Freitag, 20.09.2019

14:15 - 15:45

R3

S20-16

Präventionsansätze

Moderation: P. Gellert, Berlin

14:15
Können ältere Erwachsene durch soziale Anreize motiviert werden regelmäßig an einem Sturzpräventionsprogramm teilzunehmen?
S20-16-02 

G. Steckhan, L. Fleig, L. M. Warner, B. Schubert; Berlin, Teltow

Fragestellung: Nach Carstensens Sozioemotionaler Selektivitätstheorie streben ältere Erwachsene im Vergleich zu jüngeren stärker nach emotional bedeutsamen Zielen. Soziale Motive, wie die Identifikation mit der Trainingsgruppe, könnten daher für ältere Personen entscheidend für die Teilnahme an einem Sturzpräventionsprogramm sein. Ziel dieser Studie war es, zu untersuchen, ob die soziale Identifikation mit der Trainingsgruppe über motivationale Variablen des Health Action Process Approach hinaus, die regelmäßige Teilnahme am Sturzpräventionsprogramm vorhersagt.

Methoden: Diese Längsschnittstudie umfasst zwei Messzeitpunkte im Abstand von 6 Monaten. Zu T1 wurden Gruppenidentität, Risikowahrnehmung, Handlungsergebniserwartung, Selbstwirksamkeit, Gesundheitsstatus, sowie Wohnform der Teilnehmenden anhand von Selbstberichten erfasst. Zu T2 wurde die regelmäßige Teilnahme in den letzten 6 Monaten retrospektiv erhoben. Von den N=172 Teilnehmenden zu T1 (51-93 Jahre, M=75,85, SD=7.55, 85% Frauen), nahmen n=105 an T2 teil. Um die regelmäßige Teilnahme vorherzusagen, wurde eine moderierte multiple Regressions­analyse gerechnet.

Ergebnisse: Die Gruppenidentität zu T1 sagte die regelmäßige Teilnahme zu T2 vorher, jedoch nur für Teilnehmende, die alleine leben (B=.81, p=.007). Risikowahrnehmung, Handlungs­ergebniserwartung und Selbstwirksamkeit wiesen keinen Zusammenhang mit der regelmäßigen Teilnahme auf (kontrolliert für Alter, Geschlecht, subjektiven Gesundheits­status).   

Schlussfolgerung: Um die Reichweite zukünftiger gruppenbasierter Sturzpräventionsprogramme zu erhöhen, ist es wichtig, die Motive zu verstehen, die ältere Menschen zur Teilnahme an einem solchen Programm bewegen. Dabei könnte es sinnvoll sein, die sozialen Vorteile einer Teilnahme hervorzuheben.

14:35
Gewaltpräventionsprojekt PEKo: Partizipative Entwicklung und Evaluation eines multimodalen Konzeptes zur Gewaltprävention in stationären Pflegeeinrichtungen
S20-16-03 

A. Dammermann, M. Sander, G. Meyer, B. Blättner, S. Köpke; Lübeck, Halle (Saale), Fulda

Fragestellung: Gewaltprävention stellt eines der Handlungsfelder der Prävention nach §5 SGB XI dar. Die Evidenzlage hierzu ist als gering zu bezeichnen. Das durch die Techniker Krankenkasse geförderte Gewaltpräventionsprojekt PEKo richtet sich an Einrichtungen im Setting der stationären Altenpflege. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung werden verschiedene Fragen zu Faktoren der Implementierung und der Wirkungen der multimodalen Intervention adressiert. 

Methode: Innerhalb der einjährigen Projektlaufzeit werden im Rahmen des partizipativen Vorgehens, in sog. PEKo-Zirkeln, gemeinsam mit den Mitarbeitenden einrichtungs-individuelle Interventionen zur Prävention von Gewalt erarbeitet und implementiert. Diese unterteilen sich in die Bereiche Sensibilisierung der Mitarbeitenden, Handlungssicherheit im Umgang mit Gewalt, Konzeptualisierung und Verstetigung.

Die Evaluation fokussiert auf Veränderungen des Gewaltgeschehens durch eine standardisierte Befragung der Mitarbeitenden zu drei Messzeitpunkten (0, 6 und 12 Monate). Ergänzend werden im Rahmen der Prozessevaluation Beobachtungen, Fokusgruppen- und Einzelinterviews durchgeführt.

