Donnerstag, 19.09.2019

13:30 - 15:00

R3

S19-16

Versorgung bei Demenz

Moderation: C. Vathke, Berlin

13:30
Gegenüberstellung von Verhaltens- und Ergotherapie bei Demenz in Vorbereitung einer interdisziplinären Intervention
S19-16-01 

L. Frankenstein; Chemnitz

Sowohl Ergo- als auch Verhaltenstherapie sind oftmals nicht Teil der Regelversorgung an Demenz Erkrankter und der Angehörigen, wenngleich beide Verfahren evaluiert sind und in der S3-Leitlinie empfohlen werden. Gegenüberstellende Literaturanalysen und Fokusgruppendiskussionen haben gezeigt, wie sehr und worin sich die Verfahren unterscheiden und dass sie sich befruchten und ergänzen können. Im Speziellen wurden vier ergo- und zwei verhaltenstherapeutische Interventionen betrachtet. Die sechs Programme ähneln sich bezüglich des Settings sowie des inhaltlichen Aufbaus: Sie sind nichtmedikamentös, klientenzentriert, werden ambulant durchgeführt und beziehen die pflegenden Angehörigen mit ein. Der Therapie geht eine inhaltliche Einführung voraus sowie die Analyse des Ist-Zustandes, aus der eine Zielvereinbarung resultiert. Mit dem Ziel, die Selbstständigkeit der Betroffenen zu erhalten, werden in ergotherapeutischen Programmen jedoch alltagspraktische Schwerpunkte gesetzt, wie Betätigungen und Umweltanpassung. Dahingegen soll mit Hilfe verhaltenstherapeutischer Interventionen durch den Einsatz kognitiver Techniken, wie Alltagsstrukturierung und Biografiearbeit, die Sekundärsymptomatik reduziert werden. Die inhaltlichen Unterschiede sind auf theoretische Grundlagen der Professionen zurückzuführen. Für die Verhaltenstherapie sind Lerntheorien und kognitive Techniken von Bedeutung. Ergotherapie hingegen fußt auf Umwelttheorien und der Idee einer Befähigung zur Betätigung. Der Vergleich der Therapieformen mit Therapeutinnen beider Professionen im Rahmen von drei Fokusgruppendiskussionen hat die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der Verfahren bestätigt. Gleichzeitig wurden Parallelen in den Abläufen gefunden und festgestellt, dass sich auch die Anforderungen an Therapeut_innen zu einem großen Teil überschneiden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Verbindung der Ansätze zu einer interdisziplinären Intervention eine wertvolle Bereicherung des bestehenden Therapieangebotes wäre. Die Expert_innen sprachen sich mehrheitlich gegen eine umfassende Weiterbildung der jeweils anderen Berufsgruppe auf ihrem Spezialgebiet aus, begrüßten jedoch die Bestrebung verstärkter Zusammenarbeit in Form der Kooperation beider Professionen. Derzeit entsteht ein Manual, in dem verhaltenstherapeutische um ergotherapeutische und aktivierende Elemente ergänzt werden. Dieser Ansatz soll in einem nächsten Schritt implementiert und evaluiert werden.

13:50
Aufsuchende psychosoziale Unterstützung bei Demenz durch Pflegeexpert*innen: Ergebnisse einer Pilotstudie im ländlichen Raum
S19-16-02 

E. Berkemer, M. Bär; Ludwigshafen, Heidelberg

Dieser Vortrag entfällt leider.

Fragestellungen: Die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, eine stabile häusliche Versorgungssituation zu etablieren und die gemeinsame Alltagsbewältigung zu fördern. Insbesondere im ländlichen Raum stellt die Bereitstellung entsprechender Angebote eine Herausforderung dar. In dieser Studie wurde ein aufsuchendes dyadisches Unterstützungsprogramm für Menschen mit Demenz und Angehörige (Häußler et al., 2010) erstmals durch Pflegeexpert*innen durchgeführt. Fragestellungen des Beitrags sind:

  • Erleben die Dyaden durch das Programm eine wirksame Hilfe?
  • Erweist es sich als ein passendes Angebot für ländliche Regionen?
  • Kann das ursprünglich für Therapeut*innen entwickelte Programm von Pflegeexpert*innen durchgeführt werden?

