Freitag, 20.09.2019

09:30 - 11:00

R6

S20-03

Versorgungsforschung im Alter - ein Blick auf besondere Teilhabebarrieren

Moderation: A. L. Roemer, Münster

Das Institut für Teilhabeforschung an der Katholischen Hochschule NRW mit ihren Standorten in Köln, Aachen, Münster und Paderborn, beschäftigt sich in unterschiedlichen Schwerpunkten mit Fragen nach Teilhabebarrieren und –chancen.

In den fünf Themenschwerpunkten des Instituts (1) Sozialraumorientiertes Wohnen von Menschen mit Behinderung, (2) Palliative Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung, (3) Sexuelle Selbstbestimmung von Frauen und Männern mit Behinderung / Unterstützte Kommunikation in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, (4) Migrant_innen im Alter - Inanspruchnahme von sozialen Dienstleistungen durch ältere Menschen mit Migrationserfahrungen und (5) Häusliche Versorgungsstrukturen für Menschen mit geriatrischem Unterstützungsbedarf und deren Angehörige unter besonderer Berücksichtigung des ländlichen Raums, werden unterschiedlichste Perspektiven abgebildet.

In den Beiträgen des Symposiums werden verschiedene Aspekte der Versorgungsforschung rund um Lebenslagen und Lebensbedarfe älterer Menschen und deren Angehörige sowie besondere Belastungssituationen in den Blick genommen.

In zwei Beiträgen geht es um Projekte, die die Situation pflegender und versorgender Angehöriger beleuchten. Der Fokus im PfADe Projekt liegt dabei auf der Analyse der Beziehungskonstellationen versorgender Angehöriger (vA) und Menschen mit Demenz (MmD), um passgenaue Entlastungs- und Unterstützungsangebote für die jeweiligen Versorgungsarrangements zu entwickeln.

Das zweite Projekt beschäftigt sich mit dem Belastungserleben und Unterstützungsbedarfen pflegender Angehöriger. Es werden die mit der Pflegeübernahme verbundenen gesundheitlichen Risiken sowie mögliche Problemfelder der Stresskompensation, u.a. der problematische Konsum von Suchtmitteln, thematisiert. Zusammen mit dem Plenum soll diskutiert werden, inwiefern bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote noch stärker an die individuellen Bedürfnisse pflegender Angehörige angepasst werden können.

Im dritten Beitrag des Symposiums werden die Ergebnisse einer Befragung von Leitungskräften gemeindepsychiatrischer Angebote dargestellt. Im Fokus der Befragung stand die aktuelle Versorgungssituation von Menschen im Alter mit einer lebensbegleitenden psychischen Beeinträchtigung.

Als vierte Perspektive soll die Situation von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter vorgestellt werden. Erste Eindrücke aus dem laufenden PiCarDi Projekt und eine Betrachtung des §132g SGB V werden hier die Grundlage sein.

09:30
Dyadische Beziehungskonstellationen von versorgenden Angehörigen von Menschen mit Demenz. Ergebnisse einer Latenten Clusteranalyse des Modellprojekts PfADe.
S20-03-01 

L.-M. Verhaert; Köln

Einleitung/Hintergrund: Etwa drei Viertel der derzeit 1,6 Millionen Menschen mit Demenz (MmD) leben in der eigenen Häuslichkeit. Die Übernahme häuslicher Versorgungsaufgaben stellt für versorgende Angehörige (vA) oft eine Belastungssituation dar, die krankmachen kann. Häufig berichten die vA über physische und psychische Beschwerden, Konflikte oder die Vernachlässigung sozialer Kontakte. Die vA von MmD stehen demnach einem großen Risiko selbst zu erkranken gegenüber. Die Belastung von vA kann sich in Folge negativ, hinsichtlich Stabilität und Qualität der Versorgung, auf das häusliche Versorgungsarrangement auswirken und damit auch einen negativen Einfluss auf das Wohlbefinden des MmD haben. Daher beschäftigt sich die Studie mit der Fragestellung: mittels welcher Merkmale lassen sich die Versorgungsarrangements und Bedarfe von vA-MmD-Tandems sozial- bzw. milieuspezifisch in einer Typologie valide abbilden?

Methode: In dem Projekt PfADe wird mittels einer Sekundäranalyse von bereits erhobenen Datensätze (Tandem Studie: n = 40, DemNet: n = 540; Altersurvey n= Unbekannt) Typologien von vA-MmD- Paaren entwickelt. Die in der Tandem-Studie entwickelte Typologie wird auf Basis der DemNet-Daten weiterentwickelt. Die neue Typisierung wird auf der Grundlage des DEAS-Datensatzes (Alterssurvey) validiert. Mittels der Latent Gold 5.1 Software wurde die Latente Klassenanalyse durchgeführt.

