Freitag, 20.09.2019

14:15 - 15:45

R15

S20-12

Selbstbestimmung in der pflegerischen Versorgung im Alter? Zum Stellenwert von Berufsattraktivität, Ausbildung, Technikeinsatz und individuellen Vorstellungen Pflegebedürftiger von Morgen

Moderation: M. H.-J. Winter, Weingarten; F. Fischer, Weingarten

Obwohl die Pflege älterer Menschen gegenwärtig nicht nur vorrangig, sondern häufig auch selbstverständlich von Angehörigen übernommen wird, ist zukünftig mit einem deutlichen Rückgang dieses Pflegepotentials zu rechnen. Bereits heute zeichnet sich ein Trend hin zur Inanspruchnahme professioneller Pflege ab. Um die steigende Zahl Pflegebedürftiger adäquat versorgen zu können, bedarf es tragfähiger Zukunftskonzepte, die gleichermaßen den Präferenzen Pflegender sowie Pflegebedürftiger gerecht werden. Selbstbestimmung in der pflegerischen Versorgung kann nur gelingen, wenn überhaupt ausreichend viele junge Menschen einen Pflegeberuf ergreifen und so ausgebildet werden, dass sie der Selbstbestimmung zu Pflegender einen zentralen Stellenwert beimessen. Zudem führt der anstehende Generationenwechsel in der Gruppe Pflegebedürftiger bereits zu veränderten sozialen Realitäten und erfordert eine Neuausrichtung der Versorgungsgestaltung. So wird beispielsweise die Bedeutung des Einsatzes technikgestützter Assistenzsysteme in der Pflege allen Prognosen zufolge zunehmen.

Im Symposium werden daher empirische Ergebnisse präsentiert und diskutiert, die sich erstens mit Faktoren befassen, welche die Attraktivität des Pflegeberufs beeinflussen sowie mit Möglichkeiten, diese zu steigern. Zweitens geht es um eine kritische Analyse der Frage, welche Auswirkungen der Fachkräftemangel bereits heute auf die Pflegeausbildung hat. Dem werden drittens pflegebezogene Vorstellungen und Erwartungen 65- bis 75-Jähriger gegenübergestellt, die potentiell erst in einigen Jahren pflegerische Unterstützung benötigen. Abschließend steht das ethisch-moralische Spannungsfeld beim Einsatz technikgestützter Pflege-Assistenzsysteme im Fokus und wird sowohl aus Sicht beruflich Pflegender als auch Pflegebedürftiger erörtert.

Auf Basis dieser Beiträge werden die Voraussetzungen für Selbstbestimmung in der pflegerischen Versorgung im Alter multiperspektivisch aufgezeigt und mehrdimensionale Möglichkeiten zur Stärkung einer zukunfts- sowie nutzer*innenorientierten gerontologischen Pflege diskutiert.

14:15
Die Attraktivität von Pflegeberufen
S20-12-01 

J. Späth, M. Kroczek, A. Koch; Tübingen

Fragestellung: Der akute Fachkräftemangel im Bereich der Alten- und Krankenpflege ist längst in der öffentlichen Diskussion angekommen. Die Frage nach möglichen Ursachen umschließt die Frage, welche Faktoren die Attraktivität von Pflegeberufen beeinflussen und wie man die Rahmenbedingungen der Pflegearbeit positiv beeinflussen kann, um bestehende Fachkräfte (länger) im Beruf zu halten und neue Fachkräfte für die Pflegeberufe zu begeistern.

Methodik: Diesen Fragen gehen wir mit einer repräsentativen standardisierten Befragung von aktiven und ehemaligen Fachkräften in der Alten- und Krankenpflege nach. Um Ergebnisse zu erzielen, die möglichst frei von sozial erwünschtem Antwortverhalten sind, ist die Befragung als sogenannte Vignettenbefragung („faktorieller Survey“) angelegt. Dabei wurden den Befragten fiktive Stellenangebote im Bereich der Alten- oder Krankenpflege zur Beurteilung ihrer Attraktivität vorgelegt. Die Ergebnisse erlauben aufgrund des zugrunde gelegten experimentellen Designs eine kausale Interpretation.

Ergebnisse und Zusammenfassung: Bemerkenswert an den Ergebnissen ist unter anderem, dass „harte“ Faktoren wie z.B. die Lohnhöhe oder die Laufzeit des Arbeitsvertrages einen verhältnismäßig geringen Effekt auf die Attraktivität der Pflegeberufe ausüben. Einen höheren Stellenwert haben demgegenüber eher „weiche“ Faktoren wie das Miteinander im Team oder die für Patienten zur Verfügung stehende Zeit, die über die bloße Verrichtung der pflegerischen Tätigkeiten hinausgeht. Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe sollten daher darauf abzielen, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die ursprüngliche Motivationslage der Pflegefachkräfte für die Ausübung ihres Berufes (z.B. Freude am Kontakt mit Menschen, Helfen-Wollen) wieder zur Geltung kommen kann. Ein einfaches Mehr an Gehalt geht dagegen an den Bedürfnissen der Pflegefachkräfte vorbei.

