Donnerstag, 19.09.2019

13:30 - 15:00

R002

W19-09

Technikforschung in alternden Gesellschaften – Herausforderungen für die Gerontologie

Moderation: A. Wanka, Frankfurt a. M.; C. Endter, Hamburg

Workshop des FA Alter und Technik

In der Gerontologie wird die Techniknutzung älterer Menschen meist als individueller Anpassungsprozess untersucht. Im Zentrum stehen dabei Fragen darüber, wie sich Technikakzeptanz unter älteren Menschen steigern lässt, welche Faktoren diese behindern oder, wie durch die Nutzung neuer Technologien die Lebensqualität im Alter erhöht werden kann. Übersehen wird in dieser Perspektive häufig, dass an der Techniknutzung im Alter mehr Akteur*innen als nur die Nutzer*innen involviert sind (Peine & Neven, 2017): Neben Mensch und Maschine spielen etwa auch Infrastrukturen und Märkte der Technikentwicklung, Governance im Bereich Digitalisierung und Alter, Alternsbilder und -stereotype, Designer*innen und Wissenschaftler*innen – und damit zunehmend Gerontolog*innen - eine Rolle. All diese Akteur*innen sind damit aufgefordert, Positionen zu beziehen und Interessen, theoretische Perspektiven und ggf. Kritikpunkte an der technologischen Entwicklung zu formulieren.

Für die Gerontologie wird die Aufforderung zur Positionierung unter anderem in Technikforschungs- und entwicklungsprojekten konkret. Innerhalb der Projekte stehen dem Bedarf nach interdisziplinärem Austausch und wissenschaftlicher Reflexion ein enges Zeitregime und ein hoher Innovationsdruck gegenüber. Gleichzeitig bemüht sich die Förderpolitik um die Etablierung integrierender Ansätze (Stubbe, 2018). Diesen Bemühungen mangelt es jedoch an wissenschaftlichen Positionen, die sowohl theoretisch als auch methodisch Ansätze für die hier skizzierte Problemstellung geben. Es bleibt häufig die Frage: Erfüllt die Gerontologie hier nur eine „Feigenblattfunktion“?

Mit diesem Workshop wollen wir daher einen Raum öffnen, um die Rolle der Gerontologie in Technikforschungs- und entwicklungsprojekten zu diskutieren. Auf Basis von zwei Input-Vorträgen wollen wir gemeinsam mit den Teilnehmenden eigene Erfahrungen und damit verbundene wissenschaftliche Herausforderungen in solchen Projekten reflektieren und (kritische) Positionierungsmöglichkeiten aufzeigen.

13:30
Reflexivität in der Technikforschung – Ansätze aus den Science-and-Technology Studies
W19-09-01 

C. Endter, Hamburg; A. Wanka, Frankfurt a. M.

Die Beteiligung von Vertreter*innen nicht-technikwissenschaftlicher Disziplinen wie beispielsweise Sozialwissenschaftler*innen oder Pflegewissenschaftler*innen an Technikentwicklungsprojekten hat sich im deutschsprachigen Raum vor allem in vom Bund finanzierten Forschungs- und Entwicklungsprojekten etabliert. Wie die Beteiligung abläuft und zu welchen Ergebnissen sie führt, wurde bisher kaum untersucht. In unserem Vortrag wollen wir anhand eigener Erfahrungen der Beteiligung an Technikentwicklungsprojekten drei verschiedene Problemfelder fokussieren und mit Hilfe wissenschaftlicher Ansätze aus den Science and Technology Studies (STS) für die gerontologische Forschung in diesem Feld produktiv machen. Folgende Problemfelder werden wir diskutieren: 1.) Interdisziplinarität, 2.) Wissensproduktion und 3.) Agency. Bereits die frühen Laborstudien (Latour/Woolgar 1979, Lynch 1985, Knorr-Cetina 1981, Traweek 1988) thematisieren die epistemischen Konsequenzen der naturwissenschaftlichen Wissensproduktion und die mit dem Ausschluss nicht-menschlicher Agenten einhergehende Asymmetrie. In Rekurs sowohl auf diese frühen als auch neueren Ansätze (Mol et al. 2010, Suchman 2007, Pols 2012, ‚Puig de la Bellacasa 2011) wollen wir aufzeigen, wie gerontologisches Wissen und die Beteiligung gerontologisch arbeitender Sozialwissenschaftler*innen in diesen Problemfeldern produktiv gemacht und Technikentwicklung für die mit ihr einhergehenden soziokulturellen und ethischen Konsequenzen sensibilisiert werden kann.

14:00
Praxlabs als Lern- und Explorationsumgebung in der angewandten Technikentwicklung
W19-09-02 

C. Müller, Siegen; M. Dickel, Siegen

In partizipativen IT-Design-Projekten mit älteren Erwachsenen ist die Wahl geeigneter Methoden und Werkzeuge von besonderer Bedeutung; insbesondere bei der Ausrichtung auf langfristige „User-Designer“-Kooperationen in Living Lab-Settings.

Das nutzerzentrierte Technologiedesign für die alternde Gesellschaft, insbesondere das Living Lab-basierte Design, beleuchtet eine Vielzahl von noch zu lösenden Forschungsfragen und -herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf gestalterisch-methodische Aspekte. Die Frage nach geeigneten Gestaltungs- und Bewertungsmethoden steht in direktem Zusammenhang mit Aneignungsprozessen der Zielgruppe, die letztlich den Erfolg oder Misserfolg von Technologie im Alltag beeinflussen.

Die Living Lab- bzw., spezifisch, die Praxlabs-Methodik, die IT-Forschung, Protyping und langfristige Aneignungspraktiken konsequent in Alltagssettings lokalisiert (siehe Ogonowski et al. 2018, Müller & Wan 2018, Almirall & Wareham 2008), ermöglicht die Integration von Perspektiven auf die Technologieaneignung in zweierlei Hinsicht: zum einen unter Berücksichtigung des soziokulturellen Umfelds der zukünftigen Zielgruppen und zum anderen unter Berücksichtigung der langfristigen kooperativen Forschung. Mit diesem Ansatz können sowohl eine breitere Perspektive (z.B. Denkweisen, Erfahrungen, Haltungen und Einstellungen zukünftiger Nutzer zu neuen Technologien) als auch eine praktische Technologiebewertung im realen Kontext (z.B. die Untersuchung der Einsatzmöglichkeiten von Alltagstechnologien durch Ausprobieren in der Praxis, durch das Einüben von Fähigkeiten im Umgang mit der Technologie usw.) einbezogen werden. Fest steht: Je weiter die neuen Technologien von den bisher bestehenden Alltagskontexten der Zielgruppen entfernt sind, desto wichtiger ist ein ganzheitlicher Forschungsprozess, wie er beispielsweise durch den Praxlabs-Ansatz ermöglicht wird. Durch die Alltagsnähe im Designprozess ist es wahrscheinlicher, dass Forschende und Nutzergruppen einen gemeinsamen „gedanklichen Möglichkeitsraum“ etablieren können und so realistische Visionen von zukünftigen Nutzungssituationen entwerfen können. Dieser Aspekt ist besonders relevant bei der Zielgruppe der älteren Menschen, die sich durch eine hohe Diversität in Bezug auf Lebensstile, Technikerfahrung, Interessen und Präferenzen auszeichnet.

Diskutantin: M. Urban, Bremen

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