Donnerstag, 19.09.2019

11:00 - 12:30

R112/113

S19-05

Soziale Teilhabe jenseits von gesellschaftlicher Diskriminierung

Moderation: L. Naegele, Vechta

Der demografische und der soziale Wandel unserer Gesellschaft führen nicht nur zu einem immer größeren Anteil an Älteren, sondern äußert sich auch in einer zunehmenden Pluralisierung von Lebenslagen, Lebensformen und Lebensweisen. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass zukünftige Altersgenerationen nicht nur deutlich heterogener sind, sondern auch Personengruppen in besonderen und vulnerablen Lebenslagen miteinschließen werden.

Hier stellt sich die Frage, wie gesellschaftliche Teilhabe jenseits Diskriminierung für diese Personengruppen zukünftig realisiert werden kann. Dabei bezieht sich gesellschaftliche Teilhabe nicht nur auf soziale Aspekte der täglichen Lebenswelten, sondern auch auf die Frage nach einer bedarfsgerechten und selbstbestimmten gesundheitlichen Versorgung im Alter, sowie dem Schutz vor gesellschaftlicher Stigmatisierung und Diskriminierung. Folgernd ist es nicht damit getan, die Heterogenität verschiedener Lebensentwürfe im Alter anzuerkennen. Vielmehr müssen insbesondere mit Blick auf vulnerable Personengruppen relevante Akteure identifiziert und Handlungsansätze auf dem Weg zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe eruiert werden.

Das Symposium „Soziale Teilhabe jenseits von gesellschaftlicher Diskriminierung“ möchte zu diesem Diskurs einen Beitrag leisten. Ausgehend von Personengruppen in heterogenen bzw. Lebenslagen (z.B. New Aging Populations, LGBTQ+, ältere Straffällige, ältere Alleinlebende oder spezifische Beschäftigungsgruppen Älterer) diskutiert das Symposium etwaige Hindernisse, potentielle Chancen und praktische Handlungsansätze auf dem Weg zu einer verbesserten gesellschaftlichen Teilhabe aller Personengruppen.

Dabei wird der Blick zum einen auf eine bedarfsgerechte gesundheitliche Versorgung von Personen in besonderen Lebenslagen gerichtet und hier sowohl die Perspektive der zu Versorgenden (z.B. Pflegebedürftigen) als auch der Versorgenden (Pfleger*innnen, Akteure der institutionalisierten Pflege etc.) thematisiert. Zum anderen möchte das Symposium der Frage nach der sozialen Teilhabe vor dem Hintergrund möglicher Diskriminierung gesellschaftlich vulnerabler Gruppen nachgehen. Hier zielt die Überlegung insbesondere darauf ab, inwieweit existierenden Stereotype und negative Stigmatisierung bestimmter Personengruppen verhindern, dass gesellschaftliche und soziale Teilhabe – in der skizzierten Bandbreite – realisiert werden kann.

11:00
„aber so hier bin ich dann doch allein“: Zur Bedeutung von Empowerment und Agency im Leben alleinlebender Männern im Alter
S19-05-01 

M. Leontowitsch; Frankfurt a. M.

Langlebigkeit und Veränderungen im Familienstand führen dazu, dass eine stetig wachsende Zahl an Männern im Alter alleine leben. Die Alternsforschung beschreibt ältere alleinlebende Männer im Vergleich zu nicht alleinlebenden Männern häufig als Risikogruppe, vor allem in Bezug auf Verwahrlosung, Suizid und psychischen Erkrankungen. Der Vortrag berichtet aus der Studie ALMA (Alleinlebende Männer im Alter: Neue Geschlechterverhältnisse im Alter? Eine erste Bestandsaufnahm in der Stadt Frankfurt am Main), die zum Ziel hatte ein besseres Verständnis von dieser historisch neuen Bevölkerungsgruppe zu bekommen sowie von den Angeboten der Altenhilfe für ältere alleinlebende Männer, vor dem Hintergrund veränderter Alter(n)sbilder. In der Studie wurden Experteninterviews mit Akteuren aus der Leitungs- und Umsetzungsebene kommunaler, freier und kirchlicher Trägerschaften in Frankfurt geführt sowie biografische Interviews mit alleinlebenden Männern im Alter von 69 bis 89 Jahren. Frankfurt hat eine besonders hohe Anzahl alleinlebender Männer über 65 Jahren und kann somit als Pionier in dieser Entwicklung betrachtet werden. Die Interpretation der Daten ergab, dass Akteure aus der Erwachsenenbildung und der Altenarbeit ein besonderes Augenmerk darauf legten, Männer zu ermutigen ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und Veränderungen herbeizuführen, ein Vorgehen das mit Ideen von Empowerment korrespondiert. Die Interpretation der biografischen Interviews zeigt, dass das Alleinleben Auslöser dafür war, dass sich die Männer um sich selbst kümmern mussten, zugleich richtete sich ihre Sorgearbeit aber auch an dritte. Diese (unerwartete) Sorgearbeit um dritte wird im Zusammenhang von veränderten Alter(n) und normativen Diskursen um „aktives Alter(n)“ als Form von Agency verstanden, die eine neue Perspektive auf das Alltagserleben von alleinlebenden Männern und ihren gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten bietet.