Ergebnis: Basierend auf dem Bayesianisches Informationskriterium (BIC) und gründlicher Interpretationen, wurde ein 6-Cluster-Modell identifiziert. Diese 6-Cluster (Typen) lassen sich signifikant hinsichtlich der Beziehungskonstellation, Geschlecht und Alter voneinander abgrenzen. Zudem wird die Korrelation zwischen den Clustern und den outcomes, wie z.B. Lebensqualität, soziale Zugehörigkeit und Angehörigen Belastungen aufgezeigt.

Diskussion: Um eine umfassendere Beschreibung der häuslichen Versorgungssituation von MmD und vA zu erhalten, muss zukünftig die spezifische dyadische Struktur zwischen vA und MmD mehr berücksichtigt werden. Weitere Forschung ist notwendig, um die Beziehungsmerkmale der vA-MmD-Dyade stärker in den sozialen Kontext einzubetten als auch die Implikationen für eine bessere Personen-zentrierte Versorgung und Unterstützungsstrukturen, insbesondere in der häuslichen Versorgung, für die verschiedenen Versorgungstypen in der vA-MmD Dyade gewährleisten zu können.

09:50
Pilotstudie zur gesundheitlichen Situation, zum Belastungserleben und zum Suchtmittelkonsum von pflegenden Angehörigen
S20-03-02 

J. Herrlein, U. Kuhn; Paderborn

Einleitung: Immer noch wird der Tatsache zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, dass pflegende Angehörige im Vergleich zu Nichtpflegenden zu höheren Anteilen gesundheitlichen Einschränkungen und psychischen Belastungen ausgesetzt sind (Wetzstein et al. 2015). Je nach Belastungskonstellation können gesundheitsgefährdende Problembewältigungsstrategien ausgelöst werden, weshalb pflegende Angehörige potentiell suchtgefährdet sind. Diese Pilotstudie hatte zum Ziel, die subjektive Gesamtbelastung von pflegenden Angehörigen im Zusammenhang mit möglichen Problemfeldern der Stresskompensation zu untersuchen.

Methode: Vom 24. Januar bis 05. April 2019 wurden 71 Personen, die pflegebedürftige Angehörige betreuen, mithilfe eines eigens entwickelten Online-Fragebogens befragt. Neben soziodemographischen Merkmalen wurden u. a. die Pflege- sowie die Belastungssituation der Pflegeperson mittels Häusliche Pflege-Skala (HPS) erfasst. Ein Screening auf Alkoholabhängigkeit erfolgte mittels SMAST-G, auf Medikamentenmissbrauch mittels KFM. Zur Diagnostik psychischer Störungen wurde der PHQ-4 verwendet.

Ergebnis: Durchschnittlich pflegen die Befragten ihre Angehörigen seit 8,7 Jahren. Überwiegend sind demenzielle Erkrankungen dabei die Ursache der Pflegebedürftigkeit. Dabei erhält fast jede_r dritte Befragte keine Unterstützung. Die Schwerpunkte der körperlichen Belastungen liegen vor allem in den Bereichen Müdigkeit (96,9%), Niedergeschlagenheit (90,6%) und Schlaflosigkeit (84,8%), aber auch Rückenschmerzen (84,6%) werden häufig berichtet. Da erscheint es wenig überraschend, dass laut HPS keiner der Teilnehmenden eine niedrige Belastung aufweist, jeweils ca. die Hälfte ist mittelstark bzw. stark belastet (53,1% bzw. 46,9%). Im Hinblick auf depressive Störungen oder generalisierte Ängstlichkeit erreichen ebenfalls 53,1% bedenkliche Werte. Einen Hinweis auf Medikamentenabhängigkeit erreichen 26,8%, auf eine Alkoholabhängigkeit 21,9%. Nur 6,3% haben bisher Erfahrungen mit Suchtberatung gemacht, da nach eigenen Angaben (bisher) kein Bedarf bestand (88,7%).

Diskussion: Gesundheitliche Ressourcen der Pflegenden müssen gestärkt werden, um unvermeidbare Belastungen bewältigen zu können. Es sollten passgenauere Angebote entwickelt werden, die u. a. auch suchtbezogene Themen beinhalten. Hierfür ist es wichtig, die Angebote der Pflege- und Suchtberatung auszubauen und besser zu vernetzen.

10:10
Mehr Fragen als Antworten – Zur derzeitigen Versorgungssituation im Alter von Menschen mit einer lebensbegleitenden psychischen Beeinträchtigung aus Sicht von Leitungskräften gemeindepsychiatrischer Angebote
S20-03-03 