14:35
Ausbildung in Zeiten des Pflegefachkraftmangels
S20-12-02 

J. Mohr, N. Lämmel, K. Reiber; Esslingen

Fragestellung: Pflegefachkräfte können in Zeiten des Fachkraftmangels den Erwartungen an Pflegeleistungen nicht gerecht werden. Das Arbeiten im Krisenmodus ist Normalzustand geworden. Um diesem Krisenmodus zu entkommen, wird immer wieder die Bedeutung der Ausbildung hervorgehoben, wie u.a. die „Ausbildungsoffensive Pflege“ der Bundesregierung verdeutlicht. Da auch die Auszubildenden unmittelbar vom Krisenmodus betroffen sind, drängt sich die Frage auf, welche Auswirkungen der Fachkraftmangel auf Ausbildung und zukünftige Versorgung hat.

Methodik: Im Rahmen eines multimethodischen Vorgehens wurde in explorativen Interviews Ausbildung als ein Schlüsselthema zur Fachkraftgewinnung identifiziert. Aufbauend wurde in einer Delphi-Befragung u.a. die Situation zu praktischer Ausbildung aus Sicht pflegefachlicher Einrichtungs- und Schulleitungen erhoben. In multiperspektivischen Betriebsfallstudien wurden Aktivitäten rund um die Ausbildung als Strategie der Fachkraftgewinnung analysiert.

Ergebnisse: Die Einrichtungen betrachten und betreiben Ausbildung als eine Hauptstrategie zur Fachkraftsicherung. Um die Ausbildung möglichst vielen Personen zugänglich zu machen, werden zunehmend die Anforderungen in Theorie und Praxis abgesenkt. Zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen für förderbedürftige Auszubildende werden von Seiten der Einrichtungen erforderlich und genutzt. Die Bedeutsamkeit einer qualitativ hochwertigen praktischen Ausbildung wird von der Praxis erkannt, doch leidet sie eklatant unter dem Fachkraftmangel. Der Krisenmodus kann sich kontraproduktiv auf die Ausbildungsanstrengungen auswirken, u.a. werden Auszubildende für Routineaufgaben eingesetzt, Praxisanleitungen finden nicht statt. Kompetenzdefizite beim Berufseinstieg sind die Folge, die durch die Einrichtungen wiederum kompensiert werden müssen.

Diskussion: Die Ausbildung als eine der wichtigsten Strategien gegen den Fachkraftmangel leidet gleichzeitig massiv unter diesem. Die Anstrengungen werden durch den Qualitätsverlust in der praktischen Ausbildung in Folge des Personalmangels unterminiert. Da darunter die Ausbildung beruflicher Handlungskompetenz leidet, ist mit mittelfristigen Negativeffekten auf die zukünftige Pflege- und Anleitungsqualität zu rechnen. Konzepte und Theorien zur Ausbildungsgestaltung in Theorie und Praxis liegen zwar vor. Die Ausbildungspraxis bleibt jedoch meist hinter diesen Anforderungen zurück. Um die Qualität der Versorgung zu sichern, sind diese Kreisläufe zu durchbrechen.

14:55
Vorstellungen und Erwartungen 65- bis 75-Jähriger zur pflegerischen Versorgung im Alter - Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung in der Region Bodensee-Oberschwaben
S20-12-03 

C. Boscher, F. Fischer, L. Raiber, M. H.-J. Winter; Weingarten

Hintergrund: Um Selbstbestimmung in der pflegerischen Versorgung stärker als bislang realisieren zu können, bedarf es fundierten Wissens über die entsprechenden Anforderungen und Erwartungen (potentiell) Pflegebedürftiger. Dies gilt umso mehr, da sich zu Pflegende von Morgen deutlich von der aktuellen Kohorte Pflegeabhängiger sozialisatorisch unterscheiden werden. So ist beispielsweise davon auszugehen, dass die Pflege und Begleitung langlebiger Eltern in spezifische Vorstellungen zur möglichen eigenen Pflege münden. Zu vermuten ist ferner ein größerer Stellenwert des Wunsches nach Selbstbestimmtheit in der Pflege, der sich unter Umständen bereits jetzt im Treffen diesbezüglicher Vorkehrungen äußert.