11:20
LSBT*I-Senior*innen in der Pflege: Angehörigenarbeit, Wahlfamilien und das Erleben von Altenhilfestrukturen
S19-05-02 

R. Lottmann; Guildford/UK

Leisten bei heterosexuellen Pflegebedürftigen meist Kinder, Ehepartner und andere Verwandte die Unterstützung im Alter, so zeigen bislang vor allem angloamerikanische Studien, dass bei lesbischen, schwulen, bisexuellen sowie trans* und intergeschlechtlichen LSBT-Senior*innen freundschaftliche Netzwerke hierfür eine hohe Bedeutung haben. Bei LSBT-Senior*innen können diese sog. Wahlfamilien als Rückgrat der sozialen Unterstützung verstanden werden. Doch gilt das auch bei intensiven pflegerischen Bedarfen? Und wie werden diese Unterstützungsressourcen in der (stationären) Altenhilfe genutzt?

Der Beitrag geht u.a. der Frage nach, inwiefern in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen soziale Teilhabe mit Rücksicht auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ausbleibt bzw. ermöglicht werden kann. Am Beispiel der Bevölkerungsgruppe pflege- und betreuungsbedürftiger LSBT-Senior*innen werden die Ausrichtung der Einrichtungen der Altenhilfe an einer imaginären hegemonialen Gruppe problematisiert und Potenziale einer intersektionale Perspektive auf das Alter(n) für die Alternsforschung erörtert. Der Beitrag illustriert unter Hinzunahme sozialkapitaltheoretischer Annahmen die Relevanz interprofessioneller Zusammenarbeit in der Altenhilfe und von sog. ‚weak-ties Verbindungen‘ für die Lebensqualität von LSBT*Pflegebedürftigen.

Auf der Basis der Studie „Gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Pflege im Alter“ (GLEPA) der Alice Salomon Hochschule Berlin sowie der Studie „SAFE Housing - Older LGBT Housing in Later Life“ der University of Surrey, werden biografische Besonderheiten, Präferenzen und Strategien von LSBT-Senior*innen vorgestellt. Der Beitrag zeigt auf, wie Konstruktionen sexueller Identität und die Gestaltung sozialer Netzwerke über die Lebensspanne das Leben der Interviewten bis ins hohe Alter prägt. Die Ergebnisse der Studien machen ferner deutlich, inwieweit die Zugehörigkeit zu einer LSBT-Community und die wahlfamiliale Verbundenheit das Erleben von Altenhilfestrukturen und pflegerischer Versorgung beeinflussen.
Der Beitrag wird konkrete Aktivitäten für eine diversity-sensible Angehörigenarbeit mit LSBT-Pflegebedürftigen benennen, die Heteronormativität in der Angehörigenarbeit in der Altenpflege, aber auch Chancen für eine gute Pflege für Alle am Beispiel von LSBT-Pflegebedürftigen diskutieren.