C. Rohleder; Münster

Einleitung: Der demographische Wandel macht auch vor den Einrichtungen der Gemeindepsychiatrie nicht halt. Vereinzelt liegen bereits deutschsprachige Studien zu den Versorgungsbedarfen von (älter werdenden) Menschen mit lebensbegleitenden psychischen Erkrankungen vor, in denen Nutzer_innen gemeindepsychiatrischer Angebote zu ihren Unterstützungsbedarfen befragt werden. (Altwein/Hormuth 2009; Gromann 2012; Kahl 2016; Gutkowski/Heuel/Moselhy 2018; Rohleder 2018; Speck/Steinhart 2018) Dabei wird deutlich, dass diese einer erhöhten Gefahr der Kumulation von allgemeinen Risikofaktoren für ein „erfolgreiches“ Alter(n) – chronifizierte Armut, Einschränkungen der psychischen und somatischen Gesundheit, kleine, instabile soziale Netzwerke, soziale Ausgrenzungserfahrungen – ausgesetzt sind. Dementsprechend werden ältere Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen zu den Seniorengruppen gezählt, die im höheren Lebensalter ein gesteigertes Risiko für verwehrte soziale Teilhabe haben. (Kricheldorff/Tesch-Römer 2013, 304) Bislang finden sich allerdings nur wenige Untersuchungen zu der Frage, wie in den Systemen der Behinderten- und Altenhilfe/Pflege auf die z. T. erheblichen Bedarfe an Unterstützung reagiert wird.

Methoden: Explorative qualitative Befragung von Leitungskräfte aus verschiedenen Angebotsbereichen der Gemeindepsychiatrie (Sozialpsychiatrischer Dienst, ABW, stationäres Wohnen, Institutsambulanz, Tagesstätten, Kontakt- und Begegnungsstätten, Selbsthilfevertretung).

Ergebnisse: In den verschiedenen Arbeitsbereichen stellen sich die wahrgenommenen Anforderungen aufgrund des Alter(n)s der Klient_innen sehr unterschiedlich dar. Als besondere Belastung wird empfunden, dass bei vielen älteren Klient_innen Herausforderungen des Alter(n)s einerseits durch Negativsymptomatiken psychischer Erkrankungen, wie z.B. Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug, aber auch durch Armut, verschärft werden, andererseits die notwendigen  Anpassungen des Versorgungsarrangements häufig ohne Unterstützung informeller Netzwerke, wie z.B. Angehöriger, professionell organisiert werden müssen. Dabei tragen die gegenwärtigen Leistungs- wie Angebotsstrukturen den Mehrbedarfen der Fachkräfte und den geänderten Bedarfen der Zielgruppe noch kaum Rechnung. Die Versorgungssituation von älter werdenden Menschen mit einer lebensbegleitenden psychischen Erkrankung verdeutlicht somit wie in einem Brennglas die bestehenden Versorgungslücken im System der Hilfen für alle diejenigen älteren Menschen, bei denen soziale Benachteiligungen kumulieren und die im Alter nahezu vollständig auf eine Unterstützung durch das professionelle Hilfesystem angewiesen sind.

10:30
Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung am Lebensende
S20-03-04 

A. L. Roemer; Münster

Die Situation von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter, speziell die Begleitung am Lebensende hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Aufgrund der hohen Opferzahlen des Euthanasie- Programms der Nazis erleben wir erst viele Jahrzehnte nach dem Krieg eine Generation älter werdender Menschen mit geistiger Behinderung (vgl. Dieckmann et al. 2015).

Im Rahmen des BMBF geförderten Forschungsprojekts Palliative Care for people with intellectual and multiple disabilities (PiCarDi) wird derzeit (Projektlaufzeit 2017 – 2020) die besondere Versorgungssituation von Menschen mit geistiger und schwerer Behinderung in NRW, Berlin und Sachsen betrachtet.

In drei Teilprojekten werden unterschiedliche Perspektiven befragt. Das Teilprojekt PiCarDi - D (KatHo NRW, Standort Münster) erforscht in drei Phasen die Eingliederungshilfe. Teilprojekt PiCarDi - P (Humboldt- Universität, Berlin) nimmt Palliative Dienste und Hospize in den Blick, während Teilprojekt PiCarDi - U (Universität Leipzig) partizipativ die Perspektive von Menschen mit geistiger Behinderung erforscht.

Das am Institut für Teilhabeforschung angedockte Teilprojekt PiCarDi - D hat zunächst im Rahmen einer Konzeptpapieranalyse Träger der Eingliederungshilfe in den Blick genommen, außerdem wurden mittels eines Online- Fragebogens Leitungskräfte und Mitarbeitende in Wohngruppen in denen es konkrete Sterbefälle gab, befragt. Zusätzlich wurden qualitative Interviews mit Einrichtungsleitungen und Mitarbeitenden geführt.

Das Projekt schafft damit erstmalig einen Überblick zur Situation von Menschen mit geistiger Behinderung am Lebensende.

In diesem Symposiums Beitrag sollen erste Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Konzeptpapieranalyse des Teilprojekts PiCarDi – D vorgestellt werden.

Darüber hinaus eröffnet die Einführung des §132g SGB V die Diskussion um Beratungsangebote zur gesundheitlichen Versorgungsplanung. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse aus dem PiCarDi Projekt gilt es nun zu diskutieren inwiefern Konzepte solcher Beratungsangebote auf die Bedarfe von Menschen mit geistiger Behinderung angepasst werden müssen.

Dieckmann F; Giovis C; Offergeld J (2015): The Life Expectancy of People with Intellectual Disability in Germany. Journal of Applied Research in Intellectual Disability, 28 (5), 73-82.

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