Freitag, 20.09.2019

09:30 - 11:00

R110

S20-07

Versorgung und Teilhabe im Quartier - Beiträge stationärer Pflegeeinrichtungen

Moderation: K. Hämel, Bielefeld; H. Brandenburg, Vallendar

Bereits seit den 1980er-Jahren ist die Öffnung von Heimen Leitbild für die Weiterentwicklung stationärer Altenhilfeeinrichtungen; ihre Entfaltung ist dennoch hürdenreich. In Studien wurden als Barrieren u. a. eine fehlende Partizipationskultur in den Heimen, die gewachsene Vulnerabilität von Personen in Pflegeheimen (Heime als Sterbehäuser) und starre sektorale Leistungslogiken beschrieben. Demgegenüber wurden Ansätze der Heimöffnung ausgehend von zwei Impulsen im letzten Jahrzehnt gestärkt und ausdifferenziert:

Zu nennen sind zum einen die altenpolitisch forcierte ‚Quartiersentwicklung‘ als Querschnittsaufgabe zur Neuausrichtung der Altenhilfe und -pflege, die sich auch in zahlreichen Projekten der Quartiersentwicklung in der Sozialen Gerontologie und Altenarbeit spiegelt. Auch stationäre Pflegeanbieter beteiligen sich zunehmend als (Mit-)Verantwortliche für eine gelingende sozialraumorientierte Versorgung und Teilhabe alter und pflegebedürftiger Menschen im Quartier.

Zum anderen ist der Ausbau sektorenübergreifender Versorgungsmodelle auf die gesundheitspolitische Agenda gelangt (z.B. Bund-Länder-Arbeitsgruppe Sektorenübergreifende Versorgung). Sektorenübergreifende Versorgungsmodelle sind gerade auch in der Langzeitversorgung wichtig, um auf das komplexe Problem ‚Pflegebedürftigkeit‘ angemessen reagieren zu können. Stationäre Pflegeanbieter haben begonnen, nach Möglichkeiten zu suchen, ihr Angebotsspektrum auch für Menschen, die in eigener Häuslichkeit leben, zugänglich zu machen; hier stellt sich speziell die Frage, inwiefern in diesem Kontext Versorgungsbrüche zwischen ambulant und stationär abgemildert werden können.

Heime, die sich für und in den Sozialraum öffnen möchten, zielen sowohl auf eine Verbesserung der Teilhabechancen alter und pflegebedürftiger Menschen im Sozialraum, als auch auf mehr Versorgungskontinuität über Sektorengrenzen hinweg – dies verdeutlichen auch die Zielsetzungen der drei in diesem Symposium referierten Entwicklungs- und Forschungsprojekte aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. In drei Kurzvorträgen werden im Symposium ausgewählte Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung – je zu einem Teilaspekt von ‚Heimöffnung‘ – vorgestellt. Anschließend wird Christian Bleck mit einem Kommentar in die Diskussion überleiten, wobei er die Öffnung von Altenhilfeeinrichtungen und altengerechte Quartiersentwicklung mit dem breiteren Diskurs um Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit in Beziehung setzt.

09:30
Gut alt werden in Rheinland-Pfalz (GALINDA) – Zusammenhänge zwischen Organisations-kultur und Quartiersöffnung
S20-07-01 

