Freitag, 20.09.2019

14:15 - 15:45

R112/113

W20-13

Zugang suchen und finden. Zugänge zu Forschung und Versorgung aus Sicht von Forschenden und Betroffenen.

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg

Ergebnisse gerontologischer Forschung fließen in gesellschaftliche Diskurse und Veränderungsprozesse ein. Die Einbeziehung als „schwer erreichbar“ geltender älterer Menschen (z.B.  in Armut lebende Ältere, pflegebedürftige Ältere, Ältere mit psychischen Erkrankungen) in die gerontologische Forschung stellt insofern eine Form sozialer Teilhabe dar. Der Zugang zu „schwer erreichbaren Zielgruppen“ stellt jedoch besondere Anforderungen an die Forschungspraxis. Umgekehrt stoßen ältere Menschen in schwierigen Lebenslagen beim Zugang zu Versorgungsangeboten auf zahlreiche Barrieren, bspw. finanzieller, sprachlicher, baulicher oder (versorgungssystem-) “kultureller“ Art. 

In diesem Workshop möchten wir gemeinsam mit Forschenden und Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis diskutieren, wie sich Barrieren und Möglichkeiten des Zugangs in unterschiedlichen Bereichen systematisch beschreiben und überwinden lassen. Wir stellen zunächst das Stufenmodell „TIBaR“ vor, das aus Perspektive von Forschenden wichtige Schritte im Prozess des Zugangs zu als schwer erreichbar geltenden Zielgruppen nachzeichnet und sich auch auf Zugangsprobleme in der Praxis der Altenhilfe übertragen lässt. Daran anschließend beschreiben wir den Zugang zu einem konkreten Versorgungsangebot – der ambulanten Psychotherapie – aus der Perspektive älterer Menschen sowie weiterer am Versorgungsgeschehen Beteiligter (Hausärzt*innen, Psychotherapeut*innen). In der Zusammenschau beider Zugangsmodelle und unter Rückgriff auf die Perspektiven und Erfahrungen der Workshopteilnehmenden kann gemeinsam herausgearbeitet werden, wodurch Zugänge zur Teilhabe an Forschung und Versorgung erschwert sind, wie diese erleichtert werden können und welche Ressourcen hierzu notwendig sind.

14:15
Ältere Menschen für die Forschung gewinnen: Das TIBaR-Modell des Zugangs.
W20-13-01 

K. Kammerer, K. Falk, J. Fuchs; Berlin

Anwendungsbezogene gerontologische Forschung steht vor der Schwierigkeit, dass die Perspektiven bestimmter Gruppen älterer Menschen nicht in den Prozess der Erkenntnisgewinnung einfließen, so dass auch die auf dieser Basis entwickelten Maßnahmen und Angebote nur unzureichend auf deren Situation ausgerichtet ist. Gesellschaftlich verantwortliche Altersforschung zu betreiben, erfordert es, die Perspektiven unterschiedlicher Zielgruppen angemessen zu berücksichtigen. Insbesondere für ältere Menschen kann die Teilnahme an Forschungsprojekten jedoch eine Herausforderung bedeuten. Der Teilnahme können zeitliche, räumliche und gesundheitliche Gründe im Wege stehen, aber auch Misstrauen oder Zweifel an dem Nutzen einer Teilnahme. Insbesondere Hochaltrige und sozial benachteiligte Menschen, aber auch ältere Menschen mit Migrationshintergrund oder mit körperlichen und/oder psychischen Beeinträchtigungen, werden von manchen Forschungsprojekten kaum erreicht. Ältere Menschen in benachteiligten Lebenslagen als Teilnehmende für Forschungsprojekte zu gewinnen, stellt insofern eine Herausforderung für Gerontolog*innen dar. Sie werden in Forschung und Praxis gelegentlich als „schwer erreichbare Zielgruppen“ bezeichnet.

