Freitag, 20.09.2019

09:30 - 11:00

R112/113

S20-05

Psychotherapie im Alter

Moderation: E.-M. Kessler, Heidelberg; C. Tegeler, Berlin

Die generelle Wirksamkeit von Psychotherapie bei älteren Patient*innen ist mittlerweile zumindest für die ‚Jungen Alten‘ gut belegt. Dennoch sind ältere Menschen in der Versorgungsrealität im Vergleich zum Versorgungsbedarf erheblich unterrepräsentiert. Sie sind bei weitem noch keine regulären Psychotherapiepatient*innen und gelten in den ‚Bildern in den Köpfen‘ über das Alter als unflexibel und wenig veränderungsmotiviert bzw. -fähig. Darüber hinaus gibt es immer noch einen Mangel an Therapieansätzen, die die spezifischen Problemlagen und Herausforderungen des hohen Alters ins Zentrum rücken. Zu den zentralen Aufgaben der Klinischen Gerontopsychologie gehört es, zu identifizieren, welche spezifischen Wege es gibt, ältere Menschen und ihre Angehörigen psychotherapeutisch zu erreichen, und existierende psychotherapeutische Ansätze für die Bedürfnisse und Lebenslagen des Alters zu adaptieren. Die Beiträge des Symposiums beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspekten dem so skizzierten Aufgabenfeld.

09:30
Beziehungsgestaltung in der Psychotherapie mit älteren Patient*innen
S20-05-01 

A.-K. Boschann, E.-M. Kessler; Berlin

Die Konstellation junger Psychotherapeut*innen (Generation G3) mit alten Patient*innen (Generation G1) wird in der Gesellschaft des längeren Lebens zukünftig häufiger auftreten. Psychotherapie findet im Kontext der therapeutischen Beziehung statt, die sich maßgeblich auf den Behandlungserfolg auswirkt. Eine grundlegende Besonderheit in der Psychotherapie mit älteren Menschen sind intergenerationelle Beziehungsdynamiken zwischen jungen Psychotherapeut*innen und alten Patient*innen, die empirisch bislang noch nicht erforscht worden sind. Ziel der vorgestellten qualitativen Studie ist es, die „Enkelkind-Großeltern-Dynamik“ (Radebold, 1992) vor dem Hintergrund gerontopsychologischer Forschung zu Altersbildern einerseits und psychodynamischer Literatur zu Übertragungsphänomenen andererseits zu untersuchen. Unter Verwendung problemzentrierter Interviews wurden 18 Psychotherapeut*innen in Ausbildung im Alter von 25 bis 35 Jahren zu ihren psychotherapeutischen Erfahrungen mit älteren Patient*innen (65+) befragt. Berücksichtigt wurden die verfahrensspezifische Ausbildung (VT - TP) und der Erfahrungskontext (stationär - ambulant) der Studienteilnehmer*innen. Mittels der qualitativen Inhaltsanalyse wurden manifeste und latente Inhalte des Datenmaterials ausgewertet. Als vorläufige Ergebnisse wurden vier Themenbereiche identifiziert, die sich auf die intergenerationelle Beziehungsdynamik auswirken: (a) Gesellschaftlich tief verankerte negative Altersbilder der Psychotherapeut*innen, (b) altersspezifische Besonderheiten der Patient*innen (z.B. Konfliktvermeidung durch ein erhöhtes Bedürfnis nach Wohlbefinden und Bindung), (c) das therapeutische Setting (stationär vs. ambulant), (d) die individuelle Fähigkeit der Studienteilnehmer*innen zur Selbstreflexion. Die Entstehung und die Auswirkungen einer „Enkelkind-Großeltern-Dynamik“ lassen sich auf einem Kontinuum mit zwei Polen von (1) unbewussten bis (2) bewussten Vorgängen einordnen. Während ausagierte unbewusste Übertragungsphänomene für Studienteilnehmer*innen konflikthaft und herausfordernd sind, können bewusst konstruierte Rollenverhältnisse bei gezieltem Einsatz als Beziehungsangebot therapeutisch nutzbar sein. Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass Psychotherapeut*innen eine hohe Sensibilität für intergenerationelle Beziehungsdynamiken benötigen. Zudem sind spezielle Kompetenzen notwendig, um die Beziehung zu älteren Patient*innen bedürfnisorientiert zu gestalten.