H. Brandenburg, J. Bauer; Vallendar

GALINDA ist ein auf zweieinhalb Jahre angelegtes empirisches Forschungsprojekt der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV), welches vom Sozialministerium in Rheinland-Pfalz gefördert wird (Projektende: 30.11.2019). Vor dem Hintergrund einer sich veränderten Pflegeheimlandschaft wurde danach gefragt, inwieweit sich Pflegeheime im Hinblick auf die Quartiersöffnung „neu“ aufstellen. Dabei lag der Fokus auf dem Zusammenhang von Organisationskultur und Quartiersöffnung. Unter dem zuerst genannten Begriff wurden vor allem die dinglich-räumliche Umwelt in den Heimen, die Interaktionsstrukturen sowie die dem Habitus der Professionen zugrunde liegenden Werte und Grundprämissen verstanden. Die Quartiersöffnung wurde in vier Varianten differenziert, der sich jeweils zwei Formen einer Öffnung fürund zum Quartier (mit Fokus auf die Bewohner in und außerhalb der Pflegeeinrichtung) zuordnen lassen. Die Theoriekonzepte orientierten sich an der Habitus-, Netzwerk- und (systemtheoretischen) Organisationsforschung. GALINDA besteht aus einer qualitativen und einer standardisierten Online-Befragung aller Heime in Rheinland-Pfalz. Berichtet werden im Workshop ausschließlich die qualitativen Befunde, die auf der Grundlage von 56 Einzelinterviews, neun Gruppendiskussionen und mehreren teilnehmenden Beobachtungen in drei Pflegeeinrichtungen generiert wurden. Befragt wurden obere und mittlere Leitungsebene, Mitarbeiter verschiedener Professionen, Bewohner, Angehörige und Kooperationspartner im Quartier. Es wurde herausgearbeitet, welche konzeptionellen Überlegungen bzgl. der Quartiersöffnung in den Heimen bereits vorliegen, welche Erfahrungen mit der Öffnung gemacht wurden (im Hinblick auf Barrieren und fördernde Merkmale), welche Netzwerke (nachhaltig) etabliert werden konnten (vor allem in der Zusammenarbeit mit der Kommune). Es zeigte sich, dass a) unterschiedliche Perspektiven der vor Ort Verantwortlichen rekonstruierbar, b) ungenutzte Potentiale bei den „Stellschrauben“, vor allem bzgl. der Multidisziplinarität, den eingesetzten Ressourcen sowie der Nutzung der Kompetenzen und Kooperationsbereitschaft im Quartier, vorhanden und c) eine noch (unterentwickelte) interne und externe Unterstützungskultur für eine Quartiersöffnung mit „Tiefenbohrung“ beobachtbar waren. Die empirischen Befunde werden diskutiert, und zwar einerseits im Licht der Historie der Heime (als Exklusionsinstanzen) und andererseits unter Teilhabeaspekten und Inklusion.

10:00
Bedürfnis- und Bedarfsdeckung von älteren Menschen im Quartier. Evaluation eines sektorenverbindenden Versorgungskonzeptes aus Sicht der Nutzenden
S20-07-02 

I. Hartwig, M. Halek, B. Albers, A. Bleckmann; Witten, Köln

Trotz diverser Versorgungsangebote im häuslichen Bereich, werden diese häufig nicht von Menschen mit Unterstützungsbedarf und ihren Familien in Anspruch genommen; an anderen Stellen kommt es zu einer Fehl- bzw. Überversorgung.

In NRW reagiert ein kommunaler Träger der stationären Altenhilfe (Städtische Seniorenheime Krefeld (SSK)) auf diese Entwicklungen, indem er in den Quartieren, in denen seine vier Einrichtungen liegen, als innovativer Gesamtversorger auftritt. Unter dem Motto „Vielfalt aus einer Hand“ bietet der Träger auf Grundlage eines Gesamtversorgungskonzeptes (GVK gem. §72 SGB XI) mit seinem bestehenden Personal aus dem stationären Bereich in ihren Quartieren den Kund*innen eine breite Angebotspalette von ambulanten, teilstationären bis hin zu Leistungen der stationären Altenpflege. Hierbei haben die SSK den Anspruch, den Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen und Bedarfen in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen und verfolgt die Vision einer sektorenverbindenden Versorgung.

Die Bewertung dieses Konzeptes erfolgte anhand einer multiperspektivischen Evaluationsstudie (Förderung durch Stiftung Wohlfahrtspflege NRW). Eine der vier Perspektiven befasste sich mit den ambulanten Kunden und befragte diese und ihre versorgenden Angehörigen über einen Zeitraum von 1,5 Jahren bis zu dreimal hinsichtlich der erlebten Bedarfsgerechtigkeit und Passgenauigkeit der Versorgung mithilfe standardisierter Instrumente (n=30) und episodischer Interviews (n=13). Die Analyse der quantitativen Daten erfolgte rein deskriptiv; die der Interviews mittels Thematischen Kodierens. Im Anschluss erfolgte die Synthese der Ergebnisse.

