung nach Kuckartz analysiert.

Schlussfolgerung/Ergebnisse: Erste Ergebnisse zeigen, dass geografische Distanz nicht das Gefühl der Verantwortung gegenüber den eigenen Eltern verringert –  im Gegenteil: Betroffene knüpfen, häufig mit nur inadäquaten Informationen und ohne verlässlichen Ansprechpartner, aus der Entfernung ein Unterstützungsnetzwerk. Vorherrschende Emotionen sind Sorge, Schuldgefühle und Bedauern, die Belastung wird punktuell als sehr groß empfunden. Befragte Angehörige bewerten die Idee einer „Tauschbörse“ dementsprechend überwiegend als eine hilfreiche Form der Unterstützung.

Diskussionsbeitrag/Zusammenfassung: Ergebnisse der Bedarfserhebung sowie weitere Erfahrungen aus der Implementierungs- und Erprobungsphase der AniTa-Tauschbörse werden diskutiert und detaillierte Erkenntnisse der Begleitforschung vorgestellt. Deutlich wird dabei die Notwendigkeit der frühzeitigen und niedrigschwelligen Entlastungsangebote für die Zielgruppe wohnortferner Angehöriger. 

15:15
Gesundheitsförderung aus der Perspektive pflegender Angehöriger
S20-14-04 

M. Bialke; Witten

Einleitung und Forschungsziel: Gute Gesundheit bei guter Versorgung ist das Ziel, doch was brauchen pflegende Angehörige um gesund zu bleiben? Insbesondere pflegende Angehörigen von Menschen mit Demenz stellen eine vulnerable Gruppe dar. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, aber auch im Unterschied zu Pflegenden von Menschen mit anderen Krankheitsbildern weist diese Personengruppe stärkere Gesundheitsprobleme auf, die sich insbesondere auf der psychischen Ebene zeigen.

In der Forschungsarbeit wird Gesundheit aus Sicht der pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz definiert sowie individuell für notwendig empfundene Gesundheitsdeterminanten auf der Verhaltens- sowie der Verhältnisebene aufgezeigt. Die Betrachtung von Gesundheitsvorstellungen pflegender Angehöriger aus ihrer eigenen Perspektive sowie vor dem Hintergrund ihrer Lebenssituationen ermöglicht die Erarbeitung potentieller Ansätze der Gesundheitsförderung

Methodisches Vorgehen: Der Forschung liegt ein qualitatives Vorgehen zugrunde, das die subjektive Sicht der pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt stellt. Es wird vorwiegend explorativ versucht, ihre Lebenswelt in Bezug auf ihre Vorstellungen zu Gesundheitskonzepten und -theorien abzubilden.

In die vorliegende Studie sind problemzentrierte Leitfadeninterviews von insgesamt zehn pflegenden Angehörigen eingeschlossen und anschließend mit der inhaltlich- strukturierten qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet worden.

Ergebnisse und Diskussion: Pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz sind in der Lage Gesundheitsförderung auf personaler sowie Verhaltens- und Verhältnisebene zu reflektieren. Aus ihrer Perspektive liegt ein Bedarf an gesundheitsförderlicher Unterstützung sowohl in der Selbstpflege wie bezüglich der Rahmenbedingungen vor. Sie sollten als Experten und Expertinnen betrachtet verstärkt eine öffentliche Rolle einnehmen, die über Chancen und Risiken einer privat gestalteten und verantworteten Pflege profund Auskunft geben kann.

Das Krankheitsbild Demenz und die damit einhergehenden Veränderungen des Alltags und der Beziehungen aller Beteiligten verlangen Gesundheitsförderung im lebensweltlich-sozialen und subjektiven Kontext zu betrachten. Dies wird von den Interviewten beispielsweise oft mit dem Wunsch nach Anerkennung bzw. Verständnis, Partizipation und sozio-ökonomischer Absicherung verknüpft.

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