Ergebnisse: Seit Herbst 2018 nehmen deutschlandweit insgesamt 38 Einrichtungen der stationären Altenpflege teil. Die Intervention wurde zuvor in zwei Pilot-Einrichtungen getestet.

Bislang konnten aus der Baseline-Befragung Daten von 848 Personen aus 27 Einrichtungen ausgewertet werden. Die vorläufige Auswertung zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Einrichtungen in Bezug auf Häufigkeit, Art und Richtung von Gewaltereignissen. Insgesamt berichten 89% der Befragten Gewalt erlebt, 72%  Gewalt selbst ausgeübt und 82% Gewalt beobachtet zu haben.

Die Gesamtergebnisse der Baseline-Befragung werden umfassend auf der Fachtagung dargestellt.

Schlussfolgerung: Die bisherigen Erfahrungen aus den PEKo-Zirkeln weisen darauf hin, dass der partizipative Ansatz positive Effekte auf die Bereitschaft zur Beschäftigung mit dem sensiblen Thema Gewalt hat. Die Ergebnisse der Befragung lassen den vorläufigen Schluss zu, dass Gewalt im Kontext stationäre Langzeitpflege ein alltägliches Phänomen ist, es allerdings an Strategien zur konkreten Umsetzung von Gewaltpräventionsmaßnahmen mangelt. Das Gewaltpräventionsprojekt PEKo ermöglicht durch die partizipative Struktur eine Sensibilisierung für Gewalt in der Pflege und damit durch Handlungssicherheit und Konzeptualisierung potentiell eine Reduktion von Gewaltereignissen.

14:55
Bedarfserkennung älterer Menschen mittels Eingangsassessment und Schlüsselitems unter Einsatz webbasierter IT-Lösungen im Projekt SINQ
S20-16-04 

S. Lange, U. Sperling, T. Obenauer, H. Burkhardt; Mannheim

Im Projekt SINQ geht es darum, das Leben und Verbleiben älterer Menschen in der eigenen Wohnung so lange wie möglich zu erhalten, zu erleichtern und besser zu organisieren. Dafür ist es unabdingbar, neu auftretende Bedarfe frühzeitig zu erkennen und passgenaue Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Es werden IT-Lösungen für Backend (OPEN Server, Portalframework) und Frontend (Klienten-App, Dienstleister-App) entwickelt und evaluiert. Innerhalb des Projekts SINQ wurde ein neuartiges Verfahren zur Bedarfserkennung bei älteren Menschen entwickelt, das die Möglichkeiten dieser webbasierten IT-Lösungen nutzt.

 

Als besonders kritische Bereiche in Bezug auf die selbstständige Lebensführung im Alter wurden zunächst Malnutrition, Dehydration, Stürze, Gangstörungen, Gewichtsverlust und Schmerzen identifiziert. Passende Assessmentverfahren wurden recherchiert und mit dem technischen Projektpartner FZI auf die Umsetzung in der Klienten-App hin überprüft. Die Ergebnisse dieses Prozesses flossen in die Entwicklung des Bedarfserkennungsverfahrens ein. Dieses setzt sich aus einem geriatrischen Eingangsassessment, das ein geschulter Mitarbeiter mit den Klienten durchführt, und Schlüsselitems aus den Bereichen Ernährung, Mobilität, Alltagsaktivitäten und Soziale Teilhabe zusammen, die in definierten Zeitintervallen durch die Klienten-App erhoben werden. Mithilfe zugeordneter Punkt- und Grenzwerte generiert das System neue Klientenbedarfe, die mit Empfehlungen zum weiteren Vorgehen verknüpft sind. Dem Klienten kann in der App so beispielsweise vorgeschlagen werden, seinen Hausarzt aufzusuchen.

 

Die Implementierung des Bedarfserkennungsverfahrens in die IT-Lösungen wird im Dialog zwischen gerontologisch-geriatrischen und technischen Projektpartnern bis April 2019 abgeschlossen. Erste Befragungen zur Nutzerakzeptanz, zielgruppenorientiertem Design sowie Usability erbrachten eine überwiegend positive Beurteilung des Prototyps. Ab Mai 2019 wird die Erprobung im Feld erfolgen. In Workshops mit Seniorinnen und Senioren werden die Nutzerakzeptanz der entwickelten IT-Lösungen und der Mehrwert des Bedarfserkennungsverfahrens evaluiert. Daran schließt sich eine dreimonatige Erprobung und Evaluation der App-Nutzung mit Probanden an, über deren erste Ergebnisse berichtet wird.

Zurück