Zielsetzung: Ziel der Studie ist es, Erkenntnisse zu Vorstellungen, Erwartungen und Präferenzen möglicher zukünftiger Nutzer*innen pflegerischer Leistungen zu ermitteln, wobei von deutlichen sozialen als auch regionalen Unterschieden ausgegangen wird.

Methodik: Von den 60.921 in der Region Bodensee Oberschwaben lebenden 65- bis 75-Jährigen werden insgesamt 2.500 Personen schriftlich-postalisch befragt. Für die Ziehung der repräsentativen Stichprobe aus Daten der Meldeämter wurden zwei Stichprobendesigns kombiniert: In ländlichen Gemeinden wurde eine Klumpenstichprobe gezogen; in Städten wurde die Auswahl mittels einer proportional geschichteten Zufallsstichprobe vorgenommen. Der Fragebogen durchlief ein zweistufiges, multimethodisches Pretestverfahren (n=25) und umfasst neben eigenständig entwickelten Fragen auch standardisierte Instrumente. Die Befragung soll im Juli 2019 abgeschlossen werden.

Diskussion: Es werden differenzierte Befunde erwartet zu pflegebezogenen Versorgungsvorstellungen älterer Menschen, die bislang noch keine pflegerische Unterstützung in Anspruch nehmen. Auf dieser Basis lassen sich mit großer Wahrscheinlichkeit sozial und regional geprägte Divergenzen identifizieren, die wiederum zur zukünftigen Planung und Ausgestaltung des örtlichen Versorgungsangebotes herangezogen werden können. Die Forschungsergebnisse bieten Implikationen für die kommunale Altenhilfeplanung sowie zur Stärkung einer zukunfts- und nutzer*innenorientierten gerontologischen Pflege auch über die Region hinaus.

15:15
Technische Innovationen in der Pflege – Die Perspektive unterschiedlicher Nutzer*innen
S20-12-04 

B. Weber-Fiori, M. H.-J. Winter; Weingarten

Fragestellung: Technische Innovationen (z.B. AAL, eHealth, Robotik) erfahren, auch durch Forschungsförderung, eine rasante Entwicklung. Gleichwohl halten sie nur zögerlich Einzug in den Lebensalltag Älterer, Pflegebedürftiger, Angehöriger und das Berufsfeld Pflege. Technikakzeptanz ist bei diesen Personengruppen verschieden stark ausgeprägt und teils mit ambivalenten Haltungen verbunden. Trotz vermehrter nutzer*innenintegrierter Entwicklungen gibt es Hemmnisse für einen breiteren Technikeinsatz in der Pflege. Insofern fragt der Beitrag 1. nach der Bedeutung des Technikeinsatzes für 65-75-Jährige. 2. erfolgt eine kritische Analyse des Entlastungspotentials, das technische Innovationen im pflegerischen Alltag versprechen. 3. geht es um den möglichen Beitrag technischer Anwendungen zur Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufs.

Methodik: Es wurde ein multimethodales Vorgehen gewählt: Zur Bedeutung von Technik für 65-75-Jährige werden empirische Ergebnisse einer quantitativen Befragung herangezogen; der Beitrag von Technik zur Entlastung von Pflegekräften basiert auf eigenen empirischen Erhebungen aus FuE-Projekten. Das Potential für die Attraktivität des Pflegeberufs wird literaturgestützt diskutiert.

Ergebnisse: Aktuell 65-75-Jährige stellen bereits eine technikaffinere Altersgruppe dar als vorherige Generationen, und besitzen zudem veränderte Vorstellungen zur eigenen pflegerischen Versorgung. Bspw. sind Lebensqualitätsaspekte wie Selbstbestimmung und soziale Teilhabe Bereiche, die relevanter werden und technologisch unterstützt werden könn(t)en. Aufgezeigt wird, inwieweit sich Tendenzen zu höherer Technikakzeptanz durch bereits bestehende Techniknutzung abbilden lassen.
Grundsätzlicher Offenheit bzgl. technikunterstützter Versorgung seitens professionell Pflegender stehen oftmals technikinduzierte Risiken gegenüber, wie bspw. vermehrte Kontrolle oder Befürchtungen, dass potentielle Zeitersparnis nicht den zu Pflegenden zugutekommt. Geringe Evidenz zu positiven Technikeinsatzeffekten hinsichtlich Pflegequalitätsaspekten erschweren eine Kosten-Nutzen-Abwägung.

Informations- und Unterstützungsstrukturen zur Technik-Implementierung sowie Ressourcen für Qualifizierungsangebote sind Faktoren, um Technikpotentiale für die Attraktivität des Berufsbildes Pflege auszuschöpfen. Um Chancen und Risiken von Technikdiffusion einschätzen zu können ist die Förderung einer reflexiven Haltung bzgl. ethischer, professions- und arbeitsorganisationsbezogener Aspekte erforderlich.

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