09:50
Ressourcenaktivierung und komplementäre Beziehungsgestaltung in der Psychotherapie mit pflegenden Angehörigen
S20-05-02 

N. Töpfer, K. Hoppe, G. Wilz; Jena

Pflegenden Angehörigen kommt in der Gesundheitsversorgung von pflegebedürftigen älteren Menschen eine unersetzliche Rolle zu. Da der Übergang in die Pflegerolle mit belastenden Anforderungen und Lebensveränderungen verbunden ist, die oftmals negative Auswirkungen haben, kann die psychotherapeutische Unterstützung von pflegenden Angehörigen sinnvoll und nötig sein.

Der Vortrag widmet sich der Ressourcenaktivierung und komplementären Beziehungsgestaltung in der Therapie mit pflegenden Angehörigen, die nach Grawe (2005) die beiden zentralen therapeutischen Heuristiken zur Bedürfnisbefriedigung darstellen und einen positiven therapeutischen Kontext für die erfolgreiche Problembearbeitung herstellen. Ressourcenaktivierung besteht aus dem Aufgreifen und gezielten Nutzen der persönlichen Stärken der Patienten; komplementäre Beziehungsgestaltung bedeutet, die zentralen Beziehungsmotive der Patienten zu identifizieren und sich zu diesen komplementär, d.h. bedürfnisbefriedigend zu verhalten.

Tele.TAnDem, ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsprogramm für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz, enthält Ressourcenaktivierung als übergeordnete Interventionsheuristik. Der Vortrag gibt einen Einblick in therapeutische Strategien und stellt Untersuchungsergebnisse zur Ressourcenaktivierung und komplementären Beziehungsgestaltung in Tele.TAnDem vor. 

Die Feinheiten der komplementären Beziehungsgestaltung werden am Beispiel einer „erfolgreichen“ Tele.TAnDem-Sitzung verdeutlicht. Die Analyse liefert Hinweise darauf, dass vor allem die von Sachse (2016) postulierten Beziehungsmotive nach Wichtigkeit, Solidarität und Anerkennung eine wichtige Rolle im Verlauf der Sitzung spielten. Es werden Muster im Vorgehen der Therapeutin hinsichtlich dieser Motive beschrieben. Es wird diskutiert, inwiefern bestimmte Beziehungsschemata bei pflegenden Angehörigen aufgrund charakteristischer Belastungsfaktoren womöglich häufiger aktiviert sind, und inwiefern die Pflege eines Angehörigen ungesättigte Beziehungsmotive re-aktualisieren kann, die sich auch in der Therapiebeziehung manifestieren werden.

Insgesamt unterstreicht der Beitrag die Bedeutung,  problem- und störungsbezogene Interventionsheuristiken in der Therapie mit pflegenden Angehörigen um ressourcenaktivierende Strategien zu ergänzen.

10:10
Bedarfsgerechte ambulante Psychotherapie bei pflegebedürftigen älteren Menschen mit Depression – Das Innovationsfonds-Projekt PSY-CARE
S20-05-03 

C. Tegeler, C. Vathke, A.-K. Beyer, J. Grohé, P. Gellert, J. Nordheim, A. Kuhlmey, E.-M. Kessler; Berlin

Pflegebedürftige Menschen sind Belastungsfaktoren ausgesetzt, die das Risiko depressiver Erkrankungen erhöhen. Und doch erhalten sie ambulante Richtlinienpsychotherapie nur in seltenen Ausnahmen. Auch gibt es bisher keine kontrollierte Studie zu Psychotherapie bei hochaltrigen Menschen mit Depression und Pflegebedarf, aus welchen hinreichende Rückschlüsse für die Behandlungspraxis im deutschen Gesundheitssystem gezogen werden könnten.