Unter Rückgriff auf den Forschungsstand und Erfahrungen aus eigenen Studien wurde ein Stufenmodell des Zugangs zu Gruppen älterer Menschen entwickelt, die gemeinhin als für die Forschung „schwer erreichbar“ gelten. Für einen gelingenden Zugang muss 1) Vertrauen hergestellt (Build up Trust), 2) müssen Anreize geschaffen (Offer Incentives), 3) individuelle Barrieren potentieller Teilnehmender identifiziert (Identify individual Barriers) und schließlich 4) auf die identifizierten Barrieren eingegangen  werden (Be Responsive). Das Modell lässt sich im Rahmen unterschiedlicher Forschungsdesigns verwirklichen und kann dazu beitragen, den Zugang zur jeweiligen Zielgruppe zu verbessern. Es setzt allerdings ausreichend zeitliche und finanzielle Ressourcen sowie entsprechend qualifiziertes Personal voraus.

14:45
Wege älterer Menschen mit Depression in die ambulante Psychotherapie. Ein Phasenmodell des Zugangs
W20-13-02 

K. Falk, K. Kammerer; Berlin

Hintergrund: Die Inanspruchnahme gesundheitlicher Versorgungsleistungen unterscheidet sich nach Altersgruppen. Ursachen hierfür werden in Unterschieden der Morbidität, aber auch im Inanspruchnahmeverhalten gesehen. Zu beachten sind hierbei auch Zugangsbarrieren, die im Versorgungssystem selbst liegen, bspw. baulicher, finanzieller, sprachlicher oder (versorgungssystem-) kultureller Art.  Ein Bereich altersspezifischer  Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen ist die ambulante Psychotherapie. Diese wird von älteren Menschen mit depressiver Erkrankung seltener genutzt als von jüngeren Menschen.

Fragestellung: Die Studie „Psychotherapie im Alter – Barrieren und Möglichkeiten des Zugangs (PSYTIA)“ zielte darauf, Barrieren und Zugänge für ältere Menschen mit depressiver Erkrankung auf dem Weg in Psychotherapie aus Perspektive der am Versorgungsgeschehen Beteiligten (ältere Menschen, Hausärzt*innen, Psychotherapeut*innen) zu identifizieren.

Methode: Anhand von leitfadengestützten Interviews mit älteren Menschen mit Depressionserfahrung (n=18), Hausärzt*innen (n=14) und Psychotherapeut*innen (n=11) wurde der Zugang zu Psychotherapie als ein mehrphasiger sozialer Prozess rekonstruiert, an dem unterschiedliche Akteure mit ihren jeweiligen Wahrnehmungen und Orientierungen beteiligt sind.

Ergebnis: Der Zugang älterer Menschen mit depressiver Erkrankung zu ambulanter Psychotherapie lässt sich als vierphasiger Prozess beschreiben: die erste Phase umfasst den Wunsch nach Klärung und (Ab-)Hilfe, die zweite Phase die Erwägung von Psychotherapie als Möglichkeit, die dritte Phase die Suche nach einem Psychotherapieplatz und die vierte Phase die Entwicklung einer hilfreichen psychotherapeutischen Beziehung. Neben den Psychotherapie-Suchenden sind weitere Akteure (insbesondere Hausärzt*innen und Psychotherapeut*innen) in den Zugangsprozess involviert. Die verschiedenen Phasen sind durch unterschiedliche potentielle Barrieren und Zugangserleichterungen gekennzeichnet. Diese liegen sowohl in den Strukturen des Versorgungssystems als auch in Handlungsorientierungen der Beteiligten.

Diskussion: Der Beitrag verdeutlicht, wie materielle und immaterielle Voraussetzungen des Versorgungssystems sowie Handlungsorientierungen den Psychotherapiezugang für ältere Menschen mit Depression erleichtern oder erschweren können. Er gibt damit Hinweise aus gerontologischer Perspektive für eine Weiterentwicklung des psychotherapeutischen Versorgungssystems.

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