11:40
Ältere Straffällige – Altersbilder und ihr Einfluss auf Bestrafungswünsche
S19-05-03 

T. Grüner, A. Engert, E. Foitzik, L. Hoffmann, K. Licht; München

Menschen jenseits der 60 gehören ebenso wie Kinder zu den Personengruppen mit der geringsten Kriminalitätsbelastung. Laut offizieller Statistiken wurden 2018 pro 100.000 Senior*innen 609 straffällig. Im Vergleich dazu ist die Kriminalitätsrate bei 25-29-Jährigen fast sechsmal so hoch (3.638 pro 100.000 Einwohner*innen der gleichen Altersklasse). So ist es nicht verwunderlich, dass ältere Menschen als ungefährlich wahrgenommen werden und Fälle von kriminellen Senior*innen wie die Bankraubserie der sog. „Opa-Bande“ kurios erscheinen. Nichtsdestotrotz steigt, bedingt durch den demografischen Wandel, die Zahl älterer Krimineller. Immer wichtiger erscheint die Frage, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit älteren Straffälligen in der Bestrafungspraxis aussehen kann. Ungeklärt ist bislang, ob ein altersdifferenzierter Umgang, z.B. Strafmilde gegenüber Senior*innen von der Gesellschaft mitgetragen werden würde. Die Ergebnisse unserer Studien zeigen, dass auch eine Erweiterung des Strafkatalogs in Erwägung zu ziehen ist. In einer eigenen experimentellen Studie im Zweigruppenplan (N=350) mittels fiktiver Fallgeschichten zeigt sich ein differenziertes Bild: Ältere Befragte urteilen bei Körperverletzung mit Todesfolge milder, wenn der Täter über 70 ist. Bei der leichten Körperverletzung wird der über 73-Jährige Täter von den jüngeren Befragten härter bestraft als der 28-jährige Täter. Unter den zur Auswahl stehenden Bestrafungsformen befand sich auch die gemeinnützige Arbeit, welche eigentlich nur im Jugendstrafrecht vorkommt, vielen Befragten der Studie aber auch gegenüber älteren Straffälligen als passend erschien. Inwieweit Altersbilder bei der Beurteilung einer straffällig gewordenen Person von Bedeutung sind, zeigt sich in den Ergebnissen der qualitativen Studie, die im Rahmen eines Lehrforschungsprojekts durchgeführt wurde. In Fokusgruppendiskussionen mit älteren und jüngeren Erwachsenen wurden Fallgeschichten diskutiert. Die fiktiven Täter waren entweder 25-30 oder 70-75 Jahre alt. Bei der Vorstellung der Ergebnisse gehen wir auf den Unterschied ein, den das Täteralter in Bezug auf Strafziele und attributionstheoretische Zuschreibungen auslöst.

12:00
‘Hopefully you will be with us until we die’: The damaging consequences of personalization in unregulated home-based care provided by migrants
S19-05-04 

A. Safuta; Bremen

Context and objective: Due to a combination of demographic and societal factors, the demand for care is intensifying across Europe. As a result, the number of households directly employing a migrant care worker increases, including in Germany. In this context, it is necessary to examine the working conditions of migrant providers of home-based care. This contribution highlights the harmful consequences of the often unregulated character of employment relationships between migrant care providers, elderly care receivers, and their family members.

Method: The contribution is based on the thematic analysis of in-depth narrative interviews with 44 migrant domestic workers providing housework and/or home-based care in Belgium or Poland, as well as with 24 members of employing households (12 in each country). Interview material has been supplemented by expert interviews, as well as observations on public transport, social media and other places of socialization for migrant domestic workers.

Results: The contribution points to the harmful effects of ‘personalization’ - a phenomenon defined as the blurring of professional and private emotional work (Safuta, 2017; Safuta & Camargo, 2019): involved workers and/employers do not know anymore whether they provide emotional work because they are expected to do so as part of their professional role as domestic workers or employers, or because they choose to (as part of any individual’s private emotional work).

Personalization enables migrant workers to secure the longevity of unregulated employment relationships by becoming irreplaceable for care receivers and their family members. As a corollary however, personalization hinders migrant domestic workers’ already meagre opportunities for horizontal and vertical professional mobility. In particular, as a consequence of personalization, migrant domestic workers providing housework in households with ageing members are often expected to start providing home-based care as well. A refusal to do so results in the termination or at least deterioration of the employment relationship. This raises issues regarding the quality of the care provided in such a context, but also workers’ occupational safety and overall independence.

Diskutantin: A. Teti, Vechta

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