Donnerstag, 19.09.2019

15:30 - 17:00

R112/113

S19-21

Unterstützung und Pflege über (inter-)nationale Distanzen hinweg – Abschlusssymposium zum Projekt „DiCa-Distance Caregiving“

Moderation: A. Franke, Ludwigsburg; U. Otto, Zürich/CH

Familienmitglieder leben heutzutage in zunehmender räumlicher Entfernung voneinander. Auf Angehörige vor Ort kann bei Bedarf nach Unterstützung und Pflege oft nicht ohne Weiteres zurückgegriffen werden. Es ist deshalb wichtig, die vielfältigen Formen, in denen Menschen Sorgearbeit leisten, in den Blick zu nehmen und zwar jenseits der Sozialfigur der hochinvolvierten Hauptpflegeperson vor Ort. Allerdings ist wenig darüber bekannt, welche Beiträge Angehörige für Pflegebedürftige aus räumlicher Entfernung tatsächlich leisten (können), welche Strategien sie entwickeln und wie berufliche, gesellschaftliche oder versorgungsspezifische Rahmenbedingungen auf die Situation einwirken.

Dieses Symposium dient als Abschlussveranstaltung des binationalen Projekts „DiCa: Pflege- und Hilfepotenziale über nationale Distanzen und internationale Grenzen hinweg“ (SILQUA-FH/BMBF; 01.06.-2016-31.05.2019). Es gibt Einblick in empirische wie theoretische Ergebnisse des dreijährigen Projekts aus der Perspektive Deutschland-Schweiz

Der Beitrag „Distance-Caregiving – Forschungsstand und empirische Einblicke aus dem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE)(Annette Franke, Melanie Wagner) klärt grundlegende Begriffe, dokumentiert den scientific state of the art und stellt Ergebnisse aus Sekundäranalysen des SHARE vor. Im Beitrag „Distance Caregiving – Was sagen die pflegenden Angehörigen?“ (Pirkko Marit Jann, Janina Myrczik, Amelie Zentgraf, Karin van Holten) werden Ergebnisse der qualitativen Datenanalyse vorgestellt, bspw. was Angehörige aus der Distanz leisten, welche Strategien sie entwickeln und inwiefern Rahmenbedingungen – beruflich, gesamtgesellschaftlich oder auch versorgungsspezifisch –als hemmend oder förderlich erfahren werden. Der Beitrag „Zwischen Tabu und HR-Strategie – Distance Caregiving aus betrieblicher Perspektive“ (Birgit Kramer) präsentiert Ergebnisse aus Experteninterviews mit Partnerbetrieben aus Wirtschaft und Versorgung. Der Beitrag Pflege auf Distanz – ein Thema bei sozialpolitischen Akteuren? (Janina Myrczik, Karin van Holten)geht der Frage nach, wie präsent das Thema der Pflege auf Distanz in der Arbeit von sozialpolitischen Akteuren ist. Der Beitrag „Technische Lösungen im häuslichen Setting zur Unterstützung von Pflege und Sorge über eine räumliche Distanz“(Ulrich Otto, Anna Hegedüs) diskutiert die Chancen und den möglichen Einsatz von neuen Technologien zur Unterstützung von Pflegearrangements über eine räumliche Distanz hinweg.

15:30
Distance-Caregiving – Forschungsstand und empirische Einblicke aus dem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE)
S19-21-01 

A. Franke, M. Wagner ; Ludwigsburg, München

Hintergrund: Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Erwerbstätigen leistet Hilfe und Pflege für ihre älteren Angehörigen über räumliche Distanzen hinweg – mit steigender Tendenz. Dennoch sind datenbasierte Befunde insb. in Europa zu Dimensionen von „Distance Caregiving“ immer noch rar. Im interdisziplinären Projekt „DiCa – Distance Caregiving“ werden im deutsch-schweizerischen Ländervergleich Chancen, Herausforderungen und Strategien der Unterstützung von Angehörigen aus der räumlichen Distanz heraus untersucht. In diesem Beitrag wird sowohl der aktuelle Stand der (inter-)nationalen Forschungsliteratur aufgezeigt als auch Ergebnisse eigener Sekundäranalysen vorgestellt.

Fragestellung: Der Beitrag geht insb. Fragen nach Prävalenz von “Distance Caregiving”, spezifischen gesunheitsbezogenen und soziodemografischen Merkmalen bei den Pflegebedürftigen und den pflegenden Angehörigen sowie Unterstützungsdimensionen nach.