Methode: Vorgestellt werden Ergebnisse einer qualitativen Evaluation mit multiperspektivischem Ansatz. Mit 11 Dyaden wurden episodische Interviews geführt, ergänzt durch Focusgruppen (Angehörige, Pflegeexpert*innen). Die Auswertung erfolgte mittels Qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring, 2015), für weitergehende Analysen wurde der Dokumentarische Ansatz (Nohl, 2017) herangezogen.

Ergebnisse: Das Programm fand auf Seiten der Dyaden eine hohe Akzeptanz. Dabei profitieren die Teilnehmenden, abhängig von verschiedenen Aspekten – z. B. Dyadenbeziehung, Demenzschweregrad – in unterschiedlicher Weise. Das dyadische Setting wird überwiegend als hilfreich angesehen. Von entscheidender Bedeutung sind der aufsuchende Ansatz und das Vertrauens- und Kooperationsverhältnis zwischen Dyaden und Pflegeexpert*innen.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse zeigen, dass sich Lebenssituationen bei Demenz durch das pflegegeleitete Programm verbessern lassen. Fraglich ist, ob eine zeitlich limitierte Unterstützung über den gesamten Krankheitsverlauf trägt. Die Möglichkeit der Folgebetreuung sollte gegeben sein.

Das Programm kann durch Pflegeexpert*innen angewendet werden, der Professionswechsel kann sogar von Vorteil sein. Anwendende benötigen dafür spezifische erweiterte Kompetenzen.

Der aufsuchende Ansatz ist für den ländlichen Raum entscheidend. Über den Fokus der Studie hinaus verweisen die Ergebnisse auf die Notwendigkeit einer mehr aufsuchenden Versorgung von Menschen mit Demenz, um Stress zu reduzieren und Identitäts- und Handlungsressourcen zu stärken.

14:10
Die Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen durch Türkei-stämmige Menschen mit Demenz
S19-16-03 

J. Monsees, T. Schmachtenberg, W. Hoffmann, J. R. Thyrian; Greifswald

Hintergrund: Die ältere Bevölkerung von Menschen mit Migrationshintergrund (MmMH) steigt an. Daher kann davon ausgegangen werden, dass auch der Anteil von älteren Menschen mit Migrationshintergrund und einer Demenz ansteigt (MmMHD). In Deutschland leben ca. 208.000 Türkei-stämmige Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, von denen schätzungsweise 8.900 Menschen eine Demenz aufweisen (Monsees et al., 2018). Demenz ist unterdiagnostiziert in der deutschen Bevölkerung (Eichler et al., 2015), was bei MmMH noch ausgeprägter der Fall sein könnte, d. h. ein großer Teil von MmMHD und deren familiäre Pflegepersonen werden nicht durch das Versorgungssystem unterstützt. Es ist bekannt, dass diese Population Versorgungsangebote seltener nutzt (Lindert et al., 2008), was bedeutet, dass sie kaum in der Versorgungslandschaft integriert ist.

Fragestellung: Hemmende und fördernde Faktoren der Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen durch MmMH und familiäre Pflegepersonen und was getan werden kann, um die Inanspruchnahme zu steigern, werden untersucht.

Methode: Es wurden acht semi-strukturierte Interviews mit Türkei-stämmigen MmMH geführt, die ein Familienmitglied mit einer Demenz versorgen. Die Interviews wurden anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.

Ergebnisse: Die Hauptbetreuung liegt meist bei einer Person, die von weiteren Familienmitgliedern unterstützt wird. Vor der Pflegeübernahme lag ein geringes Wissen über Demenz und Versorgungsangebote vor. Teilnehmer erfahren ähnliche Herausforderungen bei der Betreuung wie die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Die Teilnehmer nutzen bzw. nutzten Versorgungsangebote und wünschen sich, dass Informationen leichter zugänglich wären und Versorgungangebote die türkische Kultur mehr berücksichtigen würden.

Diskussion: Eine generelle Bereitschaft Versorgungsangebote zu nutzen liegt vor, aber Informationen darüber sollten leichter erreichbar sein und Versorgungsangebote sollten die türkische Kultur berücksichtigen. Dies würde helfen, Hemmungen abzubauen und dazu führen, dass Betroffene sich verstandener und wohler fühlen und aus ihrer Reserve herauskommen. Dadurch können Inanspruchnahme und Zufriedenheit gesteigert werden. Als Limitation sollte beachtet werden, dass die Teilnehmer bereits im Versorgungssystem integriert und sehr proaktiv sind, was vielleicht nicht repräsentativ für die gesamte türkische Gemeinde ist.

14:30
Demenz als gerontologische Konstruktion
S19-16-04 

T. Sollfrank, S. Pohlmann; München

Demenz ist Gegenstand heterogener und kontroverser Auseinandersetzungen und Diskurse in Wissenschaft, Politik, Massenmedien und der breiten Öffentlichkeit. Diskutiert wird neben möglichen Ursachen und Symptomen auch die Frage nach der geeigneten Versorgung und diejenige des richtigen gesellschaftlichen Umgangs mit dieser Erkrankung. Im Zusammenhang mit letzterem wird dabei die Bedeutung der sozialen Konstruktion und des sich daraus ergebenden, vorherrschenden Bildes und Verständnisses von Demenz betont. Unhinterfragt wird oftmals festgestellt, in Politik und Massenmedien, aber auch in der Wissenschaft würde sich ein vorwiegend auf medizinische Aspekte reduziertes Bild reproduzieren. Notwendig sei dagegen ein gerade die Personen mit Demenz selbst berücksichtigendes Verständnis zu entwickeln.
Nicht berücksichtigt wird von diesen sozialgerontologischen Problemdiagnosen bislang, dass auch dieses Argumentationsmuster selbst Teil und Ausdruck solcher Konstruktionsprozesse ist. Es ist insofern fraglich, ob das vorherrschende Bild und Verständnis von Demenz tatsächlich auf Medizinisches reduziert ist. Auf diesen potenziellen Mangel fokussiert der vorliegende Beitrag. Er geht der Fragestellung nach, in Form welcher typischen Muster, Abläufe und Prozesse sich Sinn und Bedeutung von Demenz (re-)produzieren und berücksichtigt dabei insbesondere den reflexiven Charakter der heutigen, modernen, längst soziologisch aufgeklärten Gesellschaft (Latour), die um ihre eigene soziale Konstruktion weiß.
Der Fokus des empirischen Blickes liegt auf dem sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Fachdiskurs. Mittels eines diskurs- bzw. dispositivanalytischen Vorgehens werden Texte dieses Diskursstranges der letzten 15 Jahre analysiert, um eine Typologie entsprechender Argumentationsmuster thematischer Rahmungen von „Demenz“ zu erarbeiten. Vorgestellt werden sollen neben einer ersten Aufstellung typischer thematischer und argumentativer Rahmungen von „Demenz“ innerhalb des sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Fachdiskurses auch der Prozess der Korpusbildung. Aus dem dabei vollzogenen Erfassen und Eingrenzen dieses systematisch zu analysierenden Fachdiskursstranges konnte ein, weitere zentrale Erkenntnisse lieferndes Abbild gesellschaftlicher Thematisierungen von Demenz in daran angrenzenden Themenbereichen gewonnen werden. Entsprechende Implikationen werden mit dem Plenum diskutiert.

Zurück