Die befragten Familien empfinden die Versorgung durch den Gesamtversorger größtenteils als bedarfs- und bedürfnisgerecht. Sie geben aber auch deutliche Hinweise, dass höhere Passgenauigkeit der Angebote gewünscht ist. Eine Möglichkeit diesem Wunsch entgegenzukommen, ist die Identifizierung expliziter und impliziter Bedürfnisse und Bedarfe. Vorab muss jedoch deutlich geklärt werden, bis zu welchem Grad den Bedürfnissen durch den Versorger begegnet werden kann. Quartiersnahe Gesamtversorgungskonzepte verfügen über das Potential das Gesundheitssystem zu optimieren und können einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Bedarfsgerechtigkeit innerhalb häuslicher Versorgungsarrangements leisten.

10:30
Pflege stationär - Weiterdenken: Ausdifferenzierung von Nutzergruppen und Versorgungsarrangements
S20-07-03 

K. Hämel, J. Vorderwülbecke, M. Heumann, G. Röhnsch; Bielefeld

Ziel des von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW geförderten Modellprojekts „Pflege stationär – Weiterdenken!“ ist es, Pflegeheime zu Quartiers- und Gesundheitszentren weiterzuentwickeln, die sich primär an alte Menschen im Umfeld richten. Die Modelleinrichtungen integrieren neben stationärer Langzeit- und Kurzzeitpflege auch offene und teilstationäre Angebote und sollen den Bedarf im Quartier decken. Der Beitrag fokussiert die Teilfrage, welche Vorteile und Herausforderungen das Modell mit Blick auf unterschiedliche Nutzergruppen bietet.

Es wurden 79 Interviews mit 85 Personen geführt: In der ersten Phase der Datenerhebung wurden leitfadengestützte Interviews mit 20 Expert*innen (Fachkräfte in den Einrichtungen, Partner auf Planungs- und Kooperationsebene) und episodische Interviews mit 26 Nutzer*innen geführt. In der zweiten Phase wurden – teils als Wiederholungsbefragung – 17 Expert*innen und 22 Nutzer*innen vertiefend interviewt. Die Auswertung aller Interviews er­folg­te mittels Thematischen Kodierens. Sichtweisen von Expert*innen und Nutzer*innen wurden abschließend triangulativ in Beziehung gesetzt.

Mit der Öffnung für alte Menschen, die in eigener Häuslichkeit leben, sind die Mitarbeitenden der Einrichtungen gefordert, ihre Unterstützung auf vielfältigere Bewältigungsmuster von und Versorgungsarrangements bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit zu beziehen. Als Vorteil wird von Nutzer*innen und Expert*innen übereinstimmend das hohe Maß an Versorgungssicherheit und eine auf Kontinuität ausgerichtete Versorgung, die auch bei fortschreitendem, intensivem Pflegebedarf greifen soll, angesehen.

Die Expert*innen beschreiben den Anspruch der Einrichtungen, Menschen, die sich in der Lebensphase Alter befinden, trotz ihrer Heterogenität sozial integrierend zusammenzubringen. Auch die Nutzer*innen sehen die Pflege sozialer Kontakte in den Einrichtungen als wesentlich. Allerdings steht die integrative Versorgung im Spannungsfeld zur Vorstellung, Angebote auf individuelle Bedürfnisse ‚passgenau‘ abzustimmen. Während dies nach Ansicht der Expert*innen für alle Nutzergruppen herausfordernd sein kann, verdeutlichen die Interviews mit Nutzer*innen, dass speziell Heimbewohner*innen Angeboten, die sie gemeinsam mit Tagespflegegästen wahrnehmen, ambivalent gegenüberstehen können.

Fazit: Pflegeanbieter, die sich für den Sozialraum öffnen, stehen vor der Herausforderung, vielfältigere Lebenswelten und Versorgungsarrangements von Nutzer*innen zu berücksichtigen.

Diskutanten: C. Bleck, Düsseldorf; C. Kricheldorff, Freiburg

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