Die berlinweit laufende, randomisierte kontrollierte Studie PSY-CARE widmet sich zentralen Fragen einer bedarfsgerechten Versorgung dieser wachsenden Zielgruppe und untersucht die Wirksamkeit und Implementierbarkeit ambulanter Kurzzeit-Psychotherapie bei zuhause lebenden Pflegebedürftigen im Alter von 60+ mit Depression.  Die im Rahmen der Regelversorgung durchgeführten ambulanten Kurzzeit-Verhaltenstherapien erfolgen durch gerontologisch qualifizierte Psychotherapeut*innen im Behandlungsteam mit zentralen Versorgungsakteuren. Studienteilnehmer*innen der Vergleichsstichprobe erhalten ein zielgruppengerecht gestaltetes beratendes Angebot. Neben der Reduktion der depressiven Symptomatik und dem Erhalt der Aktivitäten des täglichen Lebens werden psychische Belastungen der Studienteilnehmer*innen und deren Angehöriger, Lebenszufriedenheit, Therapie- und Therapeutenvariablen sowie Therapiebarrieren im Verlauf erfasst. Die quantitative Evaluation wird durch Interviews der behandelnden Psychotherapeut*innen und Kasuistiken ergänzt (Mixed Methods-Ansatz).

Die Ergebnisse von PSY-CARE geben Aufschluss über Potenziale und Grenzen einer bedarfsangemessenen Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen mit Depression im Rahmen der regulären Gesundheitsversorgung.  In dem Beitrag werden das Studienprotokoll und der aktuelle Projektstand vorgestellt. Dabei werden Aspekte der Rekrutierung sowie des Schulungsprogramms für Psychotherapeuten als Beispiele für die bedarfsgerechte Adaptation zur Nutzung bestehender Ressourcen bei dieser Zielgruppe fokussiert.

10:30
Barrieren für die psychotherapeutische Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf und Depression.
S20-05-04 

A.-K. Beyer, P. Gellert, C. Tegeler, C. Vathke, J. Grohé, J. Nordheim, A. Kuhlmey, E.-M. Kessler; Berlin

Fragestellung: Pflegebedürftige Menschen stellen deutschlandweit eine bedeutsame und stark wachsende Patientengruppe dar. Insbesondere ältere Menschen mit Pflegebedarf haben ein erhöhtes Depressionsrisiko, allerdings erhalten weniger als 5% der Versicherten über 65 Jahre mit Depressionsdiagnose überhaupt eine Psychotherapie. Grund dieser massiven Unterversorgung sind vielfältige Barrieren, die die Zugangschancen zu psychotherapeutischer Versorgung gerade für diese Patientengruppe erschweren.

Methodik: Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie Psy-Care, bestehend aus zu Hause lebende Personen ab 60 Jahren mit Pflegegrad und Depression in Berlin und angrenzende Regionen Brandenburgs, geben in einer standardisierten Befragung an, welche Barrieren sie in der psychotherapeutischen Versorgung bisher wahrgenommen haben. Die Befragung wird in der eigenen Häuslichkeit von geschulten Interviewerinnen durchgeführt.

Ergebnisse: Als Barrieren werden Vorbehalte auf Seite der Patientinnen und Patienten (z.B. Fehlende Krankheitseinsicht, da die Stimmung für den Gesundheitszustand als „normal“ angesehen wird; Angst vor Heimeinweisung), sowie auf Seite der Behandelnden (z.B. fehlende Erfahrung mit spezieller Lebenssituation der Personengruppe, keine barrierefreien Behandlungsräume), aber ebenso Hindernisse auf Seiten des Versorgungssystems (z.B. fehlende Therapieplätze, schlechte Erreichbarkeit) erwartet.

Zusammenfassung: Um die Zugangschancen zu Psychotherapie von älteren pflegebedürftigen Menschen mit Depression zu erhöhen, müssen vielfältige Barrieren beseitigt werden.

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