Methodik: Der aktuelle (inter-)nationale Forschungsstand zum Thema Distance Caregiving wurde mit Hilfe einer systematischen Literaturrecherche und -analyse ermittelt. Dabei wurden für die Datenbanksuche (u.a. web of science, PsychInfo, CINAHL, Pubmed, google scholar) Schlagworte wie bspw. „Pflegende Angehörige“, „Unterstützung auf Distanz“, „Wohnraumentfernung“ oder „Proximity Care“ verwendet. Die Sekundäranalyse erfolgte mit Daten auf Basis des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE).

Ergebnisse:Die Ergebnisse der Literaturanalyse zeigen, dass das Thema der Unterstützung von Angehörigen aus der Distanz national wie international von zunehmender Bedeutung ist. Allerdings mangelt es immer noch an einschlägigen Studien im deutschsprachigen Raum. Aus der SHARE-Analyse lassen sich einige spezifische Merkmale von „Distance Caregivers“ und Unterschiede zu Pflegenden vor Ort identifizieren, die bspw. in Bezug auf den Erwerbstatus, Umfang der Erwerbsarbeit, aber auch Kontakthäufigkeit und Gesundheitszustand sichtbar werden.  

Schlussfolgerungen: Distance Caregiving erweist sich als ein Phänomen von zunehmender Relevanz – angesichts einer erhöhten Mobilität am Arbeitsmarkt und in den Familien. Diese zunehmende Bedeutung zeigt sich auch in den europäischen Daten des SHARE – eine vertiefende Betrachtung sowie multiperspektivische Untersuchungen sind jedoch weiterhin notwendig.

15:45
Distance Caregiving – Was sagen die pflegenden Angehörigen?
S19-21-02 

P. M. Jann, J. Myrczik, A. Zentgraf, K. van Holten; Ludwigsburg, Berlin, Zürich/CH

Angehörige vor Ort, die bereit und in der Lage sind, sich hauptverantwortlich zu kümmern und zu pflegen, werden z.B. infolge neuer Familienformen und steigender Mobilität immer mehr zur knappen Ressource.

Aber: viele Menschen pflegen heutzutage ihre sozialen Beziehungen über räumliche Distanzen hinweg. Und: viele tun dies als sog. Distance Caregiver auch dann, wenn Betreuungs- oder Pflegebedarf bestehen. Allerdings ist bisher wenig über dieses Phänomen bekannt. Nach wie vor dominiert der wissenschaftliche wie auch der versorgungsspezifische Blick auf die betreuenden Angehörigen vor Ort. Dass Angehörige oft auch aus geografischer Distanz in Pflege und Betreuung engagiert sind, ist im deutschsprachigen Raum (im Unterschied zum englischsprachigen) weder in der wissenschaftlichen noch in der versorgungs-praktischen Diskussion um pflegende Angehörige angekommen.

Das binationale Forschungsprojekt ‚Distance Caregiving – Pflege und Hilfepotenziale über nationale Distanzen und internationale Grenzen hinweg‘ (2016-2019) schließt somit eine wichtige Lücke.

In diesem Beitrag steht die Perspektive von Distance Caregivern in Deutschland und der Schweiz im Zentrum. Basierend auf der Analyse von 49 leitfadengestützten Interviews (35 in Deutschland, 14 in der Schweiz) mit Distance Caregivern diskutiert der Beitrag, was Angehörige aus der Distanz leisten, welche Strategien sie entwickeln und welche Rahmenbedingungen – beruflich, gesamtgesellschaftlich oder auch versorgungsspezifisch – sie als hemmend oder förderlich erfahren. Diese Ergebnisse aus der qualitativen Inhaltsanalyse der Interviews sowie aus der qualitativen Netzwerkanalyse zeigen deutlich, dass Distance Caregiver vielfältige und wichtige Sorge-Arbeiten (aus Distanz und Vor-Ort) übernehmen und dabei mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert sein können. Entsprechend formuliert der Beitrag erste Hinweise und mögliche Maßnahmen, wie die Situation von Distance Caregivern verbessert oder unterstützt werden kann. Diese zielen auf die Sensibilisierung der Arbeitswelt, aber ebenso auf die Institutionen der häuslichen und stationären Versorgung sowie auf das private Umfeld.

 

16:00
Zwischen Tabu und HR-Strategie – Distance Caregiving aus betrieblicher Perspektive
S19-21-03 

B. Kramer; Heidelberg

Fragestellung: Das DiCa-Projekt untersucht den Aspekt des „Distance Caregiving“ aus verschiedenen Blickwickeln und schließt auch die betriebliche Perspektive mit ein. Aufgrund des demografischen Wandels und erhöhter Arbeitsmarktmobilität müssen auch immer mehr Betriebe ihre pflegenden Mitarbeitenden im Blick haben. Bestehende Maßnahmen und Instrumente zur verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Pflege müssen dahingehend geprüft und ggf. angepasst werden, inwieweit sie auch „Distance Caregiver“ im Unternehmen in ihrer Sorgearbeit unterstützen.

Methodik: In fünf Partnerbetrieben (drei Wirtschaftsunternehmen, zwei Träger aus der Gesundheitsversorgung) wurden jeweils N=4-6 leitfadengestützte Experteninterviews (HR-Bereich, Geschäftsleitung, Führungskraft, Mitarbeitendenvertretung; Pflegedienstleitung) durchgeführt. Die Interviews wurden regelgeleitet transkribiert und mittels deduktiver und induktiver Kategorienbildung qualitativ ausgewertet. Auf Grundlage der Erkenntnisse aus den Interviews wurden zudem individuelle Workshops zusammen mit den Partnerbetrieben konzipiert, die die Situation von pflegenden Mitarbeitenden in den jeweiligen Bertrieben nachhaltig verändern und verbessern sollen.

Ergebnisse: Die Partnerbetriebe hatten die besonderen Herausforderungen von „Distance Caregiving“ bisher noch nicht explizit im Fokus, auch wenn sie bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gut aufgestellt waren. Es hat sich zudem gezeigt, dass Pflege immer noch ein Tabuthema zu sein scheint, was einen hohen Sensibilisierungsbedarf aller Beteiligten (Geschäftsleitung, Führungskräfte, Mitarbeitende) suggeriert. Optimierungsmöglichkeiten bestehen zusätzlich im Bereich Kommunikation und Informationsvermittlung. Die in den Unternehmen veranstalteten Workshops wurden sehr positiv evaluiert und führten bereits zu konkreten Bemühungen, Pflegethemen zu etablieren und erste konkrete Maßnahmen anzustoßen.  

Schlussfolgerungen: Der zu erwartenden steigenden Zahl von „Distance Caregivern“ müssen sich alle Beteiligten stellen. Pflegende Mitarbeitende und Verantwortliche im Unternehmen müssen gemeinsam eine pflegesensible Unternehmenskultur etablieren, wo Pflegethemen enttabuisiert und Maßnahmen angepasst werden und dennoch individuelle Lösungen möglich sind, um so den spezifischen Herausforderungen von „Distance Caregiving“ begegnen zu können.

16:15
Pflege auf Distanz – ein Thema bei sozialpolitischen Akteur*innen?
S19-21-04 

J. Myrczik, K. van Holten; Berlin, Zürich/CH

Dieser Beitrag geht der Frage nach wie präsent das Thema der Pflege und Betreuung auf Distanz in der Arbeit von sozialpolitischen Akteur*innen in Deutschland und der Schweiz ist. Die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Thema zeigen eine Bandbreite an Annahmen zu Pflege auf Distanz. Zudem werden Probleme in der sozialen Sicherung von Betroffenen sichtbar gemacht sowie mögliche Strategien zur Sensibilisierung des Themas aufgezeigt.

Die Grundlage bilden qualitative Interviews mit zehn Expert*innen (Deutschland N=6, Schweiz N=4) aus dem sozialen und pflegerischen Bereich in Deutschland (Fachverbände, Ministerien, Arbeitgeberverbände, sozialpolitische Initiativen) und der Schweiz (Bundesamt für Gesundheit, der Familienkommission, der Schweizerischen Vereinigung für Sozialpolitik sowie Schweizer Gewerkschaftsbund).

Obgleich die verschiedenen Expert*innen über sehr profunde Kenntnisse beim Thema Pflege verfügen, zeigen die Interviews, dass die Besonderheiten der Pflege auf Distanz bei sozialpolitischen Akteur*innen bisher nur wenig mitgedacht werden. Aufgrund persönlicher Betroffenheit der Expert/innen selbst oder nahestehender Personen wurden bereits erste Erfahrungen mit der Thematik gemacht. Leistungen der Angehörigen wie auch Herausforderungen wurden vereinzelt genannt. Im gesellschaftlichen Diskurs scheint das Thema als klar erkanntes Phänomen bislang nicht angekommen, wenngleich im Rahmen der Interviews Interesse am Thema geäußert wurde. Als ein aktuelles Problem greifen die Interviews die fehlende soziale Sicherung von Angehörigen, die über die räumliche Entfernung pflegen auf. Dies vor dem Hintergrund, dass bei Distance Caregiving infolge erhöhter Reise- und Kommunikationskosten von einer verstärkten finanziellen Belastung ausgegangen wird. Weiter wurde darauf hingewiesen, dass die derzeitige Definition von Pflege diese Gruppe der pflegenden und betreuenden Angehörigen nicht einschließt bzw. die Vielfalt von unterschiedlichen Leistungen, die Angehörige eben auch auf Distanz erbringen unzureichend erfasst.

16:30
Technische Lösungen im häuslichen Setting zur Unterstützung von Pflege und Sorge über eine räumliche Distanz
S19-21-05 

U. Otto, A. Hegedüs; Zürich/CH

AUSGANGSLAGE:(1) Die meist mit "Pflege" verstandenden Handreichungen oder körpernahe Hilfen können "Distance Caregivers" nicht leisten. Aber viele andere
Unterstützungsformen können vor Ort als auch auf Distanz geleistet werden - sowohl Zuwendung, persönliche Stärkung, Management- und tangible Hilfen.
(2) Wo physische Anwesenheit fehlt, ermöglichen heute viele Hilfsmittel aus AAL+IT dennoch wirkungsvolles Unterstützen aus der Distanz. Sie sind aber empirisch nur homöopathisch im Alltag von DiCas angekommen.
(3) Insgesamt bei DiCa: die Angehörigen sehen sich zusätzlichen Herausforderungen gegenüber, auf den Ebenen (a) Beziehungsgestaltung, (b)
Sachthemen sowie work&Care, (c) Kollaborationsgeslaltung.
(4) Ausgangshypothese: Werden die o.g. Heauforderungen nicht gut gemeistert, führt das zu negativen Folgen bei Gepflegten, Angehörigen und Arbeitgebern. Dies muss beim Technikeinsatz reflektiert werden:
(a) suboptimaler Mobilisierung des Distanz-Unterstützungspotenzials,
(b) mehr Stress, Erschöpfung, emotionalen Belastungen bei den Betroffenen,
(c) Krankheits-/Abwsenheitstagen sowie verringerter Produktivivät im Job.
(5) Ziele von Technikunterstützung im Distance Caregiving sind wesentlich KOMMUNIKATION (Koordination der Versorgung, Kommunikation mit Fachpersonen, Beschaffung von Informationen, Einbezug in die Behandlung und Entscheidungen) sowie MONITORING (Einschätzung der Qualität der Versorgung, Einschätzung des Hilfebedarfs).
(6) Aufgrund der Reisen sind u.a. zu überwinden: zeitliche Einschränkungen sowie finanzielle Belastungen (Telefon, Reise, Internet, Abwesenheiten beim Arbeitsplatz)
Abwesenheit bei Arbeit
(7)SCHLUSSFOLGERUNGEN FÜR FACHPERSONEN+PRAXIS: Grundhaltung  einnehmen: Distance Caregiver sind aktive Player im Versorgungsnetz; Systematischen Einbezug in Entscheidungen, Behandlung, etc. ermöglichen;
Technische Möglichkeiten zur Kommunikation nutzen
FÜR FORSCHUNG+ENTWICKLUNG:
Distance caregiving & Technologie bewusst wahrnehmen
Betroffenenperspektive vermehrt in den Fokus stellen
Wie wirkt sich die Distanz auf die Pflegebedürftigen aus?
Ängste/Bedürfnisse/Wünsche?
DER VORTRAG geht von einem sehr hohen ungenutzten Potenzial technischer Unterstützung von DiCa aus. Optimal wirksam wird es aber nur in massgeschneiderten Lösungen. Mit diesem Fokus diskutiert der Beitrag die Chancen und den möglichen Einsatz von neuen Technologien zur Unterstützung von Pflegearrangements über eine räumliche Distanz hinweg.

Diskutantin: J. Luig